Litauen: Das Land mit der höchsten Selbstmordrate der Welt

Artikel veröffentlicht am 21. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 21. Mai 2010
Der Fluss Neris teilt Vilnius in zwei Teile: Auf der Nordseite befindet sich die Universität, das Stadion und Terrassen, von denen man über die Stadt blicken kann - auf der Südseite das Stadtzentrum. Überquert man den Fluss über eine der Brücken, trifft man auf ein beunruhigendes Schild: „Einigen Leuten bedeutest du viel. Gratis-Hotline für Soforthilfe“, daneben eine Telefonnummer.
Ein Trip durch das Land mit der höchsten Suizidrate der Welt.

Auch im Jahr 2009 führt das Litauen laut der Weltgesundheitsorganisation die Liste der Länder mit der höchsten Selbstmordrate der Welt an: 34 von 100.000 Litauern nehmen sich jährlich im baltischen Staat das Leben. Das sind drei Mal mehr Menschen als in Spanien oder den USA und elf mal mehr als in Griechenland.

Seit 1990 haben 400.000 junge Litauer aufgrund der großen Armut das Leben auf dem Land hinter sich gelassen und sind in die Städte gezogen Alvydas Navickas, Präsident der Litauischen Vereinigung für Suizidologie und Vize-Verantwortlicher der Psychiatrie an der Universität in Vilnius, nennt als mögliche Erklärung den historischen Kontext des Landes: „Vor dem Zweiten Weltkrieg haben sich in Litauen noch 8 von 100.000 Personen jährlich das Leben genommen. Der größte Teil der Bevölkerung lebte in Gemeinschaften auf dem Land, war mit den Traditionen tief verwurzelt und ging regelmäßig in die Kirche. Nach dem Krieg, unter der sowjetischen Herrschaft, wurden die wohlhabendsten Bauern von Stalin nach Sibirien deportiert, während sich die andern in so genannten Kolchosen wiederfanden. Schnell gehörten Wodka und selbstgebrauter Alkohol zum Tagesablauf. Von da an stieg die Zahl der Selbstmorde jährlich an. In den 1980er Jahren nahmen sich in Litauen bereits 30 von 100.000 Litauern das Leben. Der Fall der UdSSR ließ die Quote erneut hochschnellen, so dass sie zwischen 1994 und 1996 ihren Höchstwert erlangte: 46 Selbstmorde auf 100.000 Personen jährlich.“

Selbstmord-Phänomen in ländlichen Regionen

Alvydas Navickas fährt mit seiner schaurigen Analyse fort: „Normalerweise sind Selbstmorde mehr in den großen Städten zu finden. Nicht so in Litauen. Ganz im Gegenteil: Hier ist die Selbstmordrate in ländlichen Gebieten doppelt so hoch wie in den urbanen.“ Wie ist diese Ausnahmeerscheinung zu erklären? „Auf dem Land ist die einzige Veränderung seit der Unabhängigkeit die Arbeitslosigkeit. Sonst hat sich nichts verändert: Die Infrastrukturen sind weiterhin schlecht, es fehlt an sozialer Unterstützung und der Alkoholismus ist immer noch präsent.“ Ein Drittel der Litauer wohnt auf dem Land, wo die Armutsrate dreimal so hoch ist wie in den Städten. Hinzu kommt, dass die Hälfte der Bevölkerung weder ein Bad noch eine Toilette in ihrem Haus hat. Nur 25% haben fließendes Wasser. So ist die Sterberate bei den Landbewohnern um 75% höher als bei den Städtern. Das alles sind Gründe für die starke Abwanderung: Seit 1990 sind 400.000 junge Litauer laut einer Studie zur Armut und sozialen Ausgrenzung in ländlichen Gebieten, die von der Europäischen Kommission realisiert wurde, vom Land in die Städte gezogen.

"Vorher hatten wir Arbeit, ein Leben; die Perestroika war eine Tragödie", erklärt eine ältere FrauDie Armut allein reicht aber nicht aus, um die höchste Suizidrate der Welt zu erklären (man denke an die vielen Länder, die noch viel ärmer sind). Die kommunistische Vergangenheit könnte einen anderer Faktor darstellen, wie die Länder, die Litauen in dieser traurigen Hitliste folgen, zeigen: Russland, Kasachstan, Ungarn und Slowenien sind andere Nationen mit Sowjet-Vergangenheit. Die Bürger dieser Staaten lebten unter einer Art Käseglocke, die sie trotz allem vor negativen Einflüssen von Außen schützte und jedem eine Arbeit ermöglichte. 1990 fanden sich dann viele von ihnen als „Waisen“ wieder. Das Dorf Avizieniai mit seiner ruinenübersäten Landschaft, den unnahbaren Gesichtern und den ausgehungerten Straßenhunden illustriert die Situation perfekt. Ich finde zwei junge Männer im Alter von 19 und 20 Jahren vor, die sich vor einem Zementmauerwerk die Zeit totschlagen. Ich fragte sie, ob sie arbeiten. Sie tauschen einen Blick aus und fragen ironisch zurück: „Wir? Arbeiten?“ Sie tragen ausgefranste Kleider, haben fettiges Haar, eine bleiche, trockene Haut und gelbe Zähne. 

Armut und/oder Depression

Ein staubiger Pfad trennt den vertrockneten Gemüsegarten von einer zerstörten Holzscheune. Am Wegrand verbrennt eine Frau Müll. Ihr Gesicht, ungleichmäßig und angeschwollen, zeugt von übermäßigem Alkoholkonsum. Auf meine erste Frage bricht es nur so aus ihr heraus: 20 Jahre sind seit der sowjetischen Herrschaft vergangen und man könnte meinen, sie hätte immer noch nur das im Kopf. Ihr Sohn mischt sich in die Konversation ein: „Es gibt rein gar nichts mehr, wir haben kein Interesse mehr daran, die Erde zu bearbeiten. Die Leute bringen sich gegenseitig um. Haben sie gesehen, wie wir hier leben? Fragen Sie mal die Großmütter!“ Doch diese wollen nicht reden. Noch weniger wollen sie ein Foto von sich machen lassen. Nur Sergei lässt mit seiner adretten Erscheinung trotz allem ein wenig Optimismus spüren. Er ist dazu angestellt, Stroh zu verbrennen. „Jaja, wir sind sehr frei, ja, frei alles zu tun“, sagt er sarkastisch.

Die Direktorin des Zentrums für mentale Gesundheit der litauischen Regierung, Ona Davidoniene, hat eine andere Erklärung parat: „Die kurzen Sommer und die unerbittlich dunklen Tage im langen Winter schlagen auf die Seele. Die Bewohner der nordischen Länder sind grundsätzlich reservierter als die des Südens und ihr Verhalten ist weniger spontan. Ich befürchte, dass wenn die Krise andauert, die Leute den Kampf im Alltag, in dem man das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen kann, immer mehr satt haben.“

Ein Krisenphänomen?

Die litauische Selbstmordrate hat 2007 einen neuen Spitzenwert erreicht, vor allem unter den Jungen. Männer nehmen sich übrigens fünf Mal mehr das Leben als Frauen, im Speziellen die, die zwischen 34 und 54 Jahre alt sind. In Irland hat man festgestellt, dass die Selbstmordfälle bei Personen im mittleren Alter, die ihren Job verloren, stark zugenommen haben. Laut dem Direktor des Litauischen Zentrums für psychologische Hilfe für junge Menschen, Paulus Skruibis, ist die Krise aber nicht der Hauptgrund: „Die Gesellschaft und die Politiker reduzieren alle Probleme immer auf eine wirtschaftliche Frage. Sie sind der Überzeugung, dass alles nur vom Lohn und vom Lebensstandard abhänge.“ 

Der Rockmusiker engagiert sich im Kampf gegen die hohen Suizidraten in seinem LandPaulus Skruibis ist auch Co-Direktor einer Organisation gegen Depression bei jungen Menschen, deren Plan sowohl ehrgeizig als auch konkret ist: „Wir stellen 130 Freiwillige zur Verfügung, die zur psychologischen Hilfe ausgebildet sind und die einen Telefonservice betreiben, der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche betreut wird. Anonymität und Kostenlosigkeit sind dabei Grundvoraussetzungen. Im vergangenen Jahr haben wir ca. 100.000 Anrufe erhalten, von denen 8.500 ernsthafte Fälle waren - 149 dieser Anrufe waren von Leuten, die kurz davor waren, sich das Leben zu nehmen.“

Diese Offensive nimmt ein immer größeres Ausmaß an, einerseits Dank einer der bekanntesten Rockstars Litauens, Andrius Mamontovas: „Wir haben eine Kampagne im Fernsehen lanciert, die zu den besten Sendezeiten ausgestrahlt wird und 400.000 Postkarten gedruckt, auf denen 9 Ratschläge stehen, um die potentiellen Selbstmörder von ihrer Tat abzuhalten“, erklärt Paulus Skruibis und fügt hinzu: „Andrius Mamontovas höchstpersönlich hat diese präventiven Postkarten signiert und sie zu seinem Konzert verteilt.“ Das Engagement ist stärker geworden. Auch das rätselhafte Schild auf den Brücken in Vilnius ist Teil dieser Kampagne, die weder von Deportationen noch von Weltwirtschaftskrise oder vom unvorteilhaften Klima spricht. Sie gibt einen einzigen Rat: „Sprechen kann Leben retten.“

Danke an Alvydas Navickas, Vaida Cesnuleviciute und Laura Supjeva.

Fotos: ©estherase /dlickr; Brücke: ©Argemino Barros; Leninstatue: Beny Shlevich /flickr; Andrius Mamontovas: ©P a U L i u S /flickr