Laura Cesana: 'Niemand ist etwas zu 100 Prozent'

Artikel veröffentlicht am 22. April 2008
Artikel veröffentlicht am 22. April 2008
Die italienische sprach- und reisebegeisterte Malerin jüdischer Herkunft emigrierte aus den USA nach Portugal, wo sie heute ihrer Multikulti-Identität mit blühendem Pinsel Ausdruck verleiht.

Cascais, ein schicker Badeort im Westen Lissabons. Sein Kulturzentrum liegt zwischen dem überfüllten Yachthafen und einer frisch restaurierten Festung, die nur darauf wartet als Kulisse für große Events zu erstrahlen. Unter einigen eisigen Sonnenstrahlen schlagen Wellen gegen die Felsen: der Winter hat begonnen. In dieser Nacht scheint Laura Cesana ihr Französisch wieder gefunden zu haben, denn sie beginnt das Gespräch im Eiltempo in der Sprache Molières. Und das, obwohl wir eigentlich Englisch sprechen wollten.

"Ich bin italienische Staatsbürgerin, aber die Sprache meiner Emotionen ist Englisch", beginnt sie. "Meiner Meinung nach ist niemand etwas zu 100 Prozent." Laura wurde in Rom in einer dunklen Phase der italienischen Geschichte geboren. Im Alter von zwei Jahren kamen sie und ihre Familie jüdischer Herkunft an Bord der letzten Boote, die die Häfen der Adria verließen, nach Amerika. Zehn Jahre später kehrt sie nach Italien zurück, wo sie zur Schule ging und dann Wirtschaftswissenschaften studierte. "Por o caso", wie sie auf Portugiesisch sagt, "einfach so". Sicherlich auch, weil sie eine gute Schülerin war. Ihrer Jugend zwischen den USA und Italien hat sie ihre vielfältige Identität zu verdanken.

Blumensträuße von Klee bis Chagall

Dann begegnete sie ihrem ersten Mann. Er nimmt sie mit nach Portugal. Während der Nelkenrevolution und den unzähligen Versammlungen, an denen sie teilnahmen, nimmt sie Bruchstücke für ihre in Amerika gebliebenen Freunde auf. Aber vor allem macht sie Skizzen in kleine Hefte, die sie stets mit sich trägt. Sie folgt ihrem Mann und seiner Arbeit nach Finnland, nach Schweden und nach Brasilien. Laura taucht ein in all diese Kulturen und bemüht sich deren wichtigste Autoren zu lesen.

Unmöglich jedoch sie dazu zu bringen, zu sagen, welche Autoren oder Maler ihren Pinselstrich beeinflussten. Laura ist niemands Schüler, sondern Heldin ihrer eigenen Geschichte. Sie lässt lieber die Kritiker ihrer Werke sprechen: "Einige wiesen auf Matisse, Klee oder Bonnard hin." Andere erwähnten Paul Jenkins, eine Referenz, die ihr gefällt. Sie mag in dieser Parallele den Ausdruck ihrer amerikanischen Seite sehen. "Am meisten wird das Werk des Künstlers und dessen Wahrnehmung durch den Raum beeinflusst. Diese Dimension ist wesentlich bei amerikanischen Künstlern", findet sie.

Laura Cesana stellt zur Zeit in Luxemburg, Portugal, Frankreich, Italien und in der Schweiz aus

Blumensträuße mit langen grünen Stilen, Musikinstrumente, die im Wind an Wäscheleinen hängen, oder auch schwerere Kollagen mit Blättern und Partituren, Seiten aus Büchern voller Nostalgie: Es ist schwer, in den Bildern von Laura Cesana nicht die starke Verbindung mit dem Onirismus von Marc Chagall zu sehen. Cesana leugnet diese Parallele auch nicht!

Jüdisch-portugiesische Überreste

Letzten Winter zeigte das Kulturzentrum von Cascais eine Retroperspektive ihres Werkes mit einer Reihe, die sich dem Meer und der Musik widmete; zwei Elemente der Identität dieser Küstenstadt. Ihr bekanntes Jazzfestival wurde 1971 von Miles Davis und Dizzy Gillespie initiiert und das, trotz der Opposition des damaligen autoritären Regimes. Zwanzig Jahre des bildnerischen Schaffens von Laura Casana, die zu mehr als 200 Ausstellungen Anlass gaben, sind heute hier ausgestellt.

Jedes Werk erzählt eine Geschichte. Die Techniken und Materialien variieren. Sogar Zement ist darunter. Jedes Bild zeigt etwas aus Lauras Leben: Die Noten einer Partitur erinnern an ihre jung gestorbene Mutter, die Geigerin war. Viele Gemälde sind dem bekanntesten portugiesischen Dichter Fernando Pessoa gewidmet. Eine andere Reihe von Arbeiten beziehen sich auf Recherchen, die sie, mit Hilfe der Stiftung Gulbenkian, über die jüdisch-portugiesischen Überreste unternommen hat. Seltene ikonische Symbole aus diesem europäischen Land im Süden, denen Laura Cesana sogar ein Buch widmete.

Brücken in Europa bauen

Laura hat sich nie vom literarischen Universum entfernt. Sie lehrte an namhaften Universitäten in Portugal und den USA. Aber sie sieht ihre Arbeit nicht als die eines Forschers. Sie fordert die Sensibilität des Künstlers. Unsere Unterhaltung wird immer wieder unterbrochen: Laura geht auf Fragen von Besuchern ein und erklärt unermüdlich ihre Arbeit. Sie spricht Portugiesisch und notiert sich in einem ihrer zahlreichen Hefte Ideen auf Italienisch.

Laura Cesana fordert mehr Offenheit für die Welt, die es ermöglicht die eigene Vielfalt besser zu identifizieren und zu verstehen. Sie hat Vertrauen in die Zukunft Europas: "Es besteht keine Gefahr der Vereinheitlichung der Kulturen", denkt sie. Doch das gegenseitige Kennenlernen scheint ihr ausschlaggebend. "Es ist wichtig Brücken zwischen Ländern zu schlagen. Wir haben alle verschiedene politische und soziale Erfahrungen gemacht und das wird auch weiterhin so sein." Für sie muss Bildung im Vordergrund stehen. "Initiativen wie Erasmus rufen viel Hoffnung hervor und es wäre nützlich, wenn es auch noch mehr Austauschprogramme für Lehrer geben würde." Es wird dunkel, die Besucher verlassen das Kulturzentrum Cascais. Laura verspricht, uns auf dem Laufenden zu halten. In welcher Sprache, weiß sie noch nicht.

(Fotos: Homepage - lauracesana.com, Intext - Laura Cesana)