Lieber Weihnachtsmann...

Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2005
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2005

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Liest der Weihnachtsmann café babel? Ja, glaubt unser deutscher Redakteur. Und hat ihm umgehend einen Brief geschrieben. Ein Wunschzettel der Eurogeneration.

Paris, 19. Dezember 2005

Lieber Weihnachtsmann,

Ich weiss nicht, ob das die richtige Anrede ist: Weihnachtsmann? Ich könnte Dich auch auf französisch «Père Noël» nennen oder, auf Englisch, «Father Christmas». Noch besser wäre vielleicht gewesen, «Santa Claus» zu schreiben, wie das heutzutage in ganz Europa immer mehr in Mode kommt. So nennen Dich die Amerikaner, da der holländische «Sinterklaas» Schutzpatron von Neu-Amsterdam, dem heutigen New York war.

Auch wusste ich nicht, wohin ich diesen Brief schicken sollte. Die Amerikaner glauben, Du lebst am Nordpol. Die Finnen, die es ja wissen müssten, sind jedoch der Überzeugung, Du hast Dein Lager im lappländischen Korvatunturi aufgeschlagen; die Schweden verorten Dich in Dalarna, das im Herzen ihres Landes liegt. Aber ob es in Korvatunturi oder Dalarna ein Postamt gibt? Und was das kostet! Also schreibe ich Dir via Internet. Wenn euch da oben die Telefonkabel noch nicht zugefroren sind, bist Du sicher immer online und liest café babel.

Sinterklaas, Père Noël, Father Christmas : Du bist ein richtiger Europäer, lieber Weihnachtsmann. Und das ist auch der Grund, warum ich Dir schreibe. Wir haben hier in Europa nämlich ein ganz mieses Jahr hinter uns, das uns die Stimmung gewaltig verhagelt hat. Deshalb brauchen wir dringend Deine Hilfe.

Mit einem kleinen Wort fing der große Schlamassel es an: «Non». Die Franzosen haben die Verfassung abgelehnt, die sich die Europäische Union geben wollte. Zack, einfach so. Warum? Die Verfassung sei zu wirtschaftsliberal. Oder, anders gesagt : Europa ist den Franzosen nicht französich genug. Es folgte noch ein «Nee» aus Holland und dann beschlossen die EU-Häuptlinge Mitte Juni, eine « Denkpause » einzulegen respektive die Verfassung in den Mülleimer zu werfen. Und stritten sich, weil sie gerade so schön dabei waren, noch um den schnöden Mammon: Die Briten wollten nicht von ihrem Rabatt lassen, die Franzosen beharrten auf ihren Kuh- und Käsesubventionen…

Ich weiss nicht, ob Du das alles mitbekommen hast. Kann ja sein, dass Du den Sommer in einem Liegestuhl an der italienischen Riviera verbringst und den Herrgott einen lieben Mann sein lässt. Wichtig ist jetzt nur: 2006 muss anders werden! Jemand muss die Angst, die in Europa herrscht, therapieren. Jemand muss den graugesichtigen EU-Granden wieder etwas europäischen Geist einhauchen. « Denkt Europäisch ! », das ist die Zauberformel der Eurogeneration für 2006 die alle Ängste heilt, die frohe Botschaft, die wir in alle Länder Europas tragen wollen.

Nur Du kannst das, lieber Weihnachtsmann, denn Du bist ein wahrer Europäer ! Deshalb: zieh Deinen roten Mantel an, stülpe Deine Bommelmütze über, bespanne Deinen Schlitten und mach Dich auf den Weg nach Wien. Vom Nordpol aus kommst Du da ganz leicht hin, Grenzkontrollen gibt es auf unserem schönen Kontinent fast keine mehr. Dort angekommen gehst Du bitte zu Dr. Wolfgang Schüssel, seineszeichens Österreichischer Bundeskanzler. Der ist von Januar bis Ende Juni der Boss in der EU. Schüssel hast Du sicher schnell vom europäischen Geist überzeugt, der ist nämlich strammer Katholik und glaubt an den Weihnachtsmann.

Dann fährst Du bitte nach Paris. Da parkst Du Deinen Schlitten in einem Vorort (vorsicht, da brennen hin und wieder Autos), denn Parkplätze findest Du in der Innenstadt nicht. Schon gar nicht vor dem Elysée-Palast, wo Jacques Chirac wohnt. Chirac ist französischer Staatspräsident. Man könnte sagen, er ist ein Kollege von Dir, so eine Art Weihnachtsmann. Wenn es nämlich in Frankreich ein Problem gibt, schreiben alle Zeitungen ganz viele Wunsch-Briefe in Form von Artikeln an den Präsidenten. Der tritt dann nach zwei Wochen vor die Fernsehkameras und versichert seinen Landsleuten in salbungsvollem Ton, dass er das Problem beheben wird, sich bald alles zum Besseren wendet und überhaupt Frankreich ein fantastisches Land ist. Alles in allem also ein netter Job.

Überzeuge Chirac, dass es nichts bringt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Agrarpolitik der 1950er Jahre zu vertreten, er sich von den EU-Agrarsubventionen also verabschieden soll ! Das wird eine harte Nuss, denn die Franzosen sind ein recht gottloses Volk. Aber Du schaffst das!

Dann wende Deinen Schlitten bitte nach Warschau, wo die Kaczynski-Brüder jetzt die Zügel in die Hand genommen haben. Die sind nicht gerade als Europa-Freunde bekannt, eine kleine Lektion in Sachen europäischer Geist tut ihnen also nicht schlecht. Dann kannst Du auch noch einen kleinen Abstecher nach London, Rom, Prag und all die anderen schönen Hauptstädte unseres Kontinents machen und ihnen das Licht des europäischen Geistes bringen. Ich bin mir sicher, dass nach Deiner Weihnachtsreise die Mächtigen des Kontinents begriffen haben, dass es in Europa nicht nur um Dienstleistungsrichtlinien, Bananenbiegungsgrade und Agrarsubventionen geht. Und wenn wir das erreicht haben, mache ich mir wegen 2006 gar keine Sorgen.

Lieber Weihnachtsmann, ich muss jetzt aufhören. Mein Kollegen haben mir gesagt, ich darf nicht mehr als 5000 Zeichen schreiben, und jetzt bin ich schon bei 5259! Trotzdem, noch ganz schnell: Wir wollen Dir danken. Unsere Webseite café babel hat inzwischen mehr als 100 000 Leser! Und wenn ich mir doch noch was wünschen darf : Könnten es im nächsten Jahr noch ganz viel mehr werden ?

Danke !

Mit weihnachtlichen Grüssen,

Martin