Leute, die Garbage hören und Trump wählen?

Artikel veröffentlicht am 16. November 2016
Artikel veröffentlicht am 16. November 2016

Als die amerikanisch-schottische Rockband Garbage 1995 ihr erstes Album herausbrachte, saß ein Clinton im Weißen Haus. Heute, während ihrer Europatour rund um das neue Album 'Strange Little Birds' hätte sich die Geschichte wiederholen können. Wir sprachen mit dem Gitarristen Steve Marker und Bassisten Duke Erikson über Politik, selbst veröffentlichte Platten und James Bond.

cafébabel: Und, wie gefällt euch Paris dieses Mal?

Steve Marker: Mit den Jahren sind wir sicher schon über zwanzig Mal hier gewesen. Aber es fühlt sich immer noch genial an. Hier einfach nur rumzulaufen ist berauschend.

Duke Erikson: Man ist quasi ständig im Vollrausch.

cafébabel: Wie reagiert das französische Publikum auf euch?

Steve Marker: Ich habe nie so richtig gemerkt, ob es einen Unterschied zwischen verschiedenen Publikumsgruppen gibt oder deren Herkunftsländern. Manchmal sind Leute eher gut oder schlecht drauf als den Abend vorher aber mal im Ernst: die Franzosen sind der Hammer, aber auch die Holländer und die Engländer.

Duke Erikson: Ich denke aber, dass es Unterschiede in der Stimmung gibt. In Deutschland scheinen die Leute etwas mehr konzentriert, auch wenn sie begeistert sind. In Frankreich ist mehr Leidenschaft da, in Spanien vielleicht sogar noch mehr. Aber ich stimme mit Steve schon überein, die Unterschiede sind echt minimal. Alle in der Welt reagieren ähnlich auf Musik, besonders wenn sie live ist.

cafébabel: Gibt es andere Städte in Europa, die euch besonders am Herzen liegen?

Duke Erikson: Ich bin generell einfach gern in Europa. Dieses Gefühl irgendwo zu sein, wo es eine so viel tiefer gehende Geschichte als in den USA gibt. Amerika ist so jung und das kann man auch spüren. Hier hat man das Gefühl, Teil von etwas Größeren zu sein. Das flößt Respekt ein.

Steve Marker: Ich denke, besonders jetzt gerade, gibt es hier einen größeren Sinn für Gerechtigkeit.

Duke Erikson: Überall auf dem Planeten sind die Leute toleranter als da, wo wir gerade herkommen.

Steve Marker: Da, wo wir herkommen, ist es verdammt gruselig. Ich hab keine Ahnung, was da los ist. Ich dachte eigentlich, wir wollten vorwärts und nicht rückwärts gehen.

cafébabel: Um bei den US-Wahlen zu bleiben, Wisconsin, der Staat, aus dem ihr kommt, ist der in Hand der Republikaner oder Demokraten?

Duke Erikson: Madison, die Stadt aus der wir kommen, ist eine sehr liberale Stadt inmitten eines ansonsten ziemlich konservativen US-Bundesstaates. Aber dieses Jahr? Ich weiß auch nicht, es geht irgendwie hin und her.

Steve Marker: Also wir hatten da Scott Walker, diesen rechten Tyrannen, der vor ein paar Jahren einfach aus dem Nichts auftauchte und an die Macht kam. Ein schlimmer Typ, fast eine Art Vorläufer von Donald Trump. Aber ich lebe in Colorado, was eigentlich ein typisch konservativer Republikaner-Haufen ist, und trotzdem gab es hier jetzt Tendenzen in Richtung Demokraten.

cafébabel: Wie fühlt es sich an, im Rahmen dieser US-Wahlen so weit entfernt unterwegs zu sein?

Steve Marker: Es ist schon komisch, ich habe zwar wählen können, noch bevor wir auf Tour gingen, aber am Wahlabend selbst waren wir in Dänemark. Da gab es ordentliche Katerstimmung.

Duke Erikson: Ich habe das Ding geschaut, die ganze Nacht fern gesehen.

cafébabel: Warum sollen wir Europäer eigentlich toleranter sein?

Steve Marker: Ein paar ziemlich dunkle Flecken der europäischen Geschichte mal ausgeklammert, aber ihr habt es über tausende von Jahren gelernt, auf ziemlich engem Raum miteinander auskommen zu müssen. Das meine ich mit Toleranz - deine Nachbarn akzeptieren zu müssen. Und es scheint so, als ob ihr diesen vernünftigen Spagat hinbekommt. Amerikaner wollen ihren Nachbarn immer sagen, was sie tun und lassen dürfen.

Duke Erikson: Aber es gibt trotzdem auch in Europa diese Gruppen, die sprießen: in Frankreich, in Deutschland und nun auch in England - ähnlich wie in Amerika. Und jeder Politiker kann mit dieser Angst spielen und sich damit einen Haufen Aufmerksamkeit bescheren.

cafébabel: Früher dieses Jahr hat es für Lily Allens politisches Engagement ziemlich viel Kritik gehagelt. Habt ihr auch schon einen Shitstorm auf Facebook erlebt?

Steve Marker: Shirley [Manson, Garbage-Leadsängerin, AdR] kriegt ziemlich viel ab auf Twitter. Immer wenn sie irgendwie Dampf über Trump abgelassen hat, gab es eine Armee von Idioten, die auf sie losgingen. Und so wichtig sind wir ja nun auch wieder nicht!

Duke Erikson: Ich bin immer wieder überrascht, dass Trump-Wähler unsere Tweets lesen. Wer sind diese Leute, die Garbage hören und Trump wählen? Ich kapiere das nicht.

cafébabel: Ihr habt Euer letztes Album Strange Little Birds ohne Plattenfirma rausgebracht. Verändert das den kreativen Prozess?

Duke Erikson: Ich denke, wir haben diese Riesenpause eingelegt [2005-2012, AdR], weil uns das Musik-Business einfach desillusioniert hat. Es hat sich nicht mehr gut angefühlt. Wir haben immer Druck von außen gespürt, ein bestimmtes Album machen zu müssen. Wir hatten das Gefühl, dass unsere Arbeit uns aus den Händen gleitet, sogar die Musik, die wir machten. Und das hat uns mächtig bedrückt. Alles im Alleingang zu machen hat uns da irgendwie rausgeholfen. Das hat soviel Druck rausgenommen. Niemand, der einfach vorbeischaut und sehen will, ob es vorangeht. Das heißt aber auch, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich manchmal mit Zahlen herumschlagen zu müssen. Darin sind wir nicht so gut, das ist eine ganz andere Seite des Gehirns.

Steve Marker: Ich kann mir nicht vorstellen, warum wir dahin zurück gehen wollten. Das Business hat sich im Vergleich zu unseren Anfangsjahren doch total verändert. Wir hatten Glück, dass wir in einer Zeit Erfolg hatten, in der das Musikgeschäft noch funktionierte. Doch nun bricht es irgendwie auseinander und die Leute werden nervös, weil wir nicht mehr genug Geld brachten. Das nervt. Würden wir jetzt anfangen, erginge es uns sicher wie allen anderen auch. Wir wären eine von diesen 10 Millionen Bands im Internet, die niemand findet.

'Empty', Single-Auskopplung des Garbage-Albums Strange Little Birds

cafébabel: Ihr beschreibt Eure neue Platte als romantisch und dunkel. Wie passt das zusammen?

Duke Erikson: Ich denke nicht, dass wir etwas vollkommen anderes machen im Vergleich mit den alten Sachen - Tiefe soll es haben und nicht davor zurückschrecken, verschiedene Genres und Stimmungen zu mischen. Wir sehen es als Teil der menschlichen Erfahrung. Diesmal haben wir das vielleicht besser hinbekommen, denn wir alle waren für die gleiche Richtung und haben das zusammen durchgezogen. Das hat die Platte robuster gemacht. Und uns hat es Spaß gemacht, so zu arbeiten.

cafébabel: Bis Ende des Jahres seid ihr noch auf Tour: Was habt ihr danach geplant?

Steve Marker: Wir haben neulich erst darüber gesprochen, wie wichtig es ist, dann keine Pause einzulegen. Nach Tour-Ende bist du müde, aber du hast auch eine Riesenportion Energie, diesen gewissen Moment. Da bringt es nichts, sich sechs Monate an irgendeinen Strand zu setzen, das wäre Zeitverschwendung. Wir sprechen deshalb über neue Studioaufnahmen und Touren.

Duke Erikson: Das Geniale an diesem Kreislauf ist, wenn du gerade ein Album aufgenommen hast, willst du unbedingt auf Tour. Am Ende der Tournee willst du unbedingt wieder zurück ins Studio. Eines nährt das andere.

Garbage-Theme für The World is Not Enough (1999)

cafébabel: Ok, eine Frage noch. Wir können euch nicht ohne eine James Bond-Frage gehen lassen. Was haltet ihr von den Nachfolgern von 'The World is Not Enough'?

Duke Erikson: Auf keinen Fall so gut wie unserer [Lachen].

Steve Marker: Adele hat mit Skyfall einen ziemlich guten Song geliefert.

Duke Erikson: Stimmt, es war der typische Bond-Klassiker und trotzdem irgendwie neu.

Steve Marker: In der Musikindustrie gibt es ja ganz schöne Wichser, aber die Filmindustrie ist noch tausend mal schlimmer. Ich erinnere mich, wie sie uns verarscht haben, als wir versucht haben, unseren Song zu machen. Wie sie den Mix geändert haben. Es gab so viele Regeln. Aber Adele hat das echt gut gemeistert. Sie klang trotzdem so, als hätte sie ihr eigenes Ding durchgezogen.