London: Hackney Wick, Fish Island und die dunkle Seite der Coolness

Artikel veröffentlicht am 18. März 2016
Artikel veröffentlicht am 18. März 2016

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Die londoner Viertel Hackney Wick und Fish Island beheimaten Europas dichteste Konzentration von Künstlern. 2012 wurden hier die Olympischen Spiele ausgetragen. Die Flaggen wehen jetzt nicht mehr und die Athleten haben sich längst andere Sportplätze gesucht. Aber für die Einheimischen, die aus ihren Wohnungen verdrängt werden, wird der Muskelkater noch viel länger als erwartet anhalten.

Die Zugtüren öffnen sich auf einen nassen Bahnsteig, eine Station vor Stratford, und sofort kann man die Verwandlung sehen, die Londons Ostteil in den letzten Jahren durchgemacht hat. Im Vordergrund bedecken zwei riesige Buchstaben – H und W – die Wand einer ehemaligen Fabrik. Sie stehen für die Initialen des Viertels, das einst ein Juwel der britischen Wirtschaft war. Dahinter kommt ein Labyrinth aus alten Straßen und noch weiter hinten sieht man den Fluss Lea, der den Stadtteil Hackney Wick von seinem Zwilling Fish Island trennt. Fish Island ist diskreter und unauffälliger, dem Viertel bleiben die neugierigen Touristen und pub crawler aus Hackney Wick erspart. Ansonsten birgt es ähnliche Schätze wie Hackney Wick: Fabriken aus der viktorianischen Zeit, gigantische Lagerhäuser, sogar die älteste Lachsräucherei Londons. Alles hat sich in Gemeinschaftsräume zum Wohnen und Arbeiten und für soziale, künstlerische oder kulturelle Projekte verwandelt. Schließlich sieht man auch das olympische Stadium und den ArcelorMittal Orbit Aussichtsturm, die sich in den grauen Hintergrund der Regenwolken einfügen. Sie sehen aus wie ein anderer Planet auf Kollisionskurs, kurz davor, in die älteren Viertel zu krachen. Sie sind die Reste der Olympischen Spiele 2012 in London.

Brot und Spiele

Die roten Buchstaben sind eigentlich ein Ausschnitt aus einem Wandbild, das Coca-Cola als offizieller Sponsor der Spiele in Auftrag gegeben hatte. Es bedeckte die ganze Wand, bis empörte Anwohner das Wort „SHAME“ (Schande) darüber schmierten. Heute ist keine Spur dieser Botschaft übrig (es ist fast unmöglich, ein Bild der beschmierten Wand zu finden, außer hier). Die Kontroverse wäre auch ziemlich banal, wenn sie nicht ein viel wichtigeres Problem symbolisieren würde – eines, das die Bewohner von Hackney Wick und Fish Island (ab hier HWFI) betrifft. Es ist ein Fall von Gentrifizierung und Machtmissbrauch, wie er im Buche steht. Und das in einer Stadt, die mit fast den größten sozioökonomischen Ungleichheiten in Europa kämpft.

Traditionelle Industrie bildete einmal den Kern aller Aktivitäten in der Gegend. Hier stehen die Fabriken, in denen der erste thermo-plastische Kunststoff erfunden wurde (Parkesine, später Zelluloid). Als 1980 die Industrie zusammenbrach, leerten sich hektarweise Wohn- und Arbeitsräume. Diese wurden bald besetzt und später wieder bewohnt – oft von abgebrannten Künstlern. Es entstand eine Atmosphäre der kreativen Selbstverwaltung, in der eine neue Generation von HWFI-Bewohnern den Grundstein für ein paralleles sozioökonomisches System legte. Diese Gesellschaft basierte auf den Prinzipien von gegenseitiger Hilfe, Spontanität und Experimentierfreude. Jahrelang brachten sie unter dem relativ gleichgültigen Blick der Behörden Farbe an die Wände der beiden londoner Viertel. Dann wurden die olympischen Spiele angekündigt und die Aussicht auf schnellen Profit brachte die Hauptstadt Großbritanniens zum Sabbern.

Das R-Wort ist das neue G-Wort

Vor nur einem Jahrzehnt konnte man oft den Satz hören, jeder, der die Bedeutung des Wortes Gentrifizierung kenne, sei selbst Teil derselben. Dieser Begriff wurde 1964 von der londoner Wissenschaftlerin Ruth Glass geprägt und ursprünglich in akademischen Zusammenhängen benutzt. Heutzutage hört man das Wort ziemlich oft, und meistens in einem anklagenden Tonfall. Deshalb wurde das „G-Wort“ nach und nach aus dem Wortschatz der Bauträger verbannt und durch Wörter mit viel positiveren Konnotationen ersetzt, wie zum Beispiel „Regeneration“. In „Dableiben: Ein Handbuch gegen die Gentrifizierung für gemeindeeigene Wohnsiedlungen in London“ (Staying Put: An Anti-Gentrification Handbook for Council Estates in London) wurde Regeneration zweifelsfrei als Symptom des gleichen Phänomens identifiziert. In dem Ratgeber finden wir zwei Fragen unter der Überschrift „Merkmale [der Gentrifizierung], nach denen Sie auf ihrem Grundstück Ausschau halten sollten“: „Hat ihr Gemeinderat ihr Grundstück als möglichen „Entwicklungsstandort“ gelistet?“ und „Befindet sich ihr Grundstück in einem „Zielgebiet“ des London Plans?“

Soweit es darum geht, HWFI in ein „Zielgebiet“ zu verwandeln, kann eine Studie in den Akten der London Legacy Development Corporation (LLDC) aufschlussreich sein – dem Gremium, das für genau diese nach-olympische Regeneration verantwortlich ist. In einem kleinen Kasten steht der Satz: „Wir erwägen derzeit, wie viel bezahlbarer Wohnraum in den Plan integriert werden kann und arbeiten auf ein Ziel von 10 % hin“.

Was die ökonomische Erholung angeht, die die Spiele durch die Touristenströme herbeiführen sollten, so haben die HWFI-Bewohner sehr wenig davon mitbekommen. Die Behörden haben die U-Bahn-Station Hackney Wick während der olympischen Wochen geschlossen, um die Touristen stattdessen nach Stratford zu leiten. Kurz gesagt: für alle, die vor den olympischen Spielen in HWFI gelebt haben, stehen die Chancen in ihrer Wohnung zu bleiben bei eins oder zwei zu zehn, vor allem, wenn die Familie aus mehr als zwei Personen besteht. Es sei denn, man kann sich eine Einraumwohnung für 400.000 Pfund leisten.

Tatsächlich besitzt LLDC einen wachsenden Anteil an Land in Hackney Wick. Sie hat dort Planungsvollmächte, die es ihnen erlauben, zu kaufen was ihnen noch nicht gehört. Schuld daran ist die allmächtige Compulsory Purchase Order.

Man könnte dort bleiben und ärmer werden, während die Mieten steigen. Darum kämpfen, über die Runden zu kommen, während ringsum die Leute ihre Frappucinos für 5 Pfund trinken und (fälschlicherweise) den Besitzern dieser Hipstercafés und den Künstlern die Schuld an allen Problemen geben. Dabei sind die Cafébesitzer nur Symptom eines tieferliegenden Mechanismus und die Künstler oft selbst Opfer der Gentrifizierung.

Die Geschichte wiederholt sich

„Im Allgemeinen suchen Künstler in London niedrigere Mieten als andere Berufsgruppen und soziale Schichten“, so Richard Brown. Seine Affordable Wick Initiative spricht die Verantwortung der Künstler gegenüber ihrem Umfeld an. „Momentan haben wir ein großes Problem, weil klar ist, dass Künstler und kreative Typen für den aktuellen scharfen Preisanstieg in Hackney Wick verantwortlich sind. Durch Künstler wird so ein Ort ansehnlicher. Sie ziehen eine Wirtschaft an, die für viele langjährige Einwohner nicht erreichbar ist.“

Zu allererst ist es wahrscheinlich eine gute Idee, die zwei Facetten dieses Phänomens zu unterscheiden. In HWFI ist der offensichtlichste und meist kritisierte Aspekt zweifellos das sogenannte „Place Marketing“: ein komplexer Mechanismus, mit dem versucht wird, eine Gegend in eine Marke zu verwandeln um sie „sexier“ zu machen. Dazu werden vor allem „Lifestyle Medien“ benutzt und ganz bewusst moderne Geschäfte eröffnet. Oft sind Künstler bewusst oder unbewusst Komplizen in einem Prozess, der sie früher oder später aus dem eigenen Viertel vertreibt. Angesichts einer Invasion, die sich hinter einer Maske der Coolness versteckt, blühen in HWFI unkoordinierte und manchmal schlecht zusammenpassende Widerstandsgesten. Das bekannteste Beispiel dafür ist die berühmte Keep Hackney Crap Kampagne.

Aber die echten Entwicklungen spielen sich unter der Oberfläche, in weniger glamourösen Formen ab. Dort verursachen die abstrakten Zahlen von Schreibtischtätern sehr reales soziales Leid. Wer aktiv an der Gentrifizierung mitarbeitet, kann sie praktischerweise als Naturgesetz darstellen. So wie die Schwerkraft, oder das Wissen, dass in einer Tüte Fish Sticks nie eine Spur von echtem Fisch zu finden ist. Die gleichen Leute unterstellen, dass eine verarmte Gegend keine Alternative hätte, als ihre früheren Bewohner im Namen der Regeneration zu vertreiben.

Viele Bewohner von HWFI wünschen sich eine Regeneration, die bessere lokale Organisation und Fortschritte in der Infrastruktur und Sicherheit mit sich bringt. Aber es ist absurd, dass sie diese Ziele nur erreichen können sollen, indem sie verschwinden. Angesichts dieser städtischen Auslese muss man den Gedanken bestreiten, hohe Mieten seien die letzte Bastion gegen ein eingebildetes urbanes Chaos. „Widerstand gegen die Gentrifizierung hört schnell auf, eine Randerscheinung zu sein und organisiert sich besser“ schreibt Dan Hancox in einer Kolumne der britischen Tageszeitung The Guardian.

Ohne diesen Widerstand wird HWFI den gleichen Weg gehen, wie Shoreditch oder Elephant and Castle vor ein paar Jahren: In diesen Vierteln wurde die Arbeiterklasse gnadenlos vertrieben, um Platz für eine soziale und kulturelle Entwicklung zu machen, die außerhalb ihrer Reichweite lag und verdächtig nach einem Shopping-Center aussah. Ohne Widerstand werden von dem wundervollen kreativen Chaos in Fish Island bald nur noch ein paar Gräten übrig bleiben.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.