LeWeb: WikiLeaks und der Cyber-Krieg zu Gast im Mekka des World Wide Web

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2010
Schillernde Neonbeleuchtung, eine ungewöhnlich hohe Dichte von Start-Up-Unternehmen, unzählige Blogger, und natürlich die ganz Großen des internationalen Internetgeschäfts. Das alles zeichnet die Konferenz LeWeb als innovatives Gipfeltreffen des weltweiten Online-Business aus. Dieses Jahr aber, am 8. und 9.
Dezember, stehen Julian Assange und der jüngst von seinen Anhängern ausgerufene Cyber-Krieg im Mittelpunkt der Diskussion. Ein Babelianer berichtet vom Ort des Geschehens.

Osama Bediers Miene versteinert sich, als er die Frage eines Journalisten der britischen Tageszeitung Telegraph hört. Der Vizepräsident von Paypal Network war eigentlich hierher gekommen, um die Innovationen seiner elektronischen Bezahlplattform anzupreisen. Doch um ein Haar wäre sein eloquenter Vortrag ins Stocken geraten: „Warum hat sich Paypal entschieden die WikiLeaks-Konten zu sperren?“, will Milo Yiannopoulos wissen. Im letzten Moment fängt sich Bedier und präsentiert seine zurechtgelegte Antwort: Jeder Paypal-Kunde akzeptiert bei der Anmeldung die Nutzungsbedingungen von Paypal. WikiLeaks hat gegen diese verstoßen, daher ist die Entscheidung gerechtfertigt. Punkt. Aus. Ende. Was einer der 76 offiziellen Blogger der Konferenz, Fred Cavazza, folgendermaßen zusammenfasst: „Keine wirkliche Antwort“! Aus dem mit 1500 Schwergewichten des weltweiten Internetgeschäfts gefüllten Saal ist verhaltenes Raunen zu vernehmen. Unmittelbar danach nimmt die Selbstdarstellung Bediers wieder ihren gewohnten Lauf.

Google, facebook, myspace…

Julian Assange in aller Munde

Also alles Business as usual vom 8. bis 9. Dezember 2010 bei der von Loïc Le Meur begründeten Konferenz LeWeb in der Pariser Vorstadt Saint-Denis? Nicht ganz. Denn die Verhaftung des Mitbegründers von WikiLeaks ist das Hauptthema zahlreicher Diskussionen unter den Vertretern von Google, Microsoft, Foursquare, den Journalisten von Techcrunch und anderen Start-Up-Managern. Jeder hat seine ganz eigene Meinung zum Für und Wider der Aktionen des neu erkorenen „Märtyrers 2.0“. Und auch zur so genannten „Operation Payback“, die von einer Gruppe von Internetpiraten gestartet wurde und sich gegen Unternehmen richtet, die WikiLeaks von ihrer Kundenliste gestrichen hatten.

Auf jeden Fall bräuchte dieser die Mittel dazu: Ein Teilnehmer-Pass kostet fast 2000 EuroIn der Tat scheint es unmöglich, im Mekka des Internetbusiness dem Gerede vom ersten „Cyber-Krieg“ der Welt aus dem Weg zu gehen. Nicht nur der Paypal-Blog, sondern auch die Websites von Visa und Mastercard fielen kürzlich Cyber-Attacken zum Opfer, die ihre Server mit einer nicht mehr zu bewältigenden Anzahl von Anfragen überlasteten. Doch wer versteckt sich hinter dem „Kollektiv Anonymus“, das sich zu dem Netzangriff bekennt? Es wird vermutet, dass die Mitgliederrekrutierung über die anonymen Foren der Internetplattform 4Chan stattfindet. Doch man muss noch nicht mal ein gewiefter Hacker sein, um an dem Netzwerk teilnehmen zu können, denn Anonymus stellte seinen Anhängern ein Tool zur Verfügung, das die Teilnahme an den Angriffen zum Kinderspiel machte: das sogenannte LOIC (Low Orbit Ion Cannen, eine Weltraumkriegsmetapher!).

Obwohl in den Niederlanden ein 16-Jähriger wegen seiner Beteiligung an den Attacken gegen die Mastercard- und Paypal-Dienste festgenommen wurde, ist das Risiko erwischt zu werden nahe Null, wie Anonymus versichert. Diese Attacken erwidern, frei nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, die Angriffe der US-amerikanischen Geheimdienste auf die Website von WikiLeaks. Also alles nur Selbstverteidigung?

Programmänderung

Nach der schmallippigen Stellungnahme des Vize-Präsidenten von Paypal mischt die WikiLeaks-Affäre noch ein weiteres Mal das fein ausgefeilte Programm der Konferenz auf. Ein von Adrian Monk vom Weltwirtschaftsforum geleiteter Runder Tisch sollte eigentlich den Auswirkungen der neuen Technologien auf die Medien gewidmet sein.

Alles ließe vermuten, dass man zum x-ten Male das Gerede von der schwierigen Anpassung der herkömmlichen Presse an das digitale Zeitalter und die endlosen Diskussionen über das neue Wirtschaftsmodell der Medien (Finanzierung durch Werbung oder Online-Abonnements?) zu hören bekommen werde. Doch stattdessen gibt Monk der Diskussion gleich zu Beginn eine ganz andere Richtung, indem er die Teilnehmer zu den Maßnahmen befragt, die die jeweiligen Regierungen gegen WikiLeaks ergriffen haben.

Sichtlich erregt verdammt Pierre Chappaz, Gründer des Informationsportals Wikio, die Angriffe auf Grundfreiheiten vonseiten der westlichen Regierungen und geht sogar so weit, die Ereignisse als den „Ersten Informationskrieg“ zu bezeichnen. Er ruft die herkömmlichen Medien dazu auf, sich hinter WikiLeaks zu stellen und so die Pressefreiheit, Grundpfeiler der Demokratie, zu verteidigen.

Dafür wird er mit herzlichem Applaus belohnt und sogleich von einem anderen Europäer auf der Bühne unterstützt: Julio Alonso, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Weblogs SL. Weit weniger enthusiastisch zeigen sich hingegen die meisten amerikanischen Vertreter am Tisch, selbst wenn auch sie großteils Verständnis erkennen lassen. Richtiggehend brüskiert zeigt sich allerdings Gabe Rivera von TechMeme: Demonstrativ weigert er sich, die Aktionen von Amazon und Paypal zu verurteilen und verweist auf die Verantwortungslosigkeit des Verhaltens von WikiLeaks in Hinsicht auf die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten.

Und was sagen wir dann den Chinesen?

Das vorherrschende Gefühl unter den bei dieser Konferenz versammelten Hauptakteuren des World Wide Web bleibt aber der Optimismus. Dieser scheint begründet durch die noch junge Entstehungsgeschichte des Internets und seine dezentralisierte Organisation: Es ist schlichtweg unmöglich, das gesamte Netz zu kontrollieren oder lahmzulegen. Zahlreiche Teilnehmer sind überzeugt, dass WikiLeaks weiter existieren wird. Trotz der Angriffe auf seine Webseite, werden die WikiLeaks-Informationen immer irgendwo verfügbar sein. Der Versuch, WikiLeaks an der Veröffentlichung von Informationen zu hindern, ist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt (gegenwärtig ist WikiLeaks unter 1559 verschiedenen Internetadressen zu finden). Daher der Eindruck, dass die aktuellen Versuche der Regierungen nichts weiter als ein „Whack a Mole“-Spiel („Schlag den Maulwurf“) sind, bei dem, ganz gleich wo der Spieler zuschlägt, der Maulwurf immer aus einem anderen Loch wieder auftaucht.

Nichtsdestotrotz ruft Pierre Chappaz zu mehr Wachsamkeit auf. Der Gründer von Wikio veröffentlichte einen Aufruf an die herkömmlichen Medien, um sie davon zu überzeugen, WikiLeaks ebenso entschieden zu verteidigen wie jene Journalisten in der ganzen Welt, die Opfer von Gewalt oder politischem Druck werden. Denn das System „Internet“ als Ganzes durchläuft derzeit vielleicht die erste Krise seiner noch jungen Geschichte. Und alle Demokratien der Welt müssen sich bewusst sein, dass ihre jetzige Handlungsweise bedeutsame Folgen für die Zukunft haben wird: Denn was werden wohl die Chinesen oder die Kubaner antworten, wenn ihnen westliche Demokratien das nächste Mal ihre Zensurwut gegenüber Bloggern oder gegen die Informationsfreiheit im Allgemeinen vorwerfen?

Fotos: (cc)Mataparda/flickr ; LeWeb: (cc)LeWeb10 et Kmeron/flickr