Litauen: Die Roma von Kirtimai tauschen Drogen gegen Bildung

Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2012
In Litauen leben nur etwa 3000 Roma. Aber genau diese 0,1% der Bevölkerung scheinen dennoch bedeutsam genug, um als Sündenbock für das krisengeschüttelte Land herzuhalten.
Aber in einem Vorort von Vilnius - in Kirtimai - zwischen Holzmangel, Drogenhandel und Marginalisierung - helfen Romualda, Svetlana, Konstantin und Konsela das 'Dealer, Diebe und Arbeitslosen'-Image der Roma-Gemeinde endlich abzuschütteln.

"Wenn du einem Rom begegnest, gibt es drei Optionen: Es handelt sich entweder um einen Kiffer, Dealer oder einen Dieb." Es ist Freitag, um drei Uhr früh in der "Gringo"-Bar im Zentrum von Vilnius. Vitalius ist leicht angesäuselt. Er entschuldigt sich für das Klischee, beharrt aber auf seiner These: "Ich lebe seit 27 Jahren hier, aber ich habe kein gutes Wort über die Roma gehört. Und wenn mehrere meiner Freunde heute auf harten Drogen sind und auf der Straße leben, dann weil sie sich in Kirtimai leicht damit versorgen können."

- Kirtimai

Geh nach Hause Nomade

Kirtimai ist ein Vorort an der Peripherie von Vilnius - ein Ort mit vielen Konnotationen. Er ist einerseits die bevorzugte Zielscheibe der Sündenbock-Politik bestimmter Politiker, die von den Medien oft wiedergekäut und von der öffentlichen Meinung Litauens geschluckt wird. Andererseits lassen sich hier in Kirtimai auch alle Symptome der Armut, unter denen die Roma-Community zu leiden hat, in voller Konzentration finden. Aber es gibt auch positive Effekte: Die Roma von Kirtimai ziehen Nutzen aus zahlreichen Programmen zu Aus- und Weiterbildung der litauischen Zivilgesellschaft.

Alm Wochenende ist der Litauer als Sozialarbeiter unterwegs.

An diesem Donnerstag im Dezember fallen die Temperaturen in Vilnius auf minus 1 Grad. In ihrem Elfen-Mantel steuert Romualda, die Direktorin der Stiftung für Litauische Kinder, ihr Auto in Richtung Roma-Gemeinschaftszentrum am Eingang von Kirtimai. "Unsere Stiftung hat 1994 mit Lebensmittel-Hilfslieferungen angefangen. Aber eines Tages haben wir die Roma von Kirtimai gebeten, ihre Namen auf eine Liste zu schreiben und sie haben nur mit einem Buchstaben unterzeichnet. Sie konnten nicht schreiben. So habe ich begriffen, dass die Ernährung nicht das einzige Problem war", erzählt sie und zieht in die Kurve. Seit 15 Jahren leitet sie die Stiftung. Mit einer Armbewegung zeigt sie auf die Holzbaracken hinter den angelaufenen Fenstern des Wagens. Vor uns liegt das Roma-Gemeinschaftszentrum, das einzige gemauerte Gebäude am Platz. Zwei Mädchen haben eine Stereoanlage angeschlossen und improvisieren Tanzschritte, während die Lehrerin das Klassenzimmer herrichtet. Die erwachsenen Roma können hier Kurse in Litauisch, Wirtschaft oder "Gutem Benehmen" besuchen, während die jüngeren vorschulische Unterstützung erhalten oder sich der Kunsterziehung widmen. "Es hat ungefähr zwei Jahre gedauert bis ich akzeptiert war."

Serre de fortune. Svetlana Novopolskaja leitet das Zentrum seit seiner Gründung im Jahr 2001. Die Litauerin mit den lachenden Augen ist ursprünglich keine Rom und musste sich ihre Zugehörigkeit und Akzeptanz erst verdienen. Aber sie weiß, dass die Roma ihre Hilf- und Ratlosigkeit den öffentlichen Organen gegenüber für eine Art Martyrium halten: "Kirtimai war dichtes Waldgebiet, die Roma waren Nomaden und die "Roma-Häuser", wie sie sie selber nannten,waren nicht dafür gemacht, ihnen das ganze Jahr über Unterkunft zu gewähren. Aber 1956 verbot die Sowjetunion das Nomadentum und machte den Schulbesuch verpflichtend. An Stelle der Bäume von damals findet man heute eine Fabrik. Nach 60 Generationen Nomadentum können sie nun bleiben."

Polizeikameras, wohin das Auge sieht

Vor dem Computerbildschirm, verdeckt von seinen breiten Schultern, sitzt Konstantin. Der 26-Jährige ist in sein Projekt "Face Roma" vertieft. Um die Beschäftigung der Leute in einer Gemeinschaft zu fördern, in der 42% der Mitglieder überhaupt keine berufliche Erfahrung haben, zielt dieses von der UNO und dem litauischen Arbeitsministerium getragene Projekt darauf ab, den Arbeitsmarkt für die Roma von Kirtimai zu öffnen. Dies sol ein erster Schritt sein, um den Zugang zu Bildung, Wohnraum und zur öffentlichen Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Um 11 Uhr ist es Zeit für Konstantins Litauisch-Kurs. Die Schüler warten schon. Der große, fröhliche Kerl mit seinem blauen Augen rutscht über den nicht-asphaltierten Weg, der zur Baracke führt. In 72 Häusern leben hier an die 400 Roma. Aber nur ein Haus ist bezeichnet. Alle haben deshalb die gleiche Adresse: Dariaus ir Girëno # 185. "Im Jahr 2006 gab es 535 Roma in Kirtimai. Viele sind nach England gegangen, um Geld zu verdienen. Und 60 sind im Gefängnis", erklärt Svetlana. Die Polizei hat die Gangart gegenüber den Drogenhändlern im Lager sichtlich verschärft. "Schließlich hat man die seit 2004 im Lager angebrachten Kameras in Betrieb genommen. Etwa 1000 Kunden, die aus der Stadt gekommen waren, konnten identifiziert und die Dealer festgenommen werden. Aber die Schlüsselpersonen laufen immer noch frei herum."

Konstantin geht unter einer Polizeikamera vorbei und betritt ein wackeliges Haus. Eine verbrauchte Frau sitzt auf dem Sofa und beobachtet ein jugendliches Paar, das Tee zubereitet. Während sich die junge Frau um ihr zweijähriges Töchterchen kümmert, wirft der athletische Mann, wie in sein Achselshirt gegossen, Holz in den Ofen, der die schlecht isolierte Zwei-Raum-Wohnung wärmt. Er bedauert, aus England zurückgekehrt zu sein, denn es ist viel einfacher dort eine Arbeit zu finden. "In Litauen sagen die Leute, die Roma drücken sich vor der Arbeit und sind Diebe." Aber die Einwohner von Kirtimai haben keine Arbeit und leben von der Sozialhilfe, sprich: 300 litas (86€) pro Person. Oder man handelt eben mit Drogen.

Professionelle Nomaden und Bürger

Aber die neue Generation will sich verändern. Daher die Anstrengungen von Konstantin - "zwei Roma aus dem Gebäude sind gerade dank Face Roma eingestellt worden, " vertraut uns Svetlana an - denn der Wunsch in England zu arbeiten setzt die litauische Staatsbürgerschaft voraus. Auf diese Weise kommt der Erfolg des Sprachunterrichts gleich zur Anwendung. Die Litauisch-Kurse werden also zunehmend gebucht, "zwei haben im letzten Monat die Prüfung bestanden", verkündet Svetlana voller Stolz. Während die einen für die Staatsbürgerschaft lernen, um das Land schnellstmöglich verlassen zu können, reisen andere an, um sich hier in Litauen niederzulassen.

Konsela Mačiulevičiutė (26), diplomierte Sängerin der Musikschule Yamaha und Musikprofessorin in Žagerė (im Norden Litauens, zur Grenze nach Lettland), kommt gerade aus Straßburg zurück, wo sie an der Jugendkonferenz der Roma teilgenommen hat und aus Malaga, wo sie Litauen bei der ersten Weltkonferenz der Roma-Frauen vertreten hat. Ihr Ziel? "Eine Organisation für alle litauischen Roma zu gründen, um das Bild unserer Gemeinschaft zu verändern", sagt sie in gutem Englisch. Die Feministin und Künstlerin mit Universitätsabschluss stellt sich gegen das 'Dealer, Diebe und Arbeitslosen'-Image. Die Frage ist bloß: Sind die LitauerInnen bereit, den Aufstieg dieser neuen Roma-Generation zu akzeptieren?

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2011/2012.

Illustrationen: Homepage (cc)davisommerfeld/flickr; Im Text ©Emmanuel Haddad, außer Kirtimai (cc)mariukasm/flickr