Liv Holm Andersen: "Griechenland nicht unser System aufzwingen, nur weil es in Skandinavien funktioniert"

Artikel veröffentlicht am 19. September 2011
Artikel veröffentlicht am 19. September 2011
Wenn sie redet oder lacht, verwendet sie eine mediterrane Gestik. Sie spricht auch ein bisschen Griechisch. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Die 24-jährige Liv Holm Andersen ist eine der jüngsten Politikerinnen Dänemarks und war zu den dänischen Parlamentswahlen am 15. September Kandidatin für die zweitkleinste Partei des skandinavischen Landes, die Radikale Venstre.
In Athen unterhalten wir uns über Europa, den Balkan und darüber, wie man von Spanien lernen kann.

Es ist keine große Überraschung, dass Liv Holm Andersens Interesse für Politik schon in einem frühen Alter geweckt wurde. Noch bevor sie 15 Jahre alt wurde, schlug sie ihr Lehrer, der gleichzeitig Sozialdemokrat war, für den Debattierklub der Schule vor. „Ich entschied mich für ein Studium der Politikwissenschaft, um Politikerin zu werden, und nicht umgekehrt“, erklärt Liv. An der Universität gehörte sie einer Partei an, wodurch sie lernte, ihre eigene Kampagne auf die Beine zu stellen. Dies erwies sich als hilfreich: Liv Holm Andersen wure mit nur 24 Jahren als Kandidatin der Radikale Venstre (Sozialliberale Partei Dänemarks) für die dänischen Parlamentswahlen am 15. September aufgestellt. Und die Jungpolitikerin konnte gleich einen Erfolg verbuchen: Dänemark wird künftig von einem Mitte-Links-Bündnis regiert und die Sozialliberalen konnte ihr Ergebnis von 2007 fast verdoppeln. Zukünftig werden 17 Abgeordnete der RV im Parlament sitzen.

Probleme in Dänemark und auf dem Balkan

Liv Holm Andersens Sicht Europas wurde von ihren Erlebnissen als 6-Jährige in der norddänischen Stadt Støvring geprägt. Ihre Eltern nahmen eine der vielen bosnischen Familien auf, die aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen waren. Damals erkannte sie, dass es eine Welt außerhalb Dänemarks gibt. Seit Liv sechs Monate lang in der dänischen Botschaft in Athen arbeitete, befürwortet sie den „griechischen Ansatz“: Das griechische Außenministerium unterstützt den Beitritt der Balkanstaaten zur EU im Rahmen der Agenda 2014.

„Dänemark ist weit vom Balkan entfernt. Deshalb ist es den Dänen egal, was dort passiert“

„Im Gegensatz zu Griechenland ist Dänemark weit vom Balkan entfernt. Deshalb ist es den Dänen egal, was dort passiert“, erläutert Liv. „Die allgemeine Stimmung verrät, dass die Menschen sich keine Gedanken mehr machen brauchen, jetzt, da die Gefechte und Morde vorüber sind. Das ist falsch, denn in der Region gibt es nach wie vor Spannungen. Eine neue Krise würde zu großem Leid und zu einer hohen Instabilität in der ganzen Region führen. Der Balkan liegt im Herzen Europas. Die EU muss dafür bezahlen, dass wir den Krieg in unserem Hinterhof in den 1990er Jahren nicht aufgehalten und diesen Ländern nicht zu einer friedlichen und stabilen Zukunft verholfen haben. Stabilität ist auf dem Balkan die größte Herausforderung, insbesondere angesichts der Spannungen im Kosovo, der muslimischen Region Sandzak in Serbien, FYROM und Bosnien.“

Dänische Euroskeptiker

„Sie ist eine Dänin!“ erkläre ich einem Pärchen, das am Nachbartisch im Buenos Aires, einem argentinischen Café im Herzen Athens, sitzt. Liv kann ein bisschen Griechisch und findet leicht gemeinsame Probleme beider Länder, beispielsweise in Bezug auf die Steuerpolitik. Dänemark ist nicht Teil der Eurozone und deshalb von der gegenwärtigen Krise weniger betroffen; Griechenland hingegen hat 335 Milliarden Euro Schulden. Dänemark ist jedoch auch hoch verschuldet, die Rate liegt irgendwo zwischen 39% und 63%. „Bei einem Jahreseinkommen, das 390 000 Dänische Kronen [52 363 Euro] übersteigt, werden weitere 15% auf das Einkommen erhoben. Damit wird sichergestellt, dass größere Einkommen mehr besteuert werden“, erklärt Liv.

Dänen sind die glücklichsten Europäer

„Unser sozialstaatliche Tradition verlangt von uns, unsere Steuern 'mit einem Lächeln im Gesicht' zu bezahlen. Jede Partei in Dänemark glaubt an den Sozialstaat. In Griechenland fragen sich die Menschen, ob sie den Staat wollen oder nicht; in Dänemark weiß jeder, dass unser Staat gut funktioniert und sich um die Bedürftigen kümmert, indem er das Land vor zunehmender Kriminalität usw. schützt. Dies ist Teil unserer Geschichte! Die Starken schützen die Schwachen, und zwar zum Nutzen aller. Die Dänen sind allerdings auch ein bisschen besorgt. Unser Sozialstaat funktioniert – im Gegensatz zu Griechenland, Italien oder Spanien.

Aber wir können unser System Griechenland nicht aufzwingen, nur weil es in Skandinavien funktioniert. Flexibilität und Sicherheit sind hier die Stichworte [Flexicurity; A.d.R.]. Laut der Weltbank ist der dänische Arbeitsmarkt der flexibelste in Europa. Es ist einfach, Menschen einzustellen und wieder zu entlassen (Flexibilität). Gleichzeitig erhalten Unbeschäftigte ein hohes Arbeitslosengeld (Sicherheit). Die beste Methode wäre, uns gegenseitig zu helfen und zu inspirieren, um die Probleme zu lösen. So wie es während der Asyl-Krise in Griechenland war, als dänische Politiker zu Hilfe kamen.“

Spanien als Vorbild

Liv Holm Andersen reizt eine politische Karriere in ihrem Heimatland mehr als eine Laufbahn in Europa. Die Dänen sind gegenüber der EU, der sie 1973 beitraten, gespalten, erklärt sie. „Es reicht, Däne zu sein, da es der dänischen Gesellschaft politisch und wirtschaftlich gut geht. Viele sehen die EU als Zeitverschwendung an. Sie glauben, dass sie für die Union Opfer bringen müssen, von ihr selbst aber nicht profitieren. Intellektuelle und Vertreter der Wirtschaft behaupten, die Notwendigkeit der EU erkannt zu haben, doch andere fragen sich: ,Warum eine europäische und nicht eine internationale Gemeinschaft?‘“ Liv glaubt, dass Dänemark enger mit der EU zusammenarbeiten sollte. „Grenzüberschreitende Probleme können wir nicht alleine lösen. Dazu gehören Umweltverschmutzung, illegale Einwanderung und Drogen. Nationalisten wollen unsere Grenzen dicht machen. Aber unser kleines Land von der Außenwelt abzuschotten, wird unsere Probleme auf Dauer nicht lösen“.

„Es reicht, Däne zu sein“

Dänen mögen zwar „Euroskeptiker“ sein, aber introvertiert sind sie deshalb lange nicht. „Skandinavier lieben das Reisen um des Abenteuers willen“, lächelt Liv. „Wir sind mit unserem Leben sehr zufrieden, aber wir stellen gerne unser Gefühl von Sicherheit infrage. Wir sind eine der glücklichsten Nationen der Welt. Vor Lebensfreude sprudeln wir trotzdem nicht. Wir reisen gerne nach Italien, Griechenland oder Spanien zu offeneren, überschwänglicheren und scheinbar glücklicheren Menschen. Dabei ist uns stets bewusst, dass wir in unsere kleine, sichere Heimat zurückkehren können.“ Liv hat ein Jahr in Spanien verbracht. „Ich freue mich, dass Spanien sich zu einer liberaleren Gesellschaft entwickelt. Für den Einzelnen entstehen mehr Möglichkeiten und die kulturelle und religiöse Tradition, die jahrelang die Politik bestimmt hat, verliert an Bedeutung. Ich finde es bewundernswert, dass sie politische von kulturellen Ideen trennen wollen, indem sie beispielsweise den Einfluss der Kirche einschränken. Es war für mich ein riesengroßes Paradox, dass Spanien die gleichgeschlechtliche Ehe vor Dänemark erlaubt hat.“ In Europa gehe es nicht nur um Zusammenarbeit, bestätigt Liv, sondern auch darum, von anderen Ländern zu lernen.

Illustrationen: Mit freundlicher Genehmigung von ©LHA