Le Pen und Petry: Nationalismus mit weiblichem Gesicht

Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2016

Im März ist in Deutschland die Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg in den Landtag eingezogen. Der Front National hat bei den letzten Régionales in Frankreich zwar keine Region gewonnen, aber ein historisches Ergebnis hingelegt. Beide rechtspopulistischen Parteien werden von Frauen geleitet. Wie ähnlich sind sich die beiden weiblichen Alphatiere?

Kurz nach der Meldung über den Einzug der AfD in alle drei Landesparlamente drängen sich mehr und mehr ausländische Journalisten vor das Haus der Partei-Vorsitzenden Frauke Petry. Sie sind auf der Suche nach der 'deutschen Marine Le Pen'. Für die Korrespondenten scheint die Verbindung eindeutig: Ideologisch liegen Petry und le Pen mit ihren konservativen Werten auf einer ähnlichen Linie. Und auch gesellschaftlich verkörpern beide einen modernen, aktiven Lebensstil, der Karriere und Kinder scheinbar spielerisch unter einen Hut bringt. Trotzdem hat sich Petry immer wieder von der Spitzenkandidatin der französischen Front National distanziert. Ihrer Meinung nach hinke der Vergleich. Eigentlich stimme nur, dass beide Frauen sind.  

Auf den ersten Blick teilen beide Politikerinnen tatsächlich nur wenige Eigenschaften. Marine le Pen tritt gerne vor die Kamera und gibt sich volksnah. Nachdem sie die Pariser Landwirtschaftsmesse im Frühjahr eigenständig zur „Messe des Kampfes“ umtaufte, twitterte sie Bilder von sich beim Melken in der Normandie. Gerne gibt sich Le Pen als Rächerin, indem sie außer Kühen auch mal Bilder der Opfer des so genannten Islamischen Staates twittert. Frauke Petry ist in ihrer medialen Darstellung zurückhaltender. Außer bei allgemeinen Parteiauftritten sucht sie weniger die direkte Volksnähe als ihre französische Kollegin.

Die rechte Karriereleiter

Marine Le Pen entstammt einer politischen Dynastie, wuchs bereits in das rechtspopulistische Milieu hinein, in dem sie heute auch agiert. Als Vorbereitung für den Einstieg in das Familienunternehmen FN wählte sie, ähnlich wie ihre fast genauso erfolgreiche Nichte Marion Maréchal-Le Pen, das Jurastudium an der renommierten Universität ASSAS in Paris.

Frauke Petry wurde die politische Karriere nicht in die Wiege gelegt. Die in Dresden geborene Tochter eines Verfahrenstechnikers und einer Chemikerin profitiert mehr von ihrem Ehrgeiz als ihrem Nachnamen. Sie war Jahrgangsbeste, ist promovierte Chemietechnikerin und Gründerin der Firma Purinvent GmbH, das vor seiner Pleite elastisches Kunststoff für Reifen herstellte. Erst 2013, mit 38 Jahren, steigt sie mit der AfD in die Politik ein.

Auch wenn die Biographien nur wenig Überschneidungspunkte zeigen stehen die Parteilinien der beiden Alphafrauen ideologisch für einen Rechtsruck, der heute nicht mehr nur auf beiden Seiten des Rheins, sondern überall in Europa zu finden ist. Petry und Le Pen vertreten politische Parteien, deren Aufschwung eng mit regionalen Prozessen und deren Schwierigkeiten verbunden ist. Während der Front National seine Wähler traditionell im Süden und in der Provinz findet, ist es für die AfD vor allem der deutsche Osten.

Beide Regionen sind von starker Landflucht und ökonomischer Unsicherheit betroffen. In Orten wie Clausnitz oder Pierrefitte-ès-Bois leben die Wähler, die sich von den Mächtigen verlassen fühlen. Ängste lassen sich hier leicht schüren - Überfremdung, ausbleibende Rente, Steuern. Es wird das Gefühl vermittelt, am Ende der Verteilungskette zu sitzen, viel zu leisten und wenig zu ernten. Schlimmer noch, andere, nämlich die Fremden, würden es einem fortnehmen.

Dieser Angstdiskurs, den beide Politikerinnen erfolgreich beherrschen, ähnelt sich seit der wachsenden Flüchtlingskrise immer mehr. Dabei ziehen beide einen Nutzen daraus, dass ein Großteil der Medien sie dämonisieren und ihnen somit indirekt noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Ihren Parolen, Kriegsflüchtlinge als bedrohliche Eindringlinge zu interpretieren, wird damit noch mehr Raum gegeben.

Während Marine Le Pen den Flüchtlingsstrom nach Europa mit dem 'Einfall der Barbaren in Rom' verglich, sprach sich Petry für den Schusswaffengebrauch an Grenzen in letzter Instanz aus. Weder für Petry noch für Le Pen habe der Islam seinen Platz in der europäischen Gesellschaft. Und auch ein konstruktiver Dialog mit konträren Meinungen in der europäischen Gesellschaft scheint keine Selbstverständlichkeit. Letztes Jahr boykottierte Le Pen einen Talkshowauftritt beim Fernsehsender France 2 in letzter Minute. Petry lässt am 24. Mai dieses Jahres das Gespräch mit dem Zentralrat der Muslime nach 45 Minuten vorzeitig platzen.

Außenpolitisch sind sich die beiden Spitzenpolitikerinnen auch oft einig. Europa sei ja nicht verkehrt, aber supranationale Entscheidungen gingen an den deutschen und französischen Bürgern vorbei. Mehr Bürgerbeteiligung fordert die Alternative für Deutschland, der FN geht in die Vollen und will den Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro.

Differenziert werden muss allerdings in der Wirtschaftspolitik. Mit ihrem unternehmerischen Hintergrund stehen Petry und ihre Partei für 'mehr Freiheit und Eigenverantwortung anstatt für mehr Staat und weitere Umverteilung'. Die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch hält den Front National sogar für sozialistisch. Die AfD wäre neuerdings sogar bereit, Frankreich als Verbündeten aus dem Klub zu werfen, sollte das Land wirtschaftlich nicht auf der Höhe sein. Die Partei um den Familienklan Le Pen setzt sich tatsächlich für die Rente mit 60 und mehr Protektionismus, Verstaatlichung der Banken sowie die Einführung von Zöllen zum Schutz französischer Produkte ein.

Trotz unterschiedlicher Charaktereigenschaften, persönlicher Hintergründe und Differenzen in ihrer politischen Linie, eines haben die beiden Frauen ganz sicher gemeinsam - sie stehen für einen europaweiten Anstieg des Nationalismus. Aber auch ihre wachsende, radikale Wählerschaft sollte in einer liberalen Demokratie ihren legitimen Platz haben. Frauke Petry und Marine Le Pen präsentieren für ihre Kritiker die weibliche Personifizierung der immer dunkler gefärbten Seite unserer aktuellen Parteienlandschaft. Vielleicht sollte man sich mehr mit dieser Tendenz beschäftigen als dem Geschlecht an seiner Spitze.