Leben in der Strandbar

Artikel veröffentlicht am 5. August 2004
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Artikel veröffentlicht am 5. August 2004

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Der Residentialtourismus hat eine explosionsartige Verstädterung der europäischen Küsten zur Folge. Sehr bald werden auch die Strände aus Beton sein.

Die Bild am Sonntag berichtete vor kurzem über die Streitigkeiten zwischen deutschen und englischen Touristen um die Liegestühle am Hotelschwimmbecken in Torremolinos. Die Engländer protestieren häufig, weil die Deutschen (als Frühaufsteher) verbotenerweise diverse Liegestühle mit Handtüchern reservieren und somit das Hotelschwimmbecken monopolisieren. Die Angelsachsen gehen zum Gegenangriff über und besetzen die Liegen, indem sie einfach die germanischen Handtücher ignorieren.

Um diesen Zusammenprall von Kulturen à la Huntington zu vermeiden, ist eine neue Tourismusform, nämlich der Residentialtourismus, entstanden, der sich vom bunten Touri-Konzept im All inclusive-Hotelreich abgrenzt.

Die Zahlen sprechen für sich. Nach einer Studie der Barclays Bank kauften die Briten 40% der neuen Häuser, die 2003 an der spanischen Küste gebaut wurden. Und wenn wir den Zahlen der deutschen Gruppe AMS Glauben schenken, so könnten in den nächsten fünf Jahren 1,7 Mio. ausländische Familien ihr zweites Heim in Spanien kaufen. Die Gründe für diese gewaltige Auswanderung scheinen in dem kometenhaften Anstieg des Eigentumswertes im Vereinigten Königreich, in den preisgünstigen Fluggesellschafen und in den niedrigen Zinssätzen in Europa zu liegen.

Spain for sale

Mit dem Ziel, das eigene Grundstück in Spanien den Engländern schmackhaft zu machen, entstand Viva España, ein Promotionsevent, das 2002 das erste Mal in London stattfand und 2004 Dublin mit Sangría, Flamenco und Tapas durchdringen wird. Auch die französischen Küsten haben ihren Anteil am Residentialtourismus, der aus Nordeuropa stammt: Mit dem analogen Namen, ebenfalls in London und mit derselben Immobilienphilosophie, europäisiert "Vive la France 2004" einmal mehr Frankreich.

Der Residentialtourismus hat ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum und eine unkontrollierte Verstädterung in einigen europäischen Küsten zur Folge, vor allem an der spanischen Küste, die in puncto Zweitwohnungen weltweit an erster Stelle steht. Seine Verfechter behaupten, dass diese Tourismusform Geld in die städtischen Kassenspült, eine Quelle für Devisen und Fremdinvestitionen ist und einen Impuls für die Entwicklung der Infrastruktur gibt. Der Residentialtourismus - sagt man - wird das Erlernen von europäischen Sprachen und das Verständnis verschiedener Kulturen in den restlichen Ländern fördern und zur Gründung einer Dienstleistungsgesellschaft beitragen.

Jedoch ist nicht alles so idyllisch. Der Residentialtourismus ist für die Einheimischen nicht harmlos. Spanische Immobilienpreise steigen jedes Jahr mancherorts auf unerhörte Weise (auf den Balearen stiegen die Bodenpreise um 21%, dreimal so stark wie im Landesdurchschnitt) und führt zum Rückgang der Binnennachfrage nach Erstwohnungen. Der Immobiliensektor kompensiert diese Verlangsamung, indem er den Residentialtourismus animiert und das Wohnungsproblem der Bevölkerungen in den Ländern mit Sonnengarantie noch verschärft. In der Vergangenheit schien das Immobilienproblem in Südeuropa nicht schlimmer werden zu können. Ein Fünftel der Hypothekenverträge in der Eurozone wurden letztes Jahr in Spanien unterzeichnet und das durchschnittliche Alter derjenigen, die eine Erstwohnung kaufen, ist auf 30 Jahre gestiegen, der höchste Durchschnitt in Europa.

Die Katze beisst sich in den Schwanz

Die Spekulanten, die den Deutschen und Briten das wohlgemeinte Geld aus der Tasche ziehen, bringen das Natur- und Kulturerbe der südeuropäischen Küste in ernsthafte Gefahr. Die Vermehrung der Golfplätze (allein in der Provinz Málaga gibt es über 40 Bauprojekte), Themenparks, Rennstrecken, Verstädterung und Einkaufszentren bedrohen Steineichenwälder und Wasserschutzgebiete der spanischen, französischen und italienischen Natur. Anders ausgedrückt, der Residentialtourismus könnte die Schönheiten zerstören, auf Grund derer er überhaupt entstanden ist.

Auch die sozialen Folgen werden langsam deutlich. Die für Muße und Entspannung sorgenden Einkaufszentren und Themenparks, die gebaut wurden, um die Nachfrage der Touristen zu stillen, verdrängen die örtlichen Geschäfte und begünstigen die Arbeitsknappheit. Der Residentialtourismus stellt eine stärkere Invasion dar als der Hoteltourismus, da er mehr Fläche benötigt und weniger Arbeitsplätze schafft und so die Verarmung der Küstenregionen, die die neuen Touristen empfangen, begüngigt.

Die EU muss verhindern, dass sich diese von Immobilienspekulanten geförderten Ghettos bilden. Man muss vertretbare Alternativen zu der Verbreitung von Residentialtourismus suchen. Der Land-, Kultur- und Inlandstourismus scheinen mehr Austausch und gegenseitiges Kennenlernen der Kulturen zu schaffen als die simple Kolonialisierung der Küste zu wirtschaftlichen Zwecken. Suchen wir ein Gleichgewicht zwischen dem Handel, der Bewahrung der Identität und dem Erbe. Das Kultur- und Naturkapital der EU kann nicht der Industrie überlassen werden. Und wenn nichts von alldem funktioniert, können wir Mallorca zum siebzehnten Bundesland erklären. Typical Spanish!