Litauens Heimkehrer

Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2014

Wanderlust war gestern. Nachdem die Zahlen junger Litauer, die ihrem Land den Rücken kehren, 2010 mit der Krise zunächst regelrecht explodierten, ist der Brain-Drain mittlerweile fast Auslauflmodell. Viele Expats kehren, motiviert durch den Aufschwung im Land und attraktive Rückholpolitiken, in heimische Gefilde zurück. Hier einige Heimkehrerporträts aus Vilnius.

Marius und Akvile sind auf dem Sprung in Vilnius, der litauischen Hauptstadt. Sie haben einen ziemlich vollen Stundenplan. Denn seit ihrer Rückkehr in die Heimat geht ihre komplette Zeit und Energie für ihr neues Projekt drauf: ein Community-Dorf auf dem litauischen Land. „Wir übertreiben nicht, wenn wir erzählen, dass wir alles selbst machen - mit unseren eigenen Händen“, erklärt Akvile. Seit einem Jahr ackern die Jungs mit ein paar Freunden hart, um Häuser zu bauen, Bohnensamen zu säen und Hühner und Schafe zu züchten – das Ganze garniert mit dem ein oder anderen YouTube-Video und der Lust, etwas Neues zu schaffen.

Heute sind die beiden Freunde im grünen Kalnų parkas, gleich neben der Kathedrale in Vilnius, unterwegs. Der Park ist so etwas wie die touristische Lunge der Stadt – ein Platz zum Durchatmen. „Dieser Ort hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, vorher war er ziemlich runtergekommen“, stellt Akvile fest und zeigt auf den frisch gemähten Rasen, das Kinderkarussell und die nett angelegten, säuberlichen Gehwege. Unterwegs zeigen die beiden mir außerdem die Architekturfakultät, wo sie studiert haben.

Nach der Diplomvergabe waren erstmal 10 Monate Arbeitslosigkeit an der Tagesordnung - und deshalb entschieden sich Marius und Akvile zunächst, nach Belgien auszuwandern. Genauer genommen nach Brügge. Wir schreiben das Jahr 2010 und eine wilde Krise wütet auf dem Alten Kontinent. Der Impuls kam also recht natürlich: Hier in Litauen ist das Leben zu teuer, um mit dem Mindestlohn (ca. 300 Euro) im Alltag zurechtzukommen. Jeder kleine Nebenjob in Westeuropa ist also herzlich willkommen. Drei Jahre lang waren sie hintereinander Gärtner, Taucher, Reinigungskräfte und Köche. „Alles lief prima, wir hatten einen Job, die leute waren ziemlich freundlich und wir konnten Geld zurücklegen“, erinnert sich Akvile. 

Irgendwann kommen aber auch unsere zwei Expats dahinter, dass Heimweh kein Mythos ist. „Zu einem Zeitpunkt habe ich mir gedacht, es wäre schön, näher an der Familie dran zu sein“, sagt Akvile und lacht. Sie entscheiden also, dass sie zurück wollen, um ihr frisch verdientes Geld in ein neues Projekt in heimischen Gefilden zu investieren. Mit ihren Ersparnissen könnten sie fast ein Jahr auskommen, ohne arbeiten gehen zu müssen – gerade Zeit genug, um das Haus fertigzubauen.

Wanderlust

Diese Art Kontinentalwanderung ist keineswegs mehr eine Seltenheit. Seit Litauen 1990 unabhängig wurde, ist ein Viertel seiner Bevölkerung auf die Suche nach dem persönlicghen Glück ins Ausland gegangen. 2004 erleichtert der Beitritt zur Europäischen Union abermals die Mobilität. Die Anzahl der berufsbedingten Nomaden steigt im Folgejahr um 50 Prozent.

Doch irgendwann lassen Krise und Arbeitslosigkeit das Land ausbluten. Überalterung der Bevölkerung, Fachkräftemangel und Brain-Drain – lauten die altbekannten Übeltäter in Krisenzeiten. Litauen wird damit ein Land, das Jahr für Jahr zum Schrumpfen verdammt ist. Doch seit 2010 scheint sich eine Trendwende anzukundigen. Und es kommt noch besser, seit 4 Jahren sind 86% der jungen Auswanderer ‚Remigranten‘ – junge Litauer, die mit dem Wirtschaftsaufschwung wieder in ihr Land zurückkehren. Auch Ruta gehört zu den Heimkehrern. Fast vielleicht schon aus Patriotismus. „Es gibt nicht wirklich einen Grund, warum ich nach Litauen zurück wollte, außer vielleicht die guten Ideen und Projekte, die ich in Großbritannien um mich herum so entdeckt habe. Ich hatte Lust, einige davon mit nach Hause zu nehmen und zu sehen, ob sie auch in Litauen funktionieren.“

Ruta spricht zum Beispiel vom soliden englischen Wiedereingliederungssystem von Straftätern und könnte sich ein solches auch für Litauen vorstellen, hier, wo 77 Prozent der Täter in den neun Monaten nach der Entlassung aus dem Gefängnis rückfällig werden. Im Innenhof eines eleganten Cafés in Vilnius bestellt sich die junge Frau einen Kaffee und stöbert ein bisschen in ihrem Smartphone. Seit einem Jahr leitet sie Create for Lithuania. Dieses Programm hat 2012 das Licht der Welt erblickt und soll die Rückkehr ins Heimatland für 'litauische Superhirne' ermutigen. Als Rückholmethode lädt die Regierung die im Ausland trainierten Litauer ein, geködert wird mit hochkarätigen Posten im öffentlichen Dienst und - der Regierung. Jedes Jahr kommen in diesem Zusammenhang zwanzig junge Talente zurück, um ihr Wissen in den Dienst ihres Landes zu stellen. Von den 20 Auserwählten des ersten Jahrgangs haben 16 entschieden, vor Ort zu bleiben. 

Ruta ist enthusiastisch, wenn sie über das Programm und dessen Teilnehmer spricht. Und das aus gutem Grund. Sie war Teil des ersten Jahrgangs, bevor sie das Projekt koordinierte. Für das Programm war sie aus dem Ausland zurückgekommen. Was sich zwischen ihrem Abflug und der Rückkehr verändert habe? Ruta antwortet zunächst mit einer Denkpause. Sie sagt, die Leute seien vielfältiger, und auch toleranter. Toleranter gegenüber Menschen der LGBT-Community, ganz einfach weltoffener. Aber nicht genügend, um den Graben zu vergessen, der immer noch zwischen den Gebliebenen und den Heimkehrern klafft. Die Werte, die Art zu denken und Litauen zu betrachten seien nicht mehr die gleichen für diejenigen, die sie 'Weltenlitauer' nennt.

Auch Marius und Akvile sind perfekte Vertreter des litauischen Weltenbummlertums. Die beiden Freunde aus Kinderzeiten laden mich auf ein hausgebrautes Bier in einem improvisierten Dachcafé in Vilnius ein und erzählen, wie sie mit dieser neuen 'Offenheit' umgehen. Akvile meint, dass „die Heimkehrer auf jeden Fall etwas einschleppen“. Mit seinen 29 Jahren hat er drei Jahre in Kopenhagen gelebt, wo er zunächst studiert und dann als Programmierer gearbeitet hat. Aber irgendwann hatte er keinen Bock mehr auf Dänemark und konnte seine Firma davon überzeugen, eine Tochtergesellschaft in Litauen aufzubauen, wo es viele qualifizierte Mitarbeiter für diese Branche gebe. Gesagt, getan – schon war er zurück im Heimatland, samt einem Job in der Tasche.

Erinnert ihr euch an die Szene aus Pedro Almodovars Film Volver, in der Penelope Cruz den gleichnamigen Song singt? In einem Auto versteckt, bereut es die Mutter, die nach 10 Jahren Abwesenheit zurückkehrt, dass ein anderer passende Worte dafür findet, was sie fühlt. „Ich habe Angst vor einem erneuten Treffen mit der Vergangenheit, die mich einholt. Aber auch ein Reisender auf der Flucht, hört früher oder später mit dem Reisen auf.“ So ungefähr könnte die Hymne der litauischen Heimkehrer lauten.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Reportagsprojekts EU in motion, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.