Lebenslanges Lernen für Europa

Artikel veröffentlicht am 15. November 2004
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Artikel veröffentlicht am 15. November 2004

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Um die Ziele der Lissabon-Strategie zu erfüllen, insbesondere die Verbesserung der europäischen Wirtschaftssituation, muss die Bevölkerung über einen hohen Bildungsstandard und gute EDV-Kenntnisse verfügen. Doch wie kann dies erreicht werden?

„Jede Person hat das Recht auf Bildung sowie auf Zugang zur beruflichen Ausbildung und Weiterbildung“, verfügt Artikel 14 der Grundrechtecharta der Europäischen Union. Schön und gut – doch so lange dieses Recht nicht tatsächlich durchgesetzt werden kann, bleibt es Makulatur. Dabei heißt „jeder“ Männer und Frauen jeden Alters, jeder Nationalität und jeden sozialen Hintergrunds. Der einzige Weg, dies zu erreichen, ist lebenslanges Lernen.

Wettbewerbsfähigkeit der Werktätigen

Die Lissabon-Strategie von März 2000 hat sich zum Ziel gesetzt, Europa zum globalen Musterschüler im Bereich der Ökonomie zu machen: es sollen „mehr und bessere Arbeitsplätze“ angeboten werden, Europa soll zur führenden „dynamischen wissensbasierten Wirtschaft“ werden und „größeren sozialen Zusammenhalt“ erzeugen. Diese Ziele im Visier, warf die EU einen Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Arbeiterschaft – und war nicht erbaut über den Anblick, der sich ihr bot. Im Jahr 2000 „nahmen weniger als 10% der arbeitsfähigen Europäer an Weiterbildungsmaßnahmen teil“, betonte die Noch-Kommissarin für Bildung und Kultur, Viviane Reding. „Das ist ganz entschieden unzureichend“, fuhr sie fort, „und wenn wir hieran nicht arbeiten, werden die Europäer Schwierigkeiten damit haben, Teil der internationalen Wirtschaft zu sein“. Denn in der heutigen hochtechnologischen, schnelllebigen, globalisierten Welt ist es offensichtlich, dass die Arbeitnehmer ihr Wissen und ihre Fähigkeiten regelmäßig aktualisieren müssen, um in der Berufswelt zu überleben. Insbesondere gilt dies für diejenigen, die berufliche oder geografische Mobilität anstreben – aber auch für die Wirtschaft der EU als ganzes ist der konstante Lernprozess der Arbeiterschaft unerlässlich, um ernsthaft mit den USA konkurrieren zu können.

Doch was genau will die europäische Politik des lebenslangen Lernens erreichen? Nach Anna Diamantopoulou, ehemalige Kommissarin für Beschäftigung und Soziales, „wird das politische Augenmerk darauf gelegt, mehr Investitionen in Humankapital zu tätigen und die Teilnahme an Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen während des gesamten Arbeitslebens zu erhöhen“. Öffentliche und private Partner und Teilhaber, die in Europas Regionen und Nationalstaaten im Bereich der Bildung tätig sind, werden zusammengeführt, um Ressourcen zusammenzulegen und Erfahrungen zu teilen. Diese Herangehensweise wird mit einer strengen Überprüfung der Lernanforderungen einer wissensbasierten Gesellschaft gekoppelt. Ein wesentliches Ergebnis dieser Bestandsaufnahme ist es, die zentrale Rolle von Informations- und Kommunikationstechnologien sowie von Fremdsprachenkenntnissen anzuerkennen, insbesondere mit Blick auf diejenigen, die längere Zeit nicht an Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen haben.

Qualifizierung von Randgruppen

Lebenslanges Lernen umfasst Bildung in Bezug auf soziale, persönliche und bürgerliche Zwecke, aber auch für beschäftigungsbezogene Ziele. Es fängt an mit den einfachsten Fähigkeiten, wie der, mit dem Computer umgehen zu können. Auf EU-Ebene gibt es verschiedene spezifische Strategien und Programme, um lebenslanges Lernen zu fördern und so die Ziele der Lissabon-Strategie zu erreichen: zum Beispiel das Programm Grundtvig, das Sprachkurse und Mobilitätshilfen für Erwachsene finanziert. Um das lebenslange Lernen weiter zu verbreiten, soll der Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen erleichtert werden, insbesondere für Randgruppen wie beispielsweise Menschen, die in ländlichen Gegenden leben, Behinderte und ethnische Minderheiten. Implizit ist in der Lissabon-Strategie der Wunsch enthalten, einen nachhaltigen Effekt zu schaffen und nicht lediglich 2010 eine flüchtige Hürde zu nehmen.

Ein neues Instrument hierzu ist der 'Europass’, der ab Januar 2005 in Luxemburg herausgegeben werden soll. Er fungiert als europaweit anerkannter Fähigkeits-Ausweis und soll Weiterbildungsmaßnahmen im ganzen europäischen Raum dadurch erleichtern, dass er die Sprachkompetenzen, beruflich und akademisch erworbene Fähigkeiten und die Berufsausbildung jedes Passinhabers registriert. Der Europass wird jedem, unabhängig von seinem Alter, zugängig sein, um lebenslang das Interesse der Menschen an ihren Fähigkeiten und ihrer Weiterbildung aufrecht zu erhalten. Doch während Lissabon auf Europaweiten Zusammenhalt setzt, können derartige Maßnahmen realistischerweise nur auf nationaler Ebene verwirklicht werden – zu groß sind die sprachlichen und kulturellen Unterschiede. Die praktischen Einzelheiten hierzu werden im Dezember in Maastricht auf höchster europäischer Ebene thematisiert, wenn die Bildungsminister aller 25 Mitgliedstaaten sich mit verstärkter Zusammenarbeit im Bereich der Berufsausbildung und der Weiterbildung beschäftigen werden. Dieser Konferenz wird auch Ján Figel angehören, Barrosos designierter Kommissar für Erziehung, Bildung, Kultur und Vielsprachlichkeit. Durch seinen beruflichen Hintergrund in den Bereichen Forschung und auswärtige Angelegenheiten scheint er ideal um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, Europas Wettbewerbsfähigkeit durch seine Arbeiterschaft zu steigern. Während seiner letzten Anhörung vor dem Europäischen Parlament äußerte Figel: „das wichtigste Potential ist das menschliche. So lange die EU nicht ihre Reformanstrengungen im Bereich der Bildung und Weiterbildung verstärkt, werden die Ziele von Lissabon nicht erreicht.“ Seine Entschlossenheit klingt viel versprechend.

Eine Agora für Europa

Doch sind alle noblen Beweggründe sinnlos, wenn der Mann auf der Straße – vermutlich derjenige, der lebenslange Weiterbildung am Nötigsten hat – sich nicht über die Möglichkeiten im Klaren ist, die sich ihm bieten. Es sind daher große Anstrengungen nötig, um einen tatsächlich europäischen „öffentlichen Raum“ in Form einer wachsenden „Europäisierung“ der Medien zu schaffen, in dem Bürger sich zu Themen von gemeinsamem Interesse äußern und sich darüber informieren können und über die Zukunft Europas diskutieren können. Die alten Athener trafen sich täglich in der Agora, um hohe demokratische Ideale zu besprechen und um Neuigkeiten auszutauschen. Es wäre eine große Enttäuschung, würden wir es in der heutigen „verlinkten“ Welt nicht schaffen, dieser Grundverpflichtung zu Kommunikation nachzukommen. Durch gemeinsame Anstrengung können wir den Elan der aktuellen europäischen Debatte über die Verfassung und die sich vor uns auftürmenden Anforderungen von Lissabon dazu nutzen, die Bürger aufmerksam zu machen auf das lebenslange Lernen als ein Beispiel dafür, wie Europa tatsächlich einen positiven Unterschied im Leben normaler Europäer machen kann, welchen Alters oder Hintergrunds sie auch sein mögen.