London vom Schnee gelähmt: Ein Frenchie bricht das Eis

Artikel veröffentlicht am 31. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 31. Dezember 2010
Was zunächst als ein Kurztrip nach London geplant war, entpuppte sich als unfreiwilliges Überwintern auf der britischen Insel. Ein festgeeister Frenchie berichtet.

„Da hat man also 600 Euro für einen Flug ausgegeben, der nicht stattfand und schläft seit zwei Tagen im Flughafen." Ich bewege mich in Turnschuhen die Einflugschneise zu meinem Flugsteig entlang und erkenne nicht sofort, auf welchem Stresslevel sich diese junge französische Urlauberin befindet, die müden Schritts ihren Koffer durch die Gegend schleppt und kurz davor ist loszuheulen. Auch die Grimasse, mit der mein Frankreichticket bei der Abfertigung gelocht wurde, alarmierte mich nicht. Ja, nicht einmal die anakondagleich gewundene Warteschlange vor dem Sicherheitscheck konnte mich beeindrucken. Ich war wohlgemut, heiter, mein Gemüt durchdrungen von dem Glauben, dass Dinge wie die Annullierung von Flügen nur Anderen zustoßen. Ich konnte nicht ahnen, dass mich hinter dem Zoll die Bronx in ihre Arme schließen wollte.

Terminal-Germinal

McDonalds-Tüten, Verpackungsmüll, ein mit Hintern bestreuter Boden. Bestürzung und Beben vor den Kontrolltafeln, Wut und Genervtheit hinter den Informationsschaltern, inmitten der anderen Passagiere ist selbst ein archetypischer Geschäftsreisender mit Krawattennadel am Ende seiner Nerven. Gerade noch gelingt es einem Vertreter der Fluggesellschaft, seine Kippe auszulassen. Versteinert beobachte ich, wie sich der Terminal in eine wahre Menschendeponie verwandelt. Gewaltige Spannung liegt in der Luft, schon bei der geringsten Berührung kann man sich einen Elektroschock einfangen. Die gefühlte Temperatur muss an die 40 Grad betragen. Im Schatten der Mangroven begreife ich langsam, dass nun auch ich Mitspieler im schlimmsten vorweihnachtlichen Passionsspiel bin, das das Vereinigte Königreich je gesehen hat.

20 Grad unter dem Gefrierpunkt

Seit dem Wochenende vom 18. Dezember hat es säckeweise auf London herabgeschneit. Völlig unerwartet hat Heathrow, Europas wichtigster Flughafen, für zwei Tage den Betrieb eingestellt ... und damit blieben Tausende von Fluggästen auf den eisigen Terminalfliesen sitzen. Trotzdem hat British Airways den Passagieren geraten, sich nicht an den Abfluggates einzufinden. Am Montag, dem 20. Dezember ringelte sich die Warteschlange für den Eurostar zwei Kilometer die Straße entlang! Kurz gesagt: Das Chaos regiert. Und manche behaupten, es sei unmöglich, all die wartenden Passagiermassen vor Weihnachten zu bewegen. Also: What else?

In der Nacht lagen Temperaturen in London teilweise unter -20 Grad"Frozen Britain" - unter diesem Titel begleiten die BBC-Journalisten jeden Tag die aktuellen Entwicklungen. Recht passend, wenn man hört, dass in der Nacht von Sonntag auf Montag in Chesham bei Oxford -19,6 Grad Celsius gemessen wurden. Vor meinem Fernsehschirm fühle ich mich trotzdem im Warmen, glücklich für meine restlichen Urlaubstage ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben - und das auf einer Insel, die sich nunmehr im Permafrost befindet. Denn auf den Gängen der (Flug-)Steige zählen die Journalisten schon nicht mehr die Dehydrierten, die Liter an Kindertränen wegen Weihnachtsbaummangel oder die Erwachsenen mit Schlafstörungen. Ich für meine Person bereite mich in meinem relativen Komfort darauf vor, Pute mit Zwiebeln zu essen, von Crackern zu furzen und mich an der Auswahl feinster Harrod's Schokoladen zu überfressen, die ich eigentlich als Geschenk für meine Großmutter eingeplant hatte.

Abwarten und Eistee trinken

Zuweilen lasse ich meinen Urlaub hier Revue passieren: Wie ich am Vortag auf der Flucht vor Londons „Big Smoke“ sorglos in der National Gallery abgehangen habe, draußen auf der Straße trällerten ein paar junge Kerle Weihnachtsliedchen. Das alles, das eingeschneite Tannenzelt am Trafalgar Square, Big Ben, Westminster Council, Buckingham Palace ... weiß überstreut ... sah klasse aus. Alter, nie hätte ich gedacht, dass der Schnee mir mein Weihnachten verderben könnte. Im Gegenteil. Mittlerweile ernüchtert, sehe ich Straßengören beim Schneemannbauen zu. Das Leben nötigt mich zu bitterer Orangenmarmelade und Roastbeef und auch zum Abwarten und Tee trinken - Eistee.

Fotos: (cc)noise64/flickr; Aus Big Smoke wird Big Cold: (cc)ollycoffey/flickr; Videoreportage: ©BFMTV/youtube