L'Aquila: ein Jahr nach dem Erdbeben

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2010
Am 6. April 2009 wurde die abruzzische Hauptstadt L’Aquila von einem verheerenden Erdbeben erschüttert, dem insgesamt 309 Menschen zum Opfer fielen. Mehr als ein Jahr nach der Katastrophe geht der Wiederaufbau der Stadt nur schleppend voran. Die Spuren des Erdbebens sind weiterhin in der ganzen Stadt zu sehen.
Nun wird die Politik jedoch von einer Bürgerbewegung, die sich dagegen wehrt, dass die historische Altstadt ihrem Schicksal überlassen wird, herausgefordert.

In der Nacht vom 5. auf den 6. April 2009, um 3:32, erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richterskala die Hauptstadt der mittelitalienischen Region Abruzzen. Die mittelalterliche Altstadt, in der vor dem Erdbeben 70.000 Menschen lebten und die aufgrund ihres kulturellen Erbes zur sechstwichtigsten Stadt der italienischen Halbinsel gezählt wird, wurde fast vollständig von dem Erdbeben zerstört. Insgesamt 309 Opfer waren zu beklagen, weitere 70.000 Menschen wurden innerhalb von 28 Sekunden obdachlos.

L'Aquila - Ein Jahr später

Ein Jahr nach dem Beben regiert in L’Aquila immer noch das Chaos. Nach Monaten vergeblichen Wartens ist nun aber eine Bürgerbewegung entstanden. Der sich spontan gebildete popolo delle carriole („Volk der Schubkarren“) erhält Zulauf aus allen politischen Lagern und Bevölkerungsschichten und hat sich bisher von keiner Partei vereinnahmen lassen. Symbolisch begann die Bürgerbewegung mit Aufräumarbeiten in der abgesperrten und von Soldaten kontrollierten Altstadt, die immer noch so aussieht wie am Tage nach dem verheerenden Erdbeben. Anfänglich belächelten die Politiker die Bewegung, inzwischen konnte sie sich aber bei den Entscheidungsträgern Gehör verschaffen, so dass die Aufräumarbeiten in der Altstadt, die immer noch unter ca. 4 Mio. Tonnen Trümmer liegt, endlich ihren Anfang nahmen.

Demonstration am 28. Februar 2010

Der Druck von der Straße

Die Wende wurde vor allem auch durch eine Reihe von Sonntagsdemonstrationen eingeläutet, die der italienischen Umweltministerin Stefania Prestigiacomo das Ausmaß der Katastrophe vor Augen führten. Tausende Bürger nahmen an den autonom organisierten und von der Bewegung medienwirksam getauften domeniche con le carriole („Sonntage mit Schubkarren“) teil und zeigten der Politik auf, wie man der Situation Herr werden und die Trümmerhaufen, die immer noch die Altstadt unbegehbar machen, beseitigen kann. Die Ministerin musste zudem lernen, dass auch eine völlig heterogene Bürgerbewegung, die entschlossen ihre Ziele verfolgt, wenigstens in den Medien die Oberhand über die Politik gewinnen kann. Eine echte Lehrstunde für die Person, welche die Aufgabe übertragen bekommen hat, mittelfristig die Aufräumarbeiten in der historischen Altstadt zu koordinieren und ein echter Erfolg für die Menschen von L’Aquila, die seit zwei Monaten für ihre Rechte eintreten und die spüren, dass L’Aquila, wenn sich nicht bald grundlegend etwas ändert, endgültig zu einer Geisterstadt wird.

Vor dem Erdbeben zählte die Stadt fast 70.000 Einwohner. Sieben Monate nach dem von Premierminister Silvio Berlusconi eigens nach L’Aquila verlegten G8-Gipfel wohnen immer noch 6.461 Menschen in Hotels, wovon 2.730 in der Provinz L’Aquila untergebracht sind und 3.731 in Hotels an der adriatischen Küste (107 davon sogar außerhalb der Region Abruzzen). 2.376 Personen sind in Sozialwohnungen an der Küste untergebracht und weitere 1.196 hingegen in zwei Kasernen. Insgesamt handelt es sich um 10.028 Personen, die lediglich ein Schlafzimmer haben und weiterhin auf Hilfe von außen, vom Zivilschutz angewiesen sind.

Wiederaufbau oder Neubau?

Verstärkt wird der Groll der Bewohner durch die Entscheidung der Politik, ihre bisherigen Bemühungen auf den Neubau von Gebäuden zu beschränken. So wurden bisher nur Neubauten hochgezogen, vom Erdbeben beschädigte Häuser wurden jedoch noch nicht in Stand gesetzt.

Der Überlieferung zufolge wurde L’Aquila im Mittelalter von 99 Gutsbesitzern gegründet, die auf den Hügeln lebten, welche die heutige Stadt umgeben. Noch heute hat die Zahl 99 eine besondere Bedeutung für L’Aquila, so soll sie auch heute noch 99 Kirchen, 99 Plätze und 99 Brunnen haben, die jeweils auf einen der Gründungsväter zurückzuführen sind.

Und was wird aus der Altstadt?

Beim Wiederaufbau ist nun jedoch eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Die immer noch in Trümmern liegende Altstadt ist eine Geisterstadt geworden. Statt sie wieder aufzubauen, wurden neue Wohnviertel außerhalb der Stadt aus dem Boden gestampft: bis dato wurden insgesamt 19 Wohnviertel gebaut, die jedoch unter einander nicht verbunden sind. 12.803 Menschen fanden bisher in den so genannten C.A.S.E. (Complessi Antisismici Sostenibili ed Ecocompatibili, „erdbebensichere, nachhaltige und umweltverträgliche Gebäude“) ein neues Heim.

Genau 1 Jahr nach dem BebenDer Bürgerbewegung ist es geglückt das Verantwortungsbewusstsein, den Gemeinsinn der Bürger zu wecken. Auch wenn die lokalen und nationalen Politiker bisher noch nicht die richtigen Antworten für das zerstörte L’Aquila gefunden haben, so werden jetzt wenigstens dank der Bewegung die richtigen Fragen gestellt. Fragen danach, wie eine langfristig angelegte Strategie für L’Aquila auszusehen hat. Und endlich hat die italienische Regierung ein Gegengewicht in dieser Angelegenheit bekommen und kann sich nicht mehr widerspruchslos für angeblich vollbrachte Heldentaten in den Medien feiern lassen. So wurde z.B. die Grußadresse des Premierministers Silvio Berlusconi, die bei der öffentlichen Sitzung des Stadtrates zum Gedenken an den ersten Jahrestag der Naturkatastrophe von Lokalpolitkern vorgelesen wurde, von einem Großteil der anwesenden Bürger ausgepfiffen.

In diesem Moment durfte es wohl auch dem letzten Politiker klar geworden sein, dass der Weg zurück in die Normalität noch weit ist und dass endlich gehandelt werden muss. Denn ein Maßnahmenpaket, das einen wirtschaftlichen und politischen Aufschwung für die Stadt bringen könnte, wurde weder eingeleitet noch überhaupt ausgearbeitet.

Ein Artikel von Stefano Torelli (Caffè Geopolitico)

Fotos: ©Pablo Moroe/flickr; ©martelfa/flickr; Video: ©IKPRODUZIONI/Youtube