Lebt der olympische Geist 2016 noch?

Artikel veröffentlicht am 8. August 2016
Artikel veröffentlicht am 8. August 2016

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Krise in Brasilien sind die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro eröffnet worden. Proteste begleiteten die Feier. Die Diskussion über einen Ausschluss der russischen Mannschaft wegen Dopingvorwürfen überschattete das Sportereignis schon vorab. All das lässt Kommentatoren darüber nachdenken, ob Olympia seinen Glanz nicht längst verloren hat.

Trouw: Eine Chance, Vorurteile zu überwinden; Niederlande

Die Olympischen Spiele haben zwar viel von ihrem Glanz verloren, doch der Sport wird weiter Brückenbauer bleiben, glaubt Trouw: „Die Spiele von 2016 beginnen in einer Zeit, in der Anschläge, zunehmende internationale Spannungen, wirtschaftlicher Druck sowie ethnische und religiöse Konflikte die Schlagzeilen beherrschen und in der der Skandal des systematischen Dopingprogramms etwa von Russland noch nachhallt. [...] Dass saubere Spiele eine Illusion sind, ist leider eine Tatsache für Sportler und Zuschauer. Genauso wie es eine Illusion ist, dass sich Rio durch die Spiele in eine sichere, freundliche Stadt verwandeln wird. [...] Aber wenn wir den Sportlern zuschauen, haben wir nicht nur die Kraft und die Geschwindigkeit des menschlichen Körpers im Blick. Die Spiele eröffnen uns neue Horizonte und sind eine Chance, aus den Laufgräben der Vorurteile zu steigen. Auch das ist eine Form von Sportlichkeit.“ (5. August 2016)

Savon Sanomat: Vielleicht haben die Skandale auch ihr Gutes; Finnland

Wenn die zahlreichen Skandale dazu führen würden, dass Olympia künftig eine Nummer kleiner wird, wäre das für Savon Sanomat eine gute Nachricht: „Viele Sportfans haben erklärt, dass die Stimmung kurz vor den Spielen außergewöhnlich gedämpft ist. Das kann aber auch etwas Gutes nach sich ziehen. Denn wenn die Zuschauerzahlen sinken, verschwinden auch die großen Sponsoren, denen das Image der Olympischen Spiele schon jetzt Bedenken bereitet. Geldmangel wäre der beste Antrieb für das Internationale Olympische Komitee und die Sportlergemeinde, die Beseitigung der bestehenden Missstände ernsthaft in Angriff zu nehmen. Dann könnte man die Winter- und Sommerolympiade gern in einem kleineren Umfang als bisher und mit weniger Disziplinen organisieren, anstatt das Budget der Spiele von Jahr zu Jahr anschwellen zu lassen. (5. August 2016)

Le Jeudi: Nur noch Werbe-Show für bestimmte Länder; Luxemburg

Der Geist der Olympischen Spiele wird auch dadurch belastet, dass diese von immer mehr Ländern genutzt werden, um ihr Image aufzupolieren, analysiert Le Jeudi: „Von der Euphorie aus dem Jahr 2009, als die Entscheidung für den Austragungsort der Olympischen Sommerspiele verkündet wurde, ist nichts mehr übrig. Sie wurde von den vielen Sorgen verdrängt. [...] Vielleicht wäre es an der Zeit, auf die Olympischen Spiele zu verzichten - diese Analyse gilt im Übrigen auch für die Fußballweltmeisterschaft -, die zu kommerziellen Ereignissen und zu Schaufenstern für Länder mit Bedürfnis nach Anerkennung geworden sind. Brasilien wollte die Spiele, um seinen damaligen Wohlstand und seinen Status als Regionalmacht zu sichern. Die Beweggründe von [den Gastgeberländern für die kommenden Fußball-Weltmeisterschaften] Russland und Katar sind hingegen weniger erfreulich. Es gilt daher, die Olympischen Spiele der Postmoderne zu erfinden. Mit oder ohne IOC.“ (4. August 2016)

Avgi: Ein Instrument der Reichen und Mächtigen; Griechenland

Kein gutes Haar an den Spielen lässt die Zeitung Avgi, die auch den Umgang der Veranstalter mit Russland kritisiert: „Heute ist der Tag der feierlichen Eröffnung der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. In Rio, wo Opulenz herrscht und die Favelas grenzenlos sind. In Rio, wo die meisten Gelder für diese Spiele in die Taschen von Oligarchen flossen, wie es auch in Griechenland bei den Spielen im Jahr 2004 der Fall war. Von den großen Projekten, die für die vermeintliche Integrität der Spiele geplant wurden, werden nur wenige den Alltag der Bewohner verbessern. [...] Diese Spiele sind, wie viele andere, nicht nur gekennzeichnet durch die finanziellen Risiken, die sie hinterlassen werden. Diese Spiele werden zudem von den USA mit der Unterstützung Großbritanniens als ein Mittel für eine noch größere politische Isolation Russlands benutzt. Russland wurde für die Rolle des gefährlichen Rivalen ausgewählt.“ (5. August 2016)

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