Liebe oder Ehe: Homosexuelle in der Slowakei können nur das eine haben!

Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2014

Am 4. Juni nahm die slowakische Regierung eine Verfassungsänderung an, welche die Ehe als eine eindeutige Verbindung zwischen Mann und Frau definiert. Die Entscheidung ist kontrovers; während eine Bevölkerungsschicht jubelt, zeigt sich eine andere entrüstet.

Am 4. Juni änderte das slowakische Parlament die Verfassung, um die Ehe als eine eindeutige Verbindung zwischen Mann und Frau zu definieren. Der Vorschlag wurde von der oppositionellen christlich-demokratischen Bewegung (KDH) eingereicht, welche von der regierenden sozial-demokratischen Partei SMER unterstützt wurde. Die Novelle wurde zusammen mit einer Justizreform präsentiert und im Parlament verabschiedet. Einen Tag nach der Abstimmung gab Amnesty eine Stellungnahme ab, in der sie die Novelle verurteilte, da sie internationales und europäisches Menschenrecht verletzen würde. Die Nouvelle sei diskriminierend gegenüber der sexuellen Orientierung homosexueller Slowaken.

„Was soll man sagen? Es gibt keine Worte dafür. Die Menschen versuchen wirklich etwas zu ändern, aber trotzdem ändert sich noch immer nichts. Nichts ändert sich", seufzt Vladimira Hradecká, eine Dokumentarfilmerin. „Vielleicht beginnen wir in der LGBT-Community etwas stolzer zu sein. Wie ‚Ich bin wer ich bin, also verpiss dich'. Vielleicht hat sich das geändert."

Sie hat die Pride in der Slowakei gefilmt und arbeitet momentan an einer Dokumentation über homosexuelle Christen - die römisch-katholische Kirche der Slowakei ist gegen Homosexualität. In einem Brief, der im letzten Winter in allen Kirchen verlesen wurde, hat die Bischofskonferenz der Slowakei (KBS) die Gleichstellung der Geschlechter als „Kultur des Todes" und gleichgeschlechtliche Ehen als „sodomitischen Hohn" bezeichnet. Vladimira denkt, dass die neue Verfassung sie nicht beeinträchtige, aber falls sie eine Familie gründen möchte, könnten ihr die Behörden das verbieten. Praktische Dinge wie der Kauf eines Hauses oder der Zugang zu Informationen über den kranken Partner beeinträchtigen alle unverheirateten Paare, da es in der Slowakei keine eingetragenen Partnerschaften gibt.

Dynamisch, positiv und glücklich: Die Gay Com­mu­ni­ty in Bra­tis­la­va

Ein paar enge Gassen weiter unten, unweit von der Altstadt, liegt der Be Happy Club. Lediglich ein kleiner Regenbogen unter dem Schild der Bar verrät, dass dies Bratislavas einzige Schwulenbar ist. Da Wien und Budapest in der Nähe liegen und eine größere Schwulenszene haben, „gibt es in Bratislava keinen Platz für eine weitere Schwulenbar", sagt Feri Szarka, der in einem kirschroten Polo-Shirt hinter der Bar steht. Er hat seinen Arbeitsort in einer schicken Hotel-Bar für den Job im Be Happy Club eingetauscht. Da er vorher selbst Stammgast war, ist er sehr zufrieden mit seiner neuen Stelle. „Wir sind hier eine Familie. Ich kenne 80% der Kunden."

Obwohl Feri Szarka mit vielen Kunden über die Verfassungsänderung diskutiert hat, glaubt er, dass sie die meisten Leute nicht interessiere. „Die KDH verliert Stimmen, deshalb mussten sie etwas tun. Es ist eine politische Strategie. Den Leuten ist es egal, weil sie schon in einer Beziehung leben. Um zusammen zu sein braucht man keine Ehe. Die Leute wollen aus rechtlichen Gründen eine eingetragene Partnerschaft. Aber Liebe braucht kein Papier."

Auf dem Tresen steht eine kleine Glasschlüssel, die bis zum Rand mit Erdnüssen gefüllt ist. Es gibt eine kleine Regenbogen-Tischdecke mit einem aufgestickten, kleinen pinken Herzen - eine Notlösung für ein Brandloch.

Feris Kollege kommt, um ein gerahmtes Foto von einem halbnackten, muskulösen Mann aufzuhängen. Das Foto ist in Stücke geschnitten, so sieht es wie ein zerbrochener Spiegel aus. Fotos in derselben Art reihen sich an allen Wänden - die Spieler von einem American Football-Team aus Frankreich, sagt Feri. Sein Kollege aber besteht darauf, dass sie Niederländer seien, und nimmt uns in den hinteren Salon mit, um den Rest der Sammlung zu zeigen.

Zwischen Ost und West

Martin Poliačik, der einen grauen Anzug und eine quadratische, schwarze Brille trägt, sitzt in einem mit Bücherregalen gefüllten Raum des Slowakischen Parlamentes. Seine Partei, Freiheit und Solidarität (Sloboda a Solidarita), hatte seit ihrer Gründung im Jahr 2009 eingetragene Partnerschaften für LGBT-Paare in ihrem Programm. „Wir sind die letzten in der Region - Ungarn, Polen und die Tschechische Republik erlauben alle eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften", sagt er. Sogar in Kroatien, das nach seinem Referendum 2013 eine ähnliche Verfassungsänderung durchgeführt hatte, wurde gerade ein Gesetz angenommen, welches eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt.

Wir steuern auf ein Zivilisationsmuster zu, das Russland  ähnlicher ist als dem Westen. Wir befinden uns geographisch, historisch und kulturell an der Grenze und wir mussten uns immer für eine Seite entscheiden. Die Verfassungsänderung wurde als Abwehr gegen die Dekadenz der EU und des Westens dargestellt. Da die Anzahl von Ländern mit Homo-Ehen steigt, sehen das einige Leute als Bedrohung für die traditionellen Werte und Kultur in der Slowakei."

Mit nur sechs Prozent der Stimmen kann seine Partei alleine das Vorhaben nicht durchbringen. Auch wenn eines Tages eingetragene Partnerschaften im Parlament angenommen würden, so denkt er jetzt, dass die Angelegenheit zuerst über das Verfassungsgericht gehen müsste.

Die Slowakei liegt unter 49 untersuchten europäischen Ländern in Bezug auf LGBTI-Rechte auf dem 24. Platz. Die Pride Bratislava wird erst seit 2010 organisiert. Dieses Jahr fand sie gerade zwei Wochen nach der Annahme der Novelle unter dem Thema „unterschiedliche Familien" statt. Damit sind nicht nur gleichgeschlechtliche Paare, sondern auch alleinstehende oder geschiedene Elternteile gemeint. Die Verfassung schützt nun nur noch eine Variante von Familie, die auf einer Ehe zwischen Mann und Frau basiert", sagt Martin Macko, der Direktor von Iniciativa Inakost, einer Gruppe, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt.

Er war von der Änderung überrascht, denn obwohl die KDH es schon früher vorgeschlagen hatten, hatte sie nie die Unterstützung der SMER - bis jetzt. Er glaubt, dass die SMER die Ergänzung zur Ehe benutzt habe, um Unterstützung für ihre Justizreformen zu gewinnen. Damit ist er ist nicht der Einzige. Die Gruppe des Europäischen Parlaments für LGBT-Rechte hat SMER beschuldigt, „mit erzkonservativen bis populistischen Kräften" zusammenzuarbeiten und „die gleichen Werte, die sie zu verteidigen angeben, mit Füßen zu treten".

Verteidigung der "traditionellen" Familie

Mit nur 150 Sitzen und einer Kammer, können im slowakischen Parlament Gesetze leicht geändert werden. Laut Martin Dilong (KDH) war dies ein Antrieb, um die Definition der Ehe in die Verfassung zu bringen. Er ist sichtbar stolz, dass seine Partei mit nur 13 Sitzen im Parlament eine Verfassungsänderung erreichen konnte.

„Einige denken, dass dieser Vorschlag LGBT-Personen diskriminiere, aber das muss ich zurückweisen. Wir respektieren alle Menschen. Die sexuelle Orientierung kann keine Voraussetzung für Sonderrechte sein. Es gibt verschiedene Beziehungen, aber sie sind nicht dasselbe wie eine feste Verbindung. Dinge, die gleich sind, sollten gleich behandelt werden und Dinge, die anders sind, sollten anders behandelt werden", sagt er.

Die Änderung ist nicht der einzige Fall, der die Familie zu einem ideologischen Schlachtfeld gemacht hat. Im letzten September hatte ein „Marsch für Leben" in Košice, der durch die Bischofskonferenz organisiert wurde, massive Beteiligung. 

Die Allianz für Familie glaubt, dass keine andere Form der Partnerschaft als die Ehe zwischen Mann und Frau rechtlichen Schutz haben sollte. Gleichgeschlechtlichen Paaren sollte die Adoption nicht erlaubt sein und Eltern sollten die Möglichkeit haben, die Art der sexuellen Aufklärung ihrer Kinder zu kontrollieren. Gerade sammeln sie Unterschriften, um durch ein Referendum die Slowaken zu befragen, ob sie dem zustimmen wollen.

Der Sprecher Peter Kremsky sagt, dass es eine Reaktion auf die Geschehnisse in Westeuropa sei. „Die Menschen sind aufgrund der Kultur dort individualistischer und egoistischer, aber der Rest der Welt ist familienorientierter. In Europa wird nun alles als Familie aufgefasst, sogar ein alleinstehendes Elternteil oder zwei gleichgeschlechtliche Elternteile." Peter Kremsky glaubt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Aufgaben hätten und dass beide für eine vollständige Familie notwendig seien. „Wenn durch die Umstände ein Elternteil alleine ist, werden wir diesem natürlich helfen, aber wir können nicht einfach sagen, dass dies in Ordnung sei."

Der lange weg zu gleichheit

Zurück im Be Happy Club kommen drei russischsprechende Männer um die 40 herein und inspizieren die leere Bar, wobei ihr Blick schließlich auf uns Mädchen an der Bar ruhen  bleibt. „Seid ihr frei?", fragt der eine mit einem ärmellosen Shirt zögernd. Wir sind perplex, aber Feri versteht die Lage sofort und schickt den Mann in eine Oben-ohne-Bar in der Innenstadt. Er sagt, dass er es amüsant fände, die Reaktion der Leute zu sehen, die nicht realisierten, dass es eine Schwulenbar ist, bis sie drinnen sind. Eianml sei ein Mann in die Bar gekommen und hätte nach einer Weile gefragt, wieso es hier so viele schwule Männer gäbe. Als Feri es ihm erklärte und dabei auf die Regenbogenfahnen zeigte, antwortete der Mann mit: „Oh, das steht nicht für ein freies Tibet?".

Dieser Artikel ist Teil einer Bratislava gewidmeten Spezialreihe. „EU-Topia: Time to Vote" ist ein Projekt, das von Cafébabel in Partnerschaft mit der Hippocrène-Stiftung, der Europäischen Kommission, dem französischen Außenministerium und der Evens-Stiftung durchgeführt wurde.