Liebe in Zeiten der Globalisierung

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2009
Wegen des Geldes oder der Karriere in ein anderes Land zu ziehen, ist schon lange nichts Neues mehr. Warum sollte es dann etwas Neues sein, wenn wir unser Heimatland wegen eines geliebten Menschen verlassen? Bedenken der Familie, Anpassungsschwierigkeiten in einer neuen Kultur und Sprachbarrieren, das sind die Probleme die es zu überwinden gilt. Drei Geschichten von ‘grenzenloser’ Liebe.

Ein junger Franzose schreibt Gedichte auf Spanisch an ein kolumbianisches Mädchen in einer Wohnung in London, in der sich beide durch Zufall begegnet sind. “Kein Kolumbianer hat mir jemals so etwas geschrieben”, erinnert sich Liliana Muñoz, die jetzt in Nîmes (Frankreich) lebt, gerührt. Heute sind die beiden glücklich verheiratet und haben ein fast dreijähriges Kind, das durch die Wohnung tanzt. Wenn Liliana erzählt, hört man in ihren Worten noch immer die Hoffnung und Freude dieser ersten Tage voller Ungewissheit und Unsicherheit. Diese ersten Tage, in denen jedes Detail wichtig war, um herauszufinden, ob die andere Person das gleiche fühlte wie man selbst.

Neuanfang in Frankreich

Als Liliana auf die britische Insel kam, ließ sie in Kolumbien ihren Verlobten zurück, mit dem sie schon mehr als acht Jahre zusammen gewesen war.

Sie waren nach London gekommen, um ihr Englisch zu verbessern, aber der Zufall - oder das Schicksal, an das Liliana fest glaubt - wollte, dass sich die beiden im selben Apartment in London City einquartierten. „Als er die Tür geöffnet hat, war es um mich geschehen. Seit diesem Tag waren wir unzertrennlich“, erzählt Liliana. Und dabei hatten es die beiden nicht gerade leicht. Als Liliana auf die britische Insel kam, ließ sie in Kolumbien ihren Verlobten zurück, mit dem sie schon mehr als acht Jahre zusammen gewesen war. „Mein Verlobter wollte es nicht wahrhaben und flog nach London, um mich zurückzugewinnen. Ich hatte ihm am Telefon gesagt, dass ich einen anderen liebe und deshalb nicht mehr mit ihm zusammen sein könne. Trotzdem kam er und als ich ihn sah, fühlte ich nichts.“

Heute arbeitet Liliana in der Schmuckbranche und fühlt sich ganz in das Leben in Frankreich integriert, auch wenn sie jedes Jahr in ihre Geburtsstadt Bogotá zurückkehrt, um ihre Familie zu besuchen und ihre Wurzeln nicht zu verlieren. „Ich wurde traurig bei dem Gedanken, dass es für ihn nur eine flüchtige Sommerliebe sein könnte. Aber als er mir zeigte, dass ich ihm tatsächlich etwas bedeutete, beschloss ich, mit ihm nach Frankreich zu gehen. Es war eine Herausforderung, alles in Kolumbien zurückzulassen und von Null anzufangen, ohne meine Familie - die mich immer unterstützt hat - ohne Freunde und ohne auch nur ein Wort Französisch zu können.“

Von Kuala Lumpur nach Köln

©sicoactiva/flickrEine ähnliche Geschichte handelt von einer Malaysierin und einem Deutschen, die sich in Australien kennenlernten. Nach zwei Jahren Fernbeziehung beschloss sie alles zurückzulassen, um der Liebe ihres Lebens an den Rhein zu folgen. Mélanie studierte in Australien und meldete sich als Betreuerin für Neuankömmlinge an der Uni. Unter ihnen war auch ihr zukünftiger Freund. „Ich glaube er hat mich angesprochen, weil mein Name der einzige war, an den er sich erinnern konnte, da er nicht so exotisch wie die der anderen war“, sagt sie belustigt. Damals begann eine Beziehung, die nach seiner Rückkehr nach Deutschland kompliziert wurde. „Nach zwei Jahren Fernbeziehung waren wir es leid alle drei Monate um den Erdball zu fliegen, um zusammen zu sein.“ Deshalb ließ sie sich mit dem Mut der Liebe auf das Abenteuer Deutschland ein, einer Kultur, die ihr zunächst völlig fremd war. „Meine ersten Tage waren seltsam, eine neue Sprache, kein scharfes Essen und Tüten, die man selbst mit in den Supermarkt nehmen musste.“

Doch der Empfang hätte nicht besser sein können. Die Familie ihres Freundes nahm sie wie eine Tochter bei sich auf, was ihre eigenen Eltern beruhigte, die zwar traurig über den Weggang ihrer Tochter waren, aber ihr Glück und ihre Freude teilten. Eine weitere Hürde war sich an den Charakter der Deutschen zu gewöhnen: „Ich bin eine sehr extrovertierte Person, es war hart feststellen zu müssen, dass es unter den Deutschen nicht normal war, mit Fremden zu reden. Das kam mir sehr kühl und distanziert vor.” Allerdings änderte sich ihr Bild vom distanzierten Deutschen mit der Zeit. „Sie halfen mir sehr mich auf Deutsch zu verständigen und als ich beim Sprechen sicherer war, hatte ich interessante Unterhaltungen mit anderen Passagieren im Zug.” Jetzt, an ihr neues Leben gewöhnt, ist Mélanie zufrieden mit ihrer Entscheidung. „In ein anderes Land zu ziehen hat mein Leben bereichert.”

Wir sehen uns in Kanada

Anna und Hans, eine Amerikanerin und ein Kolumbianer, entschieden sich für eine Drittlösung: Keiner sollte dem anderen folgen. “Unsere Wahl fiel auf Montreal, weil es eine offene und zweisprachige Stadt ist”, sagt Anna. “Die Arbeitsmöglichkeiten, die Sprache und die Nähe zur Familie gaben den letzten Ausschlag”, erzählt Hans weiter, auch wenn Kolumbien nicht gerade nebenan liegt.

Meiner Mutter gefiel nicht, dass sie ihn wegen der weiten Entfernung nicht näher kennenlernen konnte und sie verboten mir nach Kolumbien zu fliegen.

Ihre Wege kreuzten sich vor etwas mehr als zwei Jahren bei einem Französisch-Sommerkurs in Minnesota, wo beide als Betreuer arbeiteten. Als der Sommer zu Ende war, mussten sie sich der harten Realität einer Beziehung auf Distanz stellen. „Die größte Schwierigkeit war die Sprache. Er sprach Spanisch, ich Englisch, allerdings unterhielten wir uns auf Französisch. Anfangs war es schwierig für mich, aber mit der Zeit wurde es besser“, erinnert sich Anna. Das war nicht die einzige Hürde. Annas Familie hatte Schwierigkeiten mit der Beziehung. „Meiner Mutter gefiel nicht, dass sie ihn wegen der weiten Entfernung nicht näher kennenlernen konnte und sie verboten mir nach Kolumbien zu fliegen, weil es als gefährliches Land gilt.“

Angesichts dessen hat sich Montreal als der ideale Ort für ihre Beziehung herausgestellt. “Es ist wunderbar ein neues Land und eine neue Kultur gemeinsam zu entdecken und dabei unsere Zukunft aufzubauen. Das ist ein Gefühl wie ewige Ferien”, erzählt Anna mit Begeisterung in der Stimme.

Der Zufall - oder das Schicksal, wie Liliana sagen würde - wollte, dass diese Paare sich einer Situation stellen mussten, die immer häufiger vorkommt und keinesfalls frei von Schwierigkeiten ist: die Liebe zu jemandem, der nicht nur in einer andern Stadt oder Region, sondern in einem anderen Land oder gar einem anderen Kontinent lebt. Das globale Dorf ist Realität. Billigere Flugtickets und schnellere Kommunikation haben ihr Übriges zu dieser Globalisierung der Liebe beigetragen. Womöglich wird schon bald eine der normalsten Fragen an unsere Freunde folgende sein: Und aus welchem Land kommt dein Partner?

Vielen Dank an Lilian Pithan für ihre Mitarbeit an diesem Artikel.