Lenin lebt!

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2014

Wäh­rend der An­ti-Re­gie­rungs­pro­tes­te im De­zem­ber 2013 stürz­ten De­mons­tran­ten die Le­n­in­sta­tue in Kiew und grif­fen sie mit Häm­mern an. In Char­kiw schlu­gen Pro­tes­tie­ren­de vor durch die Um­be­nen­nung der Le­n­in­stra­ße in „Len­non­stra­ße“ Lenin vergessen zu machen. Doch ob­wohl sein Herz vor neun­zig Jah­ren zu schla­gen auf­hör­te, ist Lenin noch immer in Russland prä­sent.

In Russ­land ist Lenin über­all. Der Persönlichkeitskult Lenins lebt in Russland unter Putin weiter. Sein Erbe lebt weiter für den Fort­schritt des Staa­tes und zum Opfer der bür­ger­li­chen Frei­heit. Er lebt wei­ter in rie­si­gen de­tail­ge­treu­en Re­pli­ken auf fast jedem Stadt­platz, in einem Stra­ßen­na­men in jeder Stadt, in Ge­schen­kelä­den in jeder Stra­ße. Er lebt auch in einer Kiste vor dem Kreml. Zu­sam­men­ge­flickt und viel­leicht inzwischen eher Wachs als Fleisch, zeu­gen die end­lo­sen Re­pa­ra­tu­ren an sei­ner Lei­che von Russ­lands Wei­ge­rung, Lenin ster­ben zu las­sen.

Vor sieb­zig Jah­ren mach­te sich Le­nins Lei­che wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn auf den Weg. Er war auf der Flucht vor jenen Deut­schen, die ihm 1917 in der Hoff­nung er würde Russ­lands Kriegs­be­mü­hun­gen mit einer Re­vo­lu­ti­on zer­streu­en, si­che­res Ge­leit nach Russ­land gaben. Wäh­rend er im Ers­ten Welt­krieg also der deut­schen Sache dien­te, ver­brach­te er den Zwei­ten Welt­krieg damit sich vor ihnen in der Land­wirt­schaft­li­chen Aka­de­mie in Tju­men zu ver­ste­cken.

In Sibirien ist Lenin allgegenwärtig

Je wei­ter man öst­lich nach Si­bi­ri­en reist, desto grö­ßer und all­ge­gen­wär­ti­ger wird Lenin. Die ent­le­gens­ten, ver­fal­lens­ten Sied­lun­gen, nicht asphal­tiert und nur mit einer Hand­voll Häu­sern, be­sit­zen den­noch eine nach Lenin be­nann­te Stra­ße. „Le­n­in­stra­ße“ ist an zu­sam­men­ge­bro­che­nen Holz­hüt­ten in Burja­ti­en und an gewagt ge­sta­pel­ten Back­stein­hau­fen in der Nähe des Bai­kal an­ge­na­gelt zu sehen.

Ulan-Ude, der Haupt­stadt von Burja­ti­en, die gleich neben dem Bai­kal­see liegt, prahlt mit dem größ­ten Le­n­in­schä­del der Welt. An­schei­nend wurde der Kopf dort als eine Be­stra­fung für die burja­ti­sche Ge­gen­wehr gegen die Bol­sche­wi­ki plat­ziert. 

Doch wie groß auch immer eine Nach­bil­dung von Le­nins Schä­del ­s­ein mag, keine von ihnen ver­mag dem Maß an Ein­fluss ge­recht zu wer­den, den Lenin auf un­se­re Welt hatte. Es ist schwer sich vor­zu­stel­len wie sie aus­se­hen würde, wenn Lenin nicht die bol­sche­wis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on an­ge­führt hätte. Kein Jahr­hun­dert ge­prägt vom Kom­mu­nis­mus. Kein Sieg über Na­zi-Deutsch­land. Kein hal­bes Jahr­hun­dert be­stimmt vom kom­mu­nis­tisch-ka­pi­ta­lis­ti­schen Kal­ten Krieg.

Ob­wohl nie­mand die bru­ta­len Rea­li­tä­ten der So­wjet­uni­on ver­misst, schei­nen man­che sich nach dem ideo­lo­gi­schen Glanz zu seh­nen. Prä­si­dent Putin selbst er­klär­te den Zu­sam­men­bruch der So­wjet­uni­on zur „größ­ten geo­po­li­ti­schen Tra­gö­die“ des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts. Ge­le­gent­lich ver­mis­sen es die Leute etwas zu haben, an das sie glau­ben kön­nen. Das mensch­li­che Ge­dächt­nis ist se­lek­tiv und wir haben die ein­drucks­vol­le Fä­hig­keit das Po­si­ti­ve her­vor­zu­he­ben und ver­gan­ge­ne Pro­ble­me zu verdrängen.

„Was zur Hölle ist das?" 

In einer Bank in Je­ka­te­r­in­burg wurde ich Zeuge einer dra­ma­ti­schen Zur­schau­stel­lung die­ser Nost­al­gie.  Ein Mann tän­zel­te in einem glit­zern­den sil­ber­nen Anzug herum. Die Nähte waren ge­säumt von fal­schen Dia­man­ten und seine Kra­wat­te war über­sät mit Pail­let­ten. In sei­ner Mon­tur strahl­te er pracht­voll alles an­de­re als Klas­se aus. Er stol­zier­te wie ein Pfau aus dem Welt­raum­zeit­al­ter umher.

Er nahm ein Mi­kro­phon, ein Fo­to­graf rück­te an und der Pfau zog mit einer über­schwäng­li­chen Geste einen Los­topf unter einem Laken her­vor. Er kün­dig­te den be­lus­tig­ten Kun­den, drei mür­ri­schen, alten Damen in schä­bi­gen Män­teln (und mir), die groß­ar­ti­ge Tom­bo­la an. In me­lo­dra­ma­ti­schem Ton­fall er­klär­te er die Tom­bo­la für alle Kun­den mit einem Kre­dit von über 500 000 Rubel (un­ge­fähr 11000€) zu­gäng­lich. So viel hatte mit Si­cher­heit kei­ner der An­we­sen­den. Der Pfau fuhr damit fort her­um­zu­stol­zie­ren und diese präch­ti­ge Tom­bo­la zu er­klä­ren, an der nie­mand teil­neh­men konn­te. Die drei alten Damen wur­den zu­neh­mend ver­stimm­ter. Sie knurr­ten und zerr­ten em­pört an ihren ab­ge­tra­ge­nen Män­teln. Schließ­lich ex­plo­dier­te eine von ihnen mit re­vo­lu­tio­nä­rer Lei­den­schaft: „In der So­wjet­uni­on konn­te jeder an der Tom­bo­la teil­neh­men! Jeder! 500000 Rubel ...​ Was zur Hölle ist das! SS­SHU­GAR!“

Es ist leicht zu er­ken­nen, warum sie über die­sen glän­zen­den Pfau ver­är­gert waren. Ihr Unmut an­ge­sichts der Aus­gren­zung von der Tom­bo­la, findet sich in großen Teilen der Bevölkerung wieder, die das Gefühl haben, nicht teilnehmen zu können. Um zum ewi­gen Lenin zu­rück­zu­keh­ren; dieser sagte schon 1917: „Die Un­ter­drück­ten dür­fen alle paar Jahre ent­schei­den, wel­che Re­prä­sen­tan­ten der un­ter­drü­cken­den Klas­se sie im Par­la­ment re­prä­sen­tie­ren und un­ter­drü­cken.“