Lieber Endlosstudent als arbeitslos

Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2009
Angesichts der Tatsache, dass jeder fünfte Jugendliche unter 25 Jahren in Europa arbeitslos ist, entscheiden sich viele für ein längeres Studium, um nicht bald auch zur Masse der Arbeitslosen zu gehören. Drei Vertreter der 'Generation Krise' kommentieren.

Laut den Statistiken von Eurostat waren im August 2009 18,2 % der Europäer unter 25 Jahren arbeitslos. Die Liste wird angeführt von Spanien, wo 33,6 % der Jugendlichen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, dicht gefolgt von Schweden. Angesichts solcher Zukunftsperspektiven versuchen viele europäische Studenten, ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt möglichst weit nach hinten zu verschieben - und hängen Abschluss an Abschluss.

María Martínez, 25 Jahre alt, hat einen Universitätsabschluss und studiert weiter Heimatland: Spanien, Jugendarbeitslosigkeit 33,6 % Motto: Angst vor Unbeständigkeit, möchte Beamtin werden

Die Spanierin María Martínez Bueno ist 25 Jahre alt, hat Angst vor Unbeständigkeit und hofft auf Schutz durch die Regierung. Sie studiert seit 5 Jahren und macht einen Abschluss nach dem anderen: Nach drei Jahren hatte sie den Abschluss in Arbeits- und Personalmanagement in der Tasche. Danach machte sie in weiteren zwei Jahren einen Abschluss in Arbeitswissenschaften. Nun wartet sie, wie so viele Spanier, auf einen Studienplatz für das Gymnasiallehramt. María hat allerdings auch schon Arbeitserfahrung. Zwei Jahre lang war sie Arbeitsvermittlerin, doch mit dem Job war sie nicht zufrieden: Sie arbeitete den ganzen Tag für ein viel zu niedriges Gehalt und vor allem in dem Bewusstsein, dass sie niemals einen unbefristeten Vertrag bekommen würde. Für María liegt die Lösung in einer der begehrten Stellen als Gymnasiallehrerin. „Der Beamtenstatus ist die einzige Chance auf einen wirklich sicheren Arbeitsplatz und auf Arbeitszeiten, wie ich sie mir vorstelle.“

René Bayer, 20 Jahre alt, Student Heimatland: Deutschland, Jugendarbeitslosigkeit 10,5 % Motto: Bei Studienende wird die Krise vorbei sein

René ist 20 Jahre alt, studiert BWL und findet, dass die Deutschen vor dem Bologna-Prozess viel zu lange studierten. Er ist froh, dass man heute dasselbe in kürzerer Zeit erreichen kann. Da ihm noch etwas Zeit bis zum Abschluss bleibt, glaubt er nicht, dass ihn die Krise direkt betreffen wird: „Wenn ich mit dem Studium fertig werde (in etwa 4 Jahren), wird es zwar viele BWL-Absolventen geben, aber die Krise wird vorbei sein.“ Und schließlich könne er dann überall auf der Welt arbeiten. Oft wird kritisiert, dass es im neuen System an Zeit fehle, Lerninhalte zu vertiefen, doch das ist für ihn kein Problem: „Mir gefällt die Vorstellung, mit dem Kopf zu arbeiten und damit Geld zu verdienen, und zwar so bald wie möglich. Deshalb studiere ich.“

Yann, 24 Jahre alt hat einen Universitätsabschluss und studiert weiter Heimatland: Frankreich, Jugendarbeitslosigkeit 22,3 % Motto: Studieren wegen des sozialen Drucks und des Prestiges

Für Yann (24) gibt es nur ein Ziel: Spaß zu haben an dem, was man tut. Yann hat schon 6 Jahre studiert - zunächst am Institut d’études politiques (dt. „Institut für Politikwissenschaft“, Anm. d. Übers.) in Grenoble, dann ein Masterstudium in Kultur- und Unternehmenskommunikation in Lyon, und gerade hat er ein zweites Masterstudium in Künstlermanagement begonnen. In Frankreich, so erklärt er, bestehe trotz der Reformen von Bologna das System der Grandes écoles (dt.in etwa Eliteschulen) weiter, an denen Prestige noch immer sehr wichtig ist. Während des Studiums hat er bereits drei verschiedene Praktika absolviert, nach einer festen Arbeitsstelle hat er sich noch nicht umgesehen.

Momentan vertraut er jedoch darauf, dass er mit seinen Abschlüssen gute Chancen haben wird, wenn es einmal so weit ist, da diese sehr angesehen sind. Ein Grund für sein Bemühen um diese prestigeträchtigen Abschlüsse ist, dass er wie viele Jugendliche versuchen möchte, einige Jahre von der Musik zu leben. Er ist sich bewusst, dass das Musikbusiness ein sehr unsicheres Terrain ist. Doch für den Fall, dass daraus nichts wird, hat er immer noch seine Abschlüsse. Er denkt eine Weile über seine Pläne nach und kommt zu dem Schluss: „Ich habe das Studium all die Jahre tapfer durchgehalten, jedoch mehr aufgrund des sozialen Drucks und des so genannten „Erfolgs“ als wegen des Inhalts, der Theorie. Ich habe nur wegen der Abschlüsse weiter gemacht. Aber dieser zweite Master ist tatsächlich viel praxisorientierter und interessanter, denn er ist mehr auf einen bestimmten Beruf ausgelegt.“