Lehrstunde in Kapitalismus

Artikel veröffentlicht am 3. April 2007
Artikel veröffentlicht am 3. April 2007

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Mitten in Vilnius soll ein ärmliches Wohnviertel einem modernen Geschäftszentrum weichen. Doch die Bewohner wehren sich.

Vilnius boomt. Nicht weit von der Altstadt glänzt am nördlichen Ufer des Flusses Neris die neue Skyline der Stadt im Sonnenlicht. Zwischen den Glasfassaden der Wolkenkratzer wuseln Einkaufende auf marmornem Pflaster umher. Kaum dreißig Schritte weiter liegt eine Bruchzone. Bauarbeiter lärmen auf staubenden Hochhausgerippen. Von dort oben folgt der Blick den schlanken Schatten der postmodernen Riesen nach Norden, fällt auf ein Dorf inmitten der Stadt. Auf Šnipišks.

Rund um das beinahe quadratische Gebiet wohnen Menschen in sanierten Wohnblocks, arbeiten in neu angelegten Gewerbegebieten, kaufen ein in Super- und Hypermärkten. Nicht so in Šnipišks: Auf 120 Hektar Land leben Litauer, Russen, Roma und Polen in ländlichen Holzhäusern mit Gärten an krummen Feldwegen voller Schlaglöcher. Viele haben keinen Wasseranschluss, das Plumpsklo steht auf dem Hof.

Höhenrekord

Noch, denn Grundstück für Grundstück verleibt sich die Stadt das Dorf ein. Seit die Wirtschaft im zweistelligen Prozentbereich wächst und die Lokalpolitiker 2001 einen Entwicklungsplan für Šnipišks verabschiedet haben, stehen die Kräne nicht mehr still. Die Stadtverwaltung machte selbst den ersten Schritt und zog 2003 in ein neues Bürohochhaus. Direkt daneben wurde im gleichen Jahr das 33stöckige Europa-Center mit Einkaufszentrum, Büroflächen und einigen Wohnungen fertig gestellt – Höhenrekord in Vilnius.

Mittlerweile ist der Bauboom ins Stocken geraten. Das Problem für Investoren und Immobilienagenturen: Nach der litauischen Unabhängigkeit 1991 wurden Häuser und Grundstücke in Šnipišks restituiert und privatisiert. Zum größten Teil ist Šnipišks Privateigentum, Litauen ist ein Rechtsstaat. Nicht alle wollen gehen.

„Alle hier haben Angst“

„Sie haben mich bedroht. Seit zwei Jahren kommen immer wieder Leute von dieser Baufirma, manchmal jeden Tag. Gehen Sie fort oder Sie werden kein Leben mehr haben, sagten sie.“ Algis M., der seinen vollen Namen nicht preisgeben möchte, ist hörbar erregt. Ein persönliches Gespräch lehnte seine Frau an der Haustür ab, eine halbe Stunde später meldet er sich auf dem Handy: „Alle hier haben Angst, doch ich will nicht gehen. Im September 2005 haben sie meinen Gartenzaun angezündet, einen Monat später dann das Haus. Ein Nachbar hat das Feuer nach fünf Minuten bemerkt und es ist nichts passiert. Vor einem Monat, am 16. Januar, gab es um die Ecke in der Šilutis-Straße 28 ein Feuer. Durch den starken Wind ist das Haus schnell abgebrannt.“

Verurteilt wurde wegen der Brände niemand, doch sie zeigten Wirkung. Algis M.’s Grundstück mit dem eigenen und zwei kleineren Mietshäuschen ist eins der letzten verbliebenen auf einem großen Feld am nordöstlichen Rand von Šnipišks. Die meisten Bewohner verkauften ihre Häuser, sie wurden abgerissen. Außer Algis M. wohnt heute eine allein stehende 91jährige auf dem Feld, die ihre Pforte mit Draht verkettet hat und sich mit zwei großen Wachhunden schützt. Die dritten im Bunde der Hartnäckigen – eine Familie – haben vor kurzem ihr Haus verkauft. Gerade sind Arbeiter dabei, einen übermannshohen Bauzaun um das gesamte Feld zu errichten.

Manager Algminas Slavinskas, der für die imobilar in Šnipišks arbeitet, weigerte sich gegenüber cafebabel.com zu den Bränden und den Plänen der Firma für das Grundstück Stellung zu nehmen. Nach Angaben von Passanten soll hier ein Handelszentrum entstehen. Auch in Punkt 6 des Stadtentwicklungsplans der Stadtverwaltung ist das Feld als Zone für gewerbliche Nutzung ausgewiesen.

Verkohlte Ruinen im Schnee

Seit zwei Jahren brennt es in Šnipišks immer wieder, nicht nur in der Nachbarschaft von Algis M. Verkohlte Ruinen stehen im Schnee, teils umzäunt und von Sicherheitsfirmen bewacht. Bei der letzten Welle von Bränden kurz vor und nach der Jahreswende wurden zwei Jugendliche, 15 und 16 Jahre alt, wegen Brandstiftung an zwei bereits verkauften und verlassenen Häusern verhaftet. Handelten sie aus jugendlichem Übermut oder im Auftrag anderer?

Rta Matonien, Abteilungsleiterin in der Planungsabteilung der Stadtverwaltung ist für den Entwicklungsplan für Šnipišks verantwortlich. Sie hat ihre eigene Theorie zu den Vorfällen: „Die Häuser wurden nicht absichtlich angezündet. Es gibt auch viele Obdachlose in Šnipišks. Die gehen in leere Häuser, machen Feuer, schon brennt es. Sie wissen doch, was diese Leute machen.“

Auch Egl Pelien, Direktorin der in Šnipišks engagierten Makleragentur Šimtasvienas, will zu den Bränden nicht mehr sagen: „Wenn jemand hingeht und den Leuten sagt: Geht oder etwas Schlimmes wird passieren, ist das grob. Das ist kriminell“. Weiter will sie die Sache nicht kommentieren.

Attraktives Baugebiet

Für die expandierenden litauischen und zunehmend auch ausländischen Unternehmen werden prestigeträchtige Büroflächen in der Altstadt immer knapper. Büroflächen und damit auch Grundstücke im „Neuen Zentrum“, das in Šnipišks entstehen soll, sind also heiß begehrt: Das Viertel liegt lediglich einen Kilometer von der Altstadt entfernt, Baugenehmigungen werden ohne Denkmalschutzauflagen und Höhenbeschränkungen vergeben., die Verkehrsanbindung ist gut.

2009, wenn Vilnius europäische Kulturhauptstadt sein wird, soll das „Neue Zentrum“ fertig werden. Doch daran glaubt selbst Frau Matonien von der Stadtverwaltung nicht mehr: „Die Häuser sind eben in Privatbesitz, da kann es nur Stück für Stück vorwärts gehen. Niemand weiß, wie lange das dauert.“

Denn die Einwohner von Šnipišks, die außer Grund und Boden meistens nicht viel haben, haben in den letzten Jahren dazugelernt in Sachen Marktwirtschaft. „Einige haben schon vor ein paar Jahren zu niedrigen Preisen verkauft und ärgern sich jetzt“, sagt die Maklerin Pelien. „Einige verkaufen heute zu wirklich guten Preisen, um 860 Euro für den Quadratmeter.“ Einige spekulierten auf „viel zu hohe Preise“, das könne sie als Maklerin nicht unterstützen.

Nicht für 860 Euro

In diese Gruppe passt wohl Liubove Gardak, die in einer Eigentumswohnung direkt an der Bruchzone zu den Wolkenkratzern lebt. Sie meint: „Wir hoffen auf einen internationalen Investor, der kommt und mehr zahlt als die Litauer. Für einen guten Preis ziehe ich gerne aus.“ Vor Bränden fürchte sie sich nicht, sagt sie lachend: „Mein Sohn hat eine Soldatenausbildung, und die Wohnung ist gut versichert.“ Auch ein litauisch-russisches Ehepaar einen Straßenzug weiter pokert: Ihr Grundstück liege direkt an einer geplanten Hauptstraße. Sie zögen gerne um: „Für einen guten, realistischen Preis.“ Aber nicht für 860 Euro pro Quadratmeter.

Alles eine Frage des Geldes? Für Algis M., zweifaches Opfer von Brandstiftung, ganz und gar nicht: „Meine Familie lebt seit 300 Jahren hier, das ist eine ganze Dynastie. Ich liebe die Vögel und die Ruhe hier.“ Ist die Zeit solchen Landlebens mitten in Vilnius endgültig abgelaufen? Eine Art Freilichtmuseum mit ausgewählten, historisch wertvollen Holzhäusern solle entstehen, erzählt Abteilungsleiterin Matonien von den Plänen für das neue Šnipišks: „Eine Straße mit Cafés, Restaurants, kleinen Geschäften.“ Können die Bewohner in diesen Häusern bleiben? „Darüber haben wir noch nicht nachgedacht. Vielleicht wenn Sie ein Geschäft aufmachen möchten?“

Mit Dank an Mantas Kairys