Leben, nicht nur Landen auf Lampedusa

Artikel veröffentlicht am 3. August 2016
Artikel veröffentlicht am 3. August 2016

Sie wurde abwechselnd Insel der Schade oder der Aufnahme genannt, verachtet und gepriesen. Daher der Versuch, auf Zehenspitzen in das Innere dieses Mikrokosmos vorzudringen, dessen Dynamiken viel komplexer sind als das, was man so über Lampedusa lesen kann. Die anderen reden lassen: Sie leben Lampedusa, sie erzählen es nicht. Und wenn, dann tun sie es, ohne es zum Mythos zu machen, ohne Klischees. 

Lampedusa empfängt dich mit den warmen Farben der öden Erde, welche die Landebahn des Flughafens flankiert. Und mit einem trockenen, feurigen Wind: Es wird der Scirocco sein, aber er erinnert mehr an den Ghibli, den Wind, der von der Sahara herüberweht, feuchter, weil er über die Wellen des Mittelmeers kommt. Die Angestellten, die für den Transfer zum Hotel zuständig sind, erwarten die neuen Gäste vor der gläsernen Tür der Ankunftshalle - und schleudern dir ins Gesicht: „Bist du gekommen um von der Schönheit der Insel zu erzählen oder um schon wieder über Flüchtlinge zu reden?“ Dies wurde zum Leitmotiv meines fünftägigen Aufenthalts auf der Insel.

„Wir sind müde von der Rhetorik: Lampedusa ist zur Bühne geworden, zur Plattform der Sichtbarkeit“, sagen viele. „Politiker, Journalisten, Leute die kommen, sich 'nehmen' und gehen, ohne etwas zurückzulassen, ohne irgendeine konkrete Hilfe.“ So ist es vor allem seit 2011, als Lampedusa aufgrund der Massenankünfte in den Mittelpunkt des Medieninteresses rückte, aufgrund jener Ankünfte, die auf den Arabischen Frühling folgten: 62 Millionen Menschen kamen vor allem aus Libyen und Tunesien (Bericht der OSZE im "International Migration Outlook"). 

Askavusa 

Unweit von den Bänken am Hafen entfernt gibt es einen Ort namens PortoM, einen Raum, der dauerhaft ausgestellt ist und Geschichten mittels Gegenständen erzählt. Geschaffen wurde er von Askavusa (das bedeutet auf Sizilianisch soviel wie "barfuß"), einem 2009 aus den Protesten gegen die Eröffnung des CIE heraus entstandenen Kollektivs. Das Lager für Identifikation und Ausweisung (Campo di identificazione ed espulsione) entstand auf Initiative des damaligen Innenministers Roberto Maroni. Schuhe mit abgelaufenen Sohlen, die von der Decke hängen, Zigarettenpackungen, Musikkassetten, CDs, Bibeln und Korane, auf Englisch oder Arabisch, mit geknitterten Seiten, wie Papier eben, das nass wird und wieder trocknet.

Es sind alles Gegenstände, die tausenden Schiffsbrüchigen gehören, die auf Lampedusa landeten, die von den Jugendlichen von Askavusa aufgesammelt und beschützt wurden - seit 2005, als Giacomo Sferlazzo einen arabischen Text auf dem Stück Holz eines Bootes fand. Mit ihm erarbeitete er sein erstes Werk Verso Lampedusa (Nach Lampedusa). „Mit ihnen in Kontakt zu kommen, war für mich wie das Entdecken eines neuen Alphabeths, eine stumme Sprache ohne jede Regel“, schreibt Giacomo auf dem Blog des Kollektivs. „Ich hatte den Eindruck, an etwas sehr Großes geraten zu sein, als hätte man mich hingesetzt, um an den Fäden zu ziehen, die tausende und abertausende von Personen verbanden.“ 

PortoM ist nur eines von vielen Projekten, an denen sich der Einsatz Askavusas zeigt. Francesca Del Volgo erzählt davon. Sie hat wütende Augen, denn „Lampedusa ist jetzt schon ein einziger Militärstützpunkt, eine Manifestation der verteidigungsstrategischen Stärke - mit seinen 4 Radars und 450 Beamten, zwischen Militärs, Polizei und Küstenwache. Die geografische Lage hat Lampedusa dazu verdammt, Grenzland zu sein, von der Zeit der Bourbonen an, während des Faschismus und jetzt wieder. Die Ankommenden sind 'Verbannte', denn vor allem im Sommer 'kommt es nicht gut an', dass Touristen sie sehen, als wären sie Pestkranke, die zu isolieren wären. Manchmal muss ich mir sagen lassen: 'Sì tuttu u iornu persa cu li turchi' (Du bist den ganzen Tag mit den Türken zusammen!)“, berichtet Francesca. 

Don Mimmo

Don Mimmo Zambito ist der Priester der Insel. Er kam 2013 hierher, nach der Tragödie vom 3. Oktober 2013, als wenige Meilen vor der Küste 366 Personen starben, vom Meer verschluckt. „Lampedusa ist ein Ort der Widersprüche“, sagt Don Mimmo. Und um uns das Konzept greifbarer zu machen, erzählt er zwei Geschichten: "Die erste ist die Geschichte einer Frau, einer erklärten Rassistin, die durch einen Zufall auf einem Boot auf dem Meer unterwegs war, an jenem Morgen des Todes Anfang Oktober. Und sie fand sich wieder, wie sie Dutzende Personen rettete. Aus einem Instinkt heraus, ohne zu zögern. Die zweite Geschichte ist die eines Soldaten aus dem Norden, eines 'faschistischen' Jungen, dessen ideologische Grundeinstellung zusammenbrach, als er die Hand eines Kindes ergriff, das gerade dem Tod entkommen war.“

Abgesehen von diesen Extremfällen „gibt es keine Integration zwischen Einheimischen und Ankommenden“, fährt Donn Mimmo fort. Die Migranten verlassen das Zentrum von Contrada Imbriacola nur selten, ein Ort, an dem sie eigentlich nicht sein wollen, von dem zu fliehen sie kaum abwarten können. Eine Gruppe junger Eritreer sitzt auf den Stufen vor der Kirche: Sie sind zwischen 19 und 21 Jahre alt, eine von ihnen ist schwanger und hofft, bald ihren Mann wiederzusehen, dem es gelungen ist, in die Schweiz zu gehen. Lampedusa ist von einem Ort der schnellen Durchreise (wie es ein hotspot in der Intention der EU auch sein sollte) zu einem Raum der Haft auf unbestimmte Zeit geworden. Vor allem jene, die sich weigern, ihre Fingerabdrücke registrieren zu lassen: Dies verurteilt sie dazu, in Italien zu bleiben, im Staat ihrer Landung, obwohl der größte Teil von ihnen das Ziel hat, Verwandten nach Nordeuropa zu folgen. 

Costantino 

„Wir haben die Körper der Ertrunkenen eingesammelt, einen nach dem anderen. Ich habe ein klares Bild vor Augen, von ihren Augen, weiß, aufgerissen und verängstigt, und von ihren Armen, wie sie sich im Meer bewegten.“ Costantino Baratta, ein in den 1970er Jahren angeheirateter Lampedusaner und zufälliger Helfer, war an jenem Morgen Anfang Oktober mit seinem gerade mal 5 Meter langen Schiff zum Sportfischen auf dem Meer. „Ich komme aus einer großen Familie, aus einem Haus, das immer bereit war, Verwandte aufzunehmen, die nach Deutschland ausgewandert waren. Dieses Aufnehmen ist ein Teil meiner Geschichte“, ist er überzeugt, fast so als wolle er sich rechtfertigen, dass er nichts Besonderes getan habe. Jene, die dieser fast sechzigjährige Maurer mit den blauen Augen rettete, wurden später „Gruppe der Geretteten des kleinen, weißen Bootes“ genannt.

Uam ist einer von ihnen, er erkannte Costantino wieder - während einer Gedenkzeremonie an die hunderten Opfer. Er umarmte ihn heftig und sagte: „Er ist es, er ist es, der mich gerettet hat!“ Und dann ist da noch Robel, der es geschafft hat aus Libyen zu fliehen, nachdem er dort festgenommen und zu acht Monaten im Gefängnis gezwungen wurde, wo er gefoltert und Zeuge von Szenen täglicher Gewalt wurde: Die Milizen hatten auf Unschuldige geschossen, auch auf Kinder. Der „Junge mit den traurigen Augen“ nennt ihn Costantinos Frau. Inwiefern hat sich dein Leben an jenem 3. Oktober verändert, Costantino? „Jetzt habe ich etwas Vertrauen“, antwortet er. 

"Sie wollen uns zurückschicken, sie fragen, wo ich vorher war, welchen Ort ich zurückgelassen habe. Ich drehe mich zurück, das ist alles, was mir bleibt"  

(Ital. Original: Vogliono rimandarci, chiedono dove stavo prima,  quale posto lasciato alle spalle.  Mi giro di schiena, questo è tutto l’indietro che mi resta" (Erri De Luca, Racconti di uno)

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Dieser Artikel wurde von unserer Lokalredaktion cafébabel Palermo verfasst.