Lettische Leggins: Riga ist Kulturhauptstadt 2014

Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2014
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2014

Von Januar an ist Riga europäische Kulturhauptstadt. Alltagskultur soll in der lettischen Hauptstadt das Jahr 2014 dominieren. Kultur und Leben in Lettland werden immer noch von einer schweren Wirtschaftskrise dominiert, sind aber an dieser auch gewachsen.

Die Miera iela ist eine schma­le Stra­ße, die vom Zen­trum der let­ti­schen Haupt­stadt Riga in einen Au­ßen­be­zirk führt. Klei­ne, hell er­leuch­te­te Schau­fens­ter blit­zen hier und da zwi­schen den dunk­len Fas­sa­den auf. Freund­li­che Cafes und Bars, eine Glas­werk­statt und ein Bio­la­den, schrill de­sign­te Kin­der­mo­de und ein al­ter­na­ti­ver Fri­seur.

In der Num­mer 50 will Elina Ber­kla­va mit mo­der­nem Kunst­hand­werk neue Trends set­zen. Sym­bo­le aus der let­ti­schen Folk­lo­re druckt sie auf Legg­ins oder höl­zer­ne Un­ter­set­zer. Die einst fins­te­re Gasse hat sich in­ner­halb we­ni­ger Jahre in ein krea­ti­ves Vier­tel ver­wan­delt – auch dank der schwe­ren Wirt­schafts­kri­se, die Lett­land 2009 in ihren Stru­del riss: Als viele Läden dicht­ma­chen muss­ten, konn­ten junge Künst­ler die leer ste­hen­den Räume güns­tig mie­ten. Das mo­ti­vier­te Ber­kla­va, ihre ei­ge­ne Bou­tique zu er­öff­nen.

Mit dem Label Eu­ro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt 2014 wol­len Kunst­hand­wer­ker wie Ber­kla­va ihre Türen nun für jeden öff­nen. Die Miera iela soll als Bei­spiel für ein le­ben­di­ges Wohn­vier­tel die­nen. Er­fah­rung haben die Künst­ler be­reits auf dem jähr­li­chen Stra­ßen­fest im Mai ge­sam­melt: „Jeder kann an Work­shops teil­neh­men, bild­hau­ern, Ke­ra­mik her­stel­len oder Glä­ser bla­sen“, sagt Ber­kla­va.

Raum­man­gel oder Kunst in der Not­auf­nah­me

Man­che Künst­ler wol­len das Kul­tur­haupt­stadt­jahr auch nut­zen, um auf Miss­stän­de auf­merk­sam zu ma­chen: Der Lei­te­rin des Zen­trums für Zeit­ge­nös­si­sche Kunst, Sol­vi­ta Krese, sind die zahl­lo­sen Leer­stän­de in Riga ein Dorn im Auge. Denn ob­wohl jedes vier­te Ge­bäu­de im Stadt­zen­trum un­be­wohnt ist, feh­len Aus­stel­lungs­räu­me. Die Stadt möch­te ihre Im­mo­bi­li­en lie­ber ver­kau­fen, als sie Künst­lern zur Ver­fü­gung zu stel­len. So sprach Krese seit Be­ginn der Wirt­schafts­kri­se Ei­gen­tü­mer leer­ste­hen­der Häu­ser an; es folg­ten pro­vi­so­ri­sche Aus­stel­lun­gen und spon­ta­ne Le­sun­gen. Für 2014 ver­han­delt Krese eine Kunst­schau in einer ehe­ma­li­gen Not­auf­nah­me. „Wir wol­len im Kul­tur­haupt­stadt­jahr den Man­gel an Raum sicht­bar ma­chen. Wir haben so viele tolle Künst­ler, die ihre Ar­bei­ten aber nicht zei­gen kön­nen.“

Pro­gramm­lei­te­rin Aiva Ro­zen­ber­ga sagt, Riga wolle als Kul­tur­haupt­stadt vor allem die ein­fa­chen Bür­ger er­rei­chen. „Jeder Ein­woh­ner ist 2014 für uns ein VIP.“ Eine ki­lo­me­ter­lan­ge Men­schen­ket­te von Buch­lieb­ha­bern soll am Er­öff­nungs­tag am 18. Ja­nu­ar die alte let­ti­sche Na­tio­nal­bi­blio­thek mit dem spek­ta­ku­lä­ren Neu­bau am Ufer der Dau­ga­va ver­bin­den. Damit knüpft Lett­land an die Tra­di­ti­on der Men­schen­ket­ten an, mit denen Lett­land, Li­tau­en und Est­land in den neun­zi­ger Jah­ren für ihre Un­ab­hän­gig­keit kämpf­ten.

Pantomime an der Wursttheke

Am Er­öff­nungs­tag sol­len Pas­san­ten zudem auf dem rie­si­gen Ri­ga­er Zen­tral­markt über Mul­ti­me­dia-Shows in vie­len Pa­vil­lons einen Ge­schmack davon be­kom­men, was die Kul­tur­haupt­stadt für Riga be­deu­ten kann. Wäh­rend eine Pan­to­mi­men­grup­pe in der Fleisch­hal­le Kun­den und Metz­ger mit ein­be­zie­hen will, wird in der Ge­mü­se­hal­le zwi­schen Gur­ken und To­ma­ten frei mu­si­ziert. „Wir wol­len mit den Leu­ten ins Ge­spräch kom­men. Wenn die Bür­ger ein emo­tio­na­les Er­leb­nis haben, dann kön­nen sie sich ver­än­dern, und dann kön­nen sie auch die Stadt ver­än­dern“, sagt Ro­zen­ber­ga.

Mit 24 Mil­lio­nen Euro ver­fügt die Kul­tur­haupt­stadt Riga über ein ver­gleichs­wei­se klei­nes Bud­get, sagt Mar­ke­ting­lei­te­rin Anna Muhka. „Als wir er­fuh­ren, dass wir Kul­tur­haupt­stadt wer­den, steck­ten wir ja mit­ten in der Krise. Aber die Krise hat uns auch ge­lehrt, dass Not er­fin­de­risch macht. Für Krea­ti­vi­tät be­nö­ti­gen wir kein Geld.“

Trotz­dem wird an auf­wän­di­gen Dar­bie­tun­gen nicht ge­spart. Dazu ge­hört „Born in Riga“ – eine Klas­sik-Ga­la mit Stars, die wie die Sän­ge­rin­nen Elina Garan­ca und So­pra­nis­tin Kris­ti­ne Opo­lais oder der Vio­li­nist Gidon Kre­mer aus Lett­land stam­men – sowie ein in­ter­na­tio­na­les Jazz­fes­ti­val. Ein wei­te­rer Hö­he­punkt ist eine in­ter­na­tio­na­le Chor-Olym­pia­de, die zum ers­ten Mal in Lett­land aus­ge­tra­gen wird. Mehr als 20.000 Sän­ger aus 50 Län­dern tre­ten dabei im Juli über­all im Land ge­gen­ein­an­der an. Das sei vor allem ein Er­leb­nis für die Let­ten, sagt der Di­ri­gent Ints Te­te­rovs­kis. Sie fei­ern zwar selbst alle fünf Jahre das größ­te Sän­ger­fest der Welt, hör­ten aber sel­ten Chöre aus an­de­ren Län­dern, tra­di­tio­nel­le Musik aus Afri­ka etwa.

Für die Party nach dem Er­öff­nungs­fest wähl­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren das pri­va­te Kul­tur­zen­trum Ka­ne­pe aus, das seit einem Jahr in den Räu­men einer leer ste­hen­den Mu­sik­schu­le ent­steht. Frei nach dem Vor­bild des krea­ti­ven Vier­tels Miera iela. In­ves­tor Ed­gars Ka­ne­pe hofft, dass sich die Tou­ris­ten 2014 in Riga so wohl füh­len, dass sie wie­der­kom­men: „Wir wol­len eine Kul­tur­me­tro­po­le Eu­ro­pas wer­den.“

Die Au­to­rin die­ses Ar­ti­kels, Bir­git Jo­hanns­mei­er, ist n-ost-Kor­re­spon­den­tin für das Ost­eu­ro­pa­ma­ga­zin ost­pol.