Lauf, Berlin, lauf!

Artikel veröffentlicht am 4. August 2014
Artikel veröffentlicht am 4. August 2014

Der Schnee ist zu kalt, der Regen zu nass, die Nacht zu dunkel: alle diese Ausreden, um nicht laufen zu gehen, zählen im Sommer nicht. Ob Dauer- oder Schauläufer: sie lassen sich in fünf Kategorien unterteilen. Eine knallharte Bestandsaufnahme.

Von jetzt an zeigt sich der Sommer von seiner besten Seite und Parks werden für alle möglichen Aktivitäten genutzt. Das Laufen gehört auch dazu. Nicht wirklich hipstermäßig, aber auch nicht komplett verboten – das „Joggen" erscheint sogar in Lebensläufen. Laut einer sehr seriösen Studie eines sehr renommierten Instituts, handelt es sich hierbei um rund 95 Prozent. Beliebt sind inzwischen auch neue Lauftrends, wie das Yogging (eine Mischung aus Yoga und Joggen, AdR).  Wenn das stimmt, dann muss es also irgendwo in Berlin einen Park mit den Ausmaßen des Amazonas geben, den keiner kennt und an dem die ganze Welt sonntags joggt. Um es kurz zu machen: Berlin läuft. Nachfolgend eine kleine Auswahl an Joggern, die ihr in den Parks der Hauptstadt antreffen werdet:

Der wahre Läufer/ Die wahre Läuferin

Bei dieser Spezies ist die Sache simpel: Ihr werdet sie nie zu Gesicht bekommen. Der wahre Läufer steht um fünf Uhr auf, um Zeit für das Laufen zu haben, Dehnübungen zu machen, zu duschen und ein energiereiches Frühstück zu sich zu nehmen. Das passiert schon, bevor euer Wecker sich überhaupt fragt, ob es schon Zeit ist zu klingeln. Und das macht Gott (alias Haile Gebreselasie) täglich, vor allem am Sonntag, wo er besonders lang läuft. Er rennt 120 Minuten mit 85 Prozent des VO₂max (max. Sauerstoffaufnahme, AdR) und er endet mit einem kleinen 30‘ - 30‘ (Intervalltraining: 30 Sekunden schnell laufen, 30 Sekunden langsam laufen, AdR). Falls ihr ihn einmal sehen solltet, erkennt ihr sei ganz einfach: Sein Schritt ist so luftig leicht, dass ihr einfach hingucken müsst. Er hat bereits vor 15 Jahren aufgehört zu schwitzen und man fragt sich, ob er überhaupt noch atmet. Das Piepen seiner GPS-Uhr alle 400 Meter ist sein einzig erkennbare Lebenszeichen.

Der Läufer-von-dem-ihr-nicht-denkt, dass-er-ein-Läufer-ist

Sobald ihr im Park ankommt, habt ihr ihn entdeckt: der kleine Alte, der sich vor Schmerzen die Seite hält. Seine Minishorts gehören zur Steinzeitmode, sein T-Shirt ist dermaßen verwaschen, dass es schon fast durchsichtig ist, und auf seiner Kappe ist das Markenzeichen einer Alkoholsorte, die schon lange nicht mehr existiert. Anfangs schaut ihr immer wieder beunruhigt zu ihm hin, da er einem baldigen Herzinfarkt nahe zu sein scheint. Wenn ihr endlich überzeugt seid, dass sein Rhythmus sich eingependelt hat und euch gerade die Puste ausgeht, dreht er schon seine 25. Runde. Und versteht ihr endlich das Durcheinander: Eigentlich trainiert er für seinen 62. Marathon und vielleicht hat er selbst die Leichtathletik erfunden. Spyridon Louis forever.

Der Sportler, der-gar-kein-Läufer-ist

Dieser Läufertyp trägt ein Fußballtrikot oder, noch besser, ein Basketballtrikot ohne Ärmel, das seine wichtigstes Körperregion in Szene setzt: seine Schultern. Sie sind das Ergebnis  stundenlangen Gewichtestemmens. Und ja, das war natürlich nicht alles umsonst, denn jetzt muss man die hübschen Muskeln auch zeigen. Der Sommer ist dafür schließlich wie gemacht. Die breiten Schultern beeindrucken auf der Laufstrecke kaum jemanden. Außerdem hat der Typ einen unerträglichen Laufrhythmus drauf, denn seinen 10 Kilometer-Lauf beginnt er mit einem Sprint. Danach bricht er hinter einem Busch zusammen,  wo ihn bloß keiner sehen darf. Mit letzter Kraft und rot vor Schmerz merkt auch er, dass es keine gute Idee war, um 14 Uhr bei brütender Hitze einen Sprint hinzulegen.

Der-ich-möchte-gerne-laufen-aber-ich-kann-nicht-weil-ich-dann-einen-Facebook-Post-verpasse

Dieser Typ läuft, weil sein Arzt ihm gesagt hat, dass das gut sei, um seine Serie von fünf Burnouts in drei Wochen zu beenden. Er ist bestens ausgestattet und meint es ernst: Er trägt neongelbe Schuhe, in deren Sohle Minicomputer installiert sind und hat ein iPhone 5 mit integriertem Pulszähler um den Arm geschnallt. Passend zu seinem Puls, lädt er sich eine Playlist herunter, mit Kopfhörern à la Beat Studio auf den Ohren. Durch die gibt ihm sein iCoach Instruktionen, ganz nach dem Motto: „Schneller, du Faulpelz! Du bist hinter deinem Ziel für dieses Quartal." Sofort kommt der Arbeitsstress wieder. Auf der Laufstrecke riskiert er den Totalnervenzusammenbruch. Man erkennt diesen Typ auch daran, dass er am Ende wie ein Verrückter sprintet, um sein „time goal" zu erreichen. Dann kann er zwar nicht mehr die Treppen hochgehen, aber seine Zeit samt Selfie wird er auf jeden Fall bei Facebook posten – inklusive Schweißperlen, Purpurfilter und Kommentar: „Wow, bald für den Strand bereit :)".

Der Läufer-der-Kalorien-verbrennen-will 

Wenn wir schon mal vom Strand sprechen… Ich riskiere es einfach mal und behaupte, dass man diese Kategorie vor allem vom weiblichen Geschlecht zurechnen kann. Schließlich sind das alles nur Klischees, nicht wahr? Diese Läuferin hat also Turnschuhe und ein Sport-T-Shirt aus dem Schrank gekramt, das sie bereits in ihrem Abschlussjahr an der Schule getragen hat (Abi-Geil 2002 forever). Mit einer Freundin hat sie per WhatsApp ein Treffen zum Laufen ausgemacht. Morgen, nein morgen nicht, übermorgen, ach nein, da gehe ich brunchen, hmm in drei Wochen, ja da klappt es auf jeden Fall. Um es kurz zu machen, Tag X ist endlich da und… die Unterhaltung beginnt. Die Freundinnen schauen zunächst den Mädchen der Kategorie 1 (den wahren Läuferinnen) hinterher und fluchen („Pff, die hat doch kein Privatleben“). Die echte Läuferin der Kategorie 1 wird aber keine Milisekunde unkonzentriert sein und sich niemals für das Gespräch der Tratschtanten interessieren. Der Laufrhythmus ist langsam, sehr langsam und nach fünf langen Minuten kommt die erste Pause („Ich habe irgendwo gelesen, dass es wichtig ist, Pausen zu machen, um zu trinken“). Nach vier Wiederholungen und drei Unterbrechungen, reicht es und die Muskeln, die diesen Energieschub nicht gewohnt sind, streiken. Das war genial, nein wirklich, das fühlt sich echt gut an, treffen wir uns morgen wieder? Ah, nein, morgen kann ich nicht, da geh ich zu einer Vernissage. Ähm, wir laufen ein anderes Mal wieder, versprochen. Bis zum nächsten Sommer wird das wohl nichts mehr.

Sommer in Berlin: Ansichten einer heißen Stadt

Hurra, hurra - der Sommer ist da! Auch wenn sich die Berliner Parks schon ab Juni in Freizeitzonen verwandeln, ist der August immer noch der Höhepunkt der heißen Jahreszeit. Cafébabel sammelt die schönsten Sommerimpressionen. Mehr Infos wie immer auf Facebook und Twitter.