Lívia Járóka, von der Aktivistin zur Politikerin

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2006
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2006

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Als Abgeordnete im Europäischen Parlament setzt sich die Ungarin Lívia Járóka in Brüssel für die Rechte der Roma ein – die Heimat hat sie deswegen aber nicht vergessen.

Ich treffe Lívia Járóka an dem Tag, an dem Vladimir Putin auf Staatsbesuch in der ungarischen Hauptstadt ist. Während sich die Medien auf den russischen Staatschef stürtzen, werden in einer kleinen Seitengasse in Budapest wichtige Gespräche geführt. Lívia Járóka, Abgeordnete im Europaparlament, erklärt sich damit einverstanden, mir in einer ruhigen Minute zwischen den Gesprächen ein paar Fragen zu beantworten. Während Politiker nebenan auf sie warten, berichtet sie mir leidenschaftlich von ihrer Mission: Dem Rassismus gegen die Roma ein Ende zu setzten und den Menschen zu helfen, ihren Platz in Europa zu finden.

Eine lange Leidensgeschichte

Die Roma gehören zu einer der am längsten diskriminierten Minderheiten in Europa. Man nimmt an, dass sie vor 1000 Jahren von Indien nach Europa kamen. 1471 wurden die ersten zigeunerfeindlichen Gesetzte in der Schweiz erlassen. In den darauf folgenden 500 Jahren verstärkten sich die Feindseligkeiten gegenüber den Roma noch weiter. Im zweiten Weltkrieg töteten die Nazis zwischen 200 000 und 800 000 Roma, ein Völkermord, der unter dem Namen Porajmos in die Geschichte einging.

1999 fand dieses beschämende Kapitel europäischer Geschichte in den ethnischen Säuberungen im Kosovo seine Fortsetzung. Selbst heute noch deckt das European Roma Rights Centre („Europäisches Zentrum für die Rechte der Roma“) weiterhin Fälle von weit verbreitetem Rassismus gegen die Roma in ganz Europa auf. Aktivisten wie Lívia Járóka versuchen, eine europäische Lösung für dieses europäische Problem zu finden.

Seit Beginn ihrer politischen Karriere hat sich Járóka stets bemüht, die Situation der Roma-Minderheit in das Bewusstsein der ungarischen und der europäischen Öffentlichkeit zu bringen. Die stille, aber bestimmte Aktivistin erzählte mir von den Anfängen ihrer Karriere: „Als Anthropologin hatte ich das Leben der Roma jahrelang untersucht und war daher für die Politiker, die sich mit den Menschenrechten beschäftigten, keine Unbekannte. Sie fragten mich regelmäßig nach meiner Meinung und ich schreckte nie davor zurück, sie zu kritisieren, wenn ich es für notwendig hielt.“

Während ihrer Studien im Ausland arbeitete Járóka zum ersten Mal mit Roma-Verbänden außerhalb Ungarns zusammen. 2004 wurde sie als erste Roma für die größte ungarische Oppositionspartei, Fidesz, als Abgeordnete ins Europäische Parlament gewählt. Dort fand sie sich jedoch schnell zurecht und wurde Mitglied der Europäischen Volkspartei. Außerdem ist sie die Vize-Präsidentin der European Anti-Racism and Diversity Intergroup („Arbeitsgruppe gegen den Rassismus und für die Vielfalt in Europa“).

Schwerstarbeit

Die Frage, ob es ihr nicht schwer fiele, als junge osteuropäische Frau in einem Beruf, der hauptsächlich von Männern mittleren Alters dominiert würde, als exotisch betrachtet zu werden, überrascht Járóka nicht. „Ich musste zweimal soviel arbeiten, um von ihnen ernst genommen zu werden. Meine Kollegen und ich haben gute und professionelle Arbeit geleistet, indem wir den Politikern die Lage der Roma in Europa vor Augen geführt haben. Im Gegensatz zu anderen Minderheiten gibt es für die Roma noch kein Netzwerk von Zivilorganisationen. Meine Mission besteht darin, die Schaffung solcher Netze zu unterstützen und die Vorurteile gegenüber den Roma in Europa abzubauen.“ Dann fügt sie noch hinzu: „Alle europäischen Entscheidungsträger müssen über die Lage der Roma aufgeklärt werden.“

Ich frage sie, ob es nicht schwierig sei, inmitten der europäischen Politik idealistisch zu bleiben. „Bei meinen Einsätzen als Aktivistin musste ich lernen, Kompromisse einzugehen. Man sollte sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Selbst in dem verwobenen Netz europäischer Interessenpolitik ist es möglich, sich auf zufrieden stellende Lösungen zu einigen. Zuerst sind wir zwar auf Granit gestoßen, weil sich unsere Aktionen nicht mit anderen politischen Zielen vertrugen. Die EU erkennt mittlerweile aber an, dass die Belange der Roma nicht unter den Tisch fallen können.“

Hoffnung für die Zukunft

Nach jahrelangem Ringen verabschiedete das Europaparlament im Jahr 2005 schließlich die „Resolution für die Rechte der Roma“. Allerdings ist das Dokument eher eine detaillierte Beuteilung der momentanen Situation als eine Resolution im eigentlichen Sinne. Aus ihm geht klar hervor, dass die „zwölf bis fünfzehn Millionen Roma in Europa, von denen sieben bis neun Millionen in der EU leben, aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. In vielen Fällen sind sie Opfer von struktureller Diskriminierung, Armut und sozialem Ausschluss. Darüber hinaus werden sie allgemein aufgrund von Geschlecht, Alter, Behinderung und sexueller Gesinnung diskriminiert.“

Die jüngsten Immigrationsprobleme in Europa, wie zum Beispiel die Unruhen in den Pariser Banlieues im November 2005, haben den Kampf für die Rechte der Roma erschwert. Sie bilden immer noch eine unterprivilegierte Minderheit. Für die europäische Öffentlichkeit sind sie Außenseiter. Járóka erklärt, dass es ihr manchmal so vorkäme, als sei sie in ihrem Kampf gegen die europäische Bürokratiemühle ganz allein. Glücklicherweise unterstützten Abgeordnete aus verschiedenen Parteien die Sache. „Wir können nur gemeinsam etwas erreichen.“, fügt sie hinzu.

Die Abgeordnete ist fest entschlossen, ihre Mission erfolgreich zu beenden, selbst wenn sie dabei auf unorthodoxe Methoden zurückgreifen muss. Im Rahmen der Modernisierungskampagne der Europäischen Volkspartei wird gerade eine Werbesendung mit dem Titel „Wertebündnisse“ produziert. „Ich werde das Gesicht dieser Kampagne sein. Ich habe mich zwar immer ferngehalten von politischem Marketing, aber mir ist klar geworden, dass Image in einer Welt, die in beträchtlichem Maße von den Medien mitbestimmt wird, eine große Rolle spielt. Als Politikerin musste ich diese Chance ergreifen, um unseren Kampf gegen die Diskriminierung voran zu treiben.“

In Kontakt bleiben

Die meiste Zeit verbringt Lívia Járóka in Brüssel oder auf Reisen durch die EU. Ich frage sie, wie sie mit den Menschen in der Heimat in Kontakt bleibt: „Es gibt in Europa keine größere Kluft als die zwischen dem Diplomatenviertel in Brüssel und den Slums in Osteuropa. Wir telefonieren täglich und nutzen das Internet. Außerdem fahren wir beinahe jede Woche nach Hause.“

Trotz all der Arbeit legt Járóka sehr viel Wert darauf, ihre Prioritäten klar zu definieren. „Selbstverständlich ist meine Familie das wichtigste für mich. Wir verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander. Das bedeutet natürlich auch, dass sie mich überall hin begleiten müssen, denn meine Familie gibt mir schließlich die Unterstützung, die ich für meine Arbeit brauche. Das ist mein Leben.“

Lívia Járóka wird Europa die Lage der Roma nicht so schnell vergessen lassen.