Leaks: Die Veröffentlichung der Offensichtlichkeit

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2016

[KOMMENTAR] Als die Süddeutsche Zeitung ihren Coup veröffentlichte, sollte es das gleiche Ausmaß wie Watergate haben - doch die allgemeine Welle der Empörung blieb aus. 

Jedes Jahr sucht Deutschland das super Unwort. Ein Wort, welches nicht nur die Stimmung der Bevölkerung wiederspiegelt, sondern auch die vergangen Monate Revue passieren lässt. Mal war es „Gutmensch“, dann „Lügenpresse“ oder auch „alternativlos“. Welche Bezeichnung wird es wohl dieses Jahr sein? Ganz bestimmt „Briefkastenfirma“. 

Als die Süddeutsche Zeitung ihren Coup veröffentlichte, sollte es das gleiche Ausmaß wie Watergate haben. Man sollte sich über die Skrupellosigkeit der Mächtigen aufregen, sich echauffieren über die Dreistigkeit des 1%. Die internationale Presse feierte ihren großen Tag: man stürzte sich auf die Übeltäter, verlangte Rücktritte und Entschuldigungen, aber irgendwie blieb die ganz große Empörung doch weitgehend aus. Hat man sich spätestens seit der Finanzkrise an die wirtschaftliche Elite gewöhnt?

Korrupte Bösewichte für Blockbuster

Am Anfang konzentrierte sich die Presse bei den Panama Papers auf Sergei Roldugin, der als „Cellist von St. Peterburg“ zum neuen „Schneider von Panama“ wurde. Wieder einmal eine Chance, auf die Korruption in Osteuropa aufmerksam zu machen?

Das Wort „Korruption“ ist mittlerweile ein Synonym für die Region und in den Top 10 der Vorurteile ein permanenter Renner. Hollywood-Filme präsentieren die Männer aus dem Ostblock gerne folgendermaßen: In Lederjacke, Sonnenbrille und Goldkettchen gekleidet, brennender Kippe im Mundwinkel und halbleeren Wodka-Gläschen in der Hand in einem dunklen Raum am Bargeld zählen. Selbstverständlich hilft dieser Stereotyp keinem weiter, außer vielleicht den Blockbustern, die einen Bösewicht für ihren Action Film benötigen.

Der Osteuropäer guckt etwas hilflos zu. Wie soll man der Welt endlich klar machen, dass nicht alle so sind? Man bemüht sich, den demokratischen Wandel und die europäische Integration voran zu treiben, outet sich als Partner oder Teil der europäischen Gemeinschaft und setzt sich für eine Verbesserung der Situation und eine Abschüttelung der politischen Vergangenheit ein.

Dann kam die Veröffentlichung der Panama Papers, und die Anstrengungen der vergangen Jahre wurden schlagartig zurückgespult, oder? Nicht wirklich, denn schnell drehte sich die Zielscheibe. Nicht nur die Beziehungen von Wladimir Putin, sondern auch die Briefkastenfirmen des isländischen Sigmundur Gunnlaugsson sowie des britischen Premierministers David Cameron waren interessant.

Es scheint als wüsste die Weltgemeinschaft nicht so ganz, auf wen sie sich nun konzentrieren soll: Wie beim Wimbledon-Finale gucken Beobachter von links nach rechts, rechts nach links, um herauszufinden, in welchem Feld der Ball nun landen wird. 

Die Panama Papers sind die Veröffentlichung der Offensichtlichkeit. Jeder weiß, dass Korruption eine Realität ist, dass der Finanzwelt ein Moralapostel fehlt und dass viele keine Steuern zahlen wollen. In der Schweizer Sendung Sternstunde Philosophie fasste der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann zusammen: „Wer die Möglichkeit hat, böse zu sein, ist es auch. Wer mal ein bisschen Nietzsche gelesen hat, kann doch von all diesen Dingen nicht überrascht sein“.  Sowohl im Osten als auch im Westen.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Spezialreihe EAST SIDE STORIES, die zu einer größeren Vielfalt an Standpunkten in den europäischen Medien beitragen soll.