Laizität und Konkordat: Extrawurst in Straßburg

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2012
In der elsässischen Stadt werden die Bauarbeiten an der zweitgrößten Moschee Frankreichs demnächst beendet. Im Winter wurde der erste ausschließlich muslimische Stadtfriedhof eingeweiht und die Arbeiten an weiteren wichtigen Kultstätten sind in Gang. All dies wäre ohne die öffentliche Finanzierung, die das Konkordat von 1801 vorsieht, nicht möglich.
Das Gesetz, das immer noch in Kraft ist, macht Elsass-Mosel zu einer Enklave innerhalb des Landes der Laizität.

Das französische Gesetz der Trennung zwischen Staat und Kirche, auch Gesetz von 1905 genannt, verbietet jegliche offizielle Anerkennung von Kultstätten und ihre Finanzierung von Seiten des Staates. Aber… das Gesetz gilt nicht überall. Elsass-Mosel gehörte zu jener Zeit zum II. Deutschen Reich und nachdem es 1918 wieder französisch wurde, haben sich seine Bewohner vehement gegen die Einführung des Gesetzes gewehrt.

Darüber hinaus haben sie das napoleonische Konkordat von 1801 beibehalten, das vier Religionsgemeinschaften anerkennt (die katholische, die protestantische, die lutherische und die jüdische) und das sogar die finanzielle Unterstützung der später hinzugekommenen Religionsgemeinschaften, wie der muslimischen, ermöglicht.

François Hollande und die Laizität

Der erste in Frankreich, der aus öffentlichen Geldern finanziert wurdeDer 46. Punkt des Wahlprogramms von François Hollande sieht die Verankerung der Laizität und des Konkordats im gleichen Abschnitt der Verfassung vor. In Straßburg gibt es heftigen Widerstand gegen die Festschreibung des Konkordats: Claude Hollé der NGO Laïcité d’Accord verfasste im Juni zusammen mit anderen lokalen NGOs den x-ten Brief, um den Präsidenten davon zu überzeugen, den Vorschlag zurückzuziehen. „Die Elsässer hängen am Konkordat, kennen aber die Details nicht“, behauptet er.

Diese Meinung vertritt auch Jean-Pierre Djukic, Chemieforscher, der im Februar mit anderen Akademikern einen Protestbrief in der französischen Tageszeitung Le Monde veröffentlicht hat („Warum wir Elsässer, Laizisten und gegen das Konkordat sind“). Diese NGOs kritisieren vor allem die staatliche Entlohnung von 1.393 Geistlichen der 4 anerkannten Religionsgemeinschaften, für insgesamt 54,5 Millionen Euro alleine im Jahr 2011, und den obligatorischen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen. „Bei uns war Religion nicht nur eine Antwort auf soziale Probleme, sondern wurde auch für politische Zwecke instrumentalisiert”, beendet Jean-Pierre Djukic das Gespräch.

Europäischer Islam im Elsass

„Die lokalen Behörden wissen sehr gut, dass die Religionsgemeinschaften auf Probleme eingehen, die sie noch nicht unter Kontrolle haben“, vertraut mir Jacques Fortier an, der überzeugte Kolumnist der Lokalzeitung Dernières Nouvelles d’Alsace, mit dem ich einen Kaffee auf dem Platz Broglie im Zentrum Straßburgs trinke. „Es gibt eine Solidarität zwischen den Religionsgemeinschaften, die durch das Konkordat ermöglicht wird. Die geistlichen Führer tauschen sich untereinander aus. Gemeinsam haben sie das Projekt der großen Moschee vorangebracht. Das Konkordat zu verändern, bedeutet, die elsässische Art zu leben in Frage zu stellen.“

Die Analyse von Fortier stimmt überhaupt nicht mit den Ansichten der Studenten überein, die ich in den Gärten des Campus treffe. Charlotte, Julie, Marina, Clément, Michele, die Mathematik und Sport studieren, hatten selbst auch Religionsunterricht an staatlichen Schulen, eine weitere Ausnahme in Elsass-Mosel. Eine Frage reicht aus, um ganz unterschiedliche Meinungen zum Vorschein zu bringen. Manche sind gläubig, andere weniger, manche für das Konkordat („sie dürfen es nicht anrühren“, sagt Julie), andere für seine Abschaffung („aber der Religionsunterricht schaffte keine Kluft zwischen uns und unseren muslimischen Mitschülern, die daran nicht teilnahmen“, betont Clément). Selbst wenn die Laizität noch nicht zu den wichtigsten Sorgen der meisten Jugendlichen gehört, so ist die staatliche Unterstützung für die, die muslimischen Glaubens sind, eine bedeutende Hilfe für ihre wachsende Gemeinde.

In Elsass-Mosel ist Straßburg eine Ausnahme

Die Stadt wird von Sozialisten regiert und rühmt sich ihrer Toleranz und dafür, dass sie wichtige muslimische Kultstätten finanziert hat, die die Integration fördern sollen. Hier hat Paolo Portoghesi, der Architekt der Römer Moschee, sein anspruchsvollstes Projekt realisiert: eine große Moschee mit einer Kuppel mit einem Durchmesser von 17 Metern, die auf 8 externen Säulen ruht. Von oben erinnert der Bau an eine aufblühende Blume. Die offizielle Eröffnung soll zum Ramadan, im Juli, stattfinden.

La cour en face est le résultat du travail de plusieurs volontaires. Les pierres des fondations viennent des carrières alsaciennes pour ancrer la mosquée dans le paysage.

„Unsere Moschee ist eine städtische Moschee, die für alle offen ist und sich in das architektonische Bild der Stadt integriert“, erklärt der Präsident, Said Aalla, während der Besichtigung, „seit dem letzten Ramadan haben wir etwa 20.000 Besucher empfangen, und wenn die Moschee fertig gestellt ist, kann sie auf einmal 1.460 Besucher aufnehmen“. Die muslimische Glaubensgemeinschaft Straßburgs, die auf 60.000 Mitglieder geschätzt wird, verfügte bis vor kurzem nur über kleine Gebetsräume. Die große Moschee wurde zu 26% von Stadt, Département und Region finanziert. Der Rest wurde durch Spendeneinnahmen von Muslimen und Beiträgen aus Marokko, Saudi Arabien und Kuwait („Finanzierung ohne Gegenleistung“, präzisiert Aalla) gedeckt.

Ein weiterer Bau, der von der durch das Konkordat erlaubten öffentlichen Unterstützung profitiert hat, ist der neue Friedhof. In Frankreich sind Begräbnisstätten laizistisch, ohne religiöse Benennungen oder auffällige Symbole. In Straßburg hingegen wurde der erste muslimische Stadtfriedhof eröffnet. 1,25 Hektar Fläche, 1.000 vorgesehene Grabstellen, die alle nach Mekka ausgerichtet sind. „Auf christlichen Friedhöfen gibt es für jeden Toten ein ‚Minarett’, bei uns ist das verboten, es reicht eine Grabstelle aus Holz“, erklärt mir Mourad, ein 22 Jahre alter Tunesier, „jedes Jahr im Sommer fliege ich nach Tunesien und dort möchte ich auch begraben werden, um bei meiner Familie zu bleiben”.

Mourad arbeitet als Freiwilliger für das Stadtfest im ParkIch treffe Mourad bei einem Vorstadtfest, im Park Schulmeister. Die Stimmung ist entspannt und die jungen Muslime sind eher bereit, meine Fragen über ihre Religion und ihren… Tod zu beantworten. Der irgendwann eintreten wird, aber an diesem schönen Sonnentag fast schon irreal erscheint. „Ich würde lieber in Algerien, in der Nähe meiner Vorfahren beerdigt werden“, sagt Yassin, 26 Jahre, „aber das wird schwierig, weil sie in der Wüste begraben sind und es für uns wichtig ist, nah bei unseren Verstorbenen zu bleiben”. In Bezug auf die Älteren hebt Yassin hervor, dass “wir unterschiedlich erzogen wurden; wir gehen das praktischer an”.

Im gleichen Park lerne ich O.N. kennen, eine Zwanzigjährige mit türkischen Eltern, die in Straßburg geboren ist und anonym bleiben möchte: „Straßburg setzt sich aus verschiedenen Gemeinden zusammen. Es ist nicht einfach an die Zukunft zu denken, wenn man in der Vorstadt wohnt. Die Lehrer in der Schule bevorzugen die ‚reinen’ Franzosen und glauben nicht, dass wir es je schaffen werden, aus dem Viertel rauszukommen“. O. N. ist die gesprächigste, aber sie muss sich ums Mittagessen derer kümmern, die zum Fest kommen. „Ich möchte in der Türkei begraben werden, aber jetzt da ich sehe wie der Friedhof und die Moschee entstehen, denke ich, dass sich die Situation verändert. Ich würde mir wünschen, dass meine Kinder hier bleiben”.

In diesem Grenzgebiet, in dem Tausende für die Religion gestorben sind, in dem Kaiser, Könige, Totalitarismen und Republiken aufeinander folgten, hat die Säkularisierung Spuren hinterlassen. Das Konkordat, ein Erbe aus einer anderen Zeit, scheint ein hilfreiches Mittel, um gewisse Integrationsprozesse zu beschleunigen (und der Friedhof erscheint aus dieser Perspektive ein ‚definitiver’ Ort der Integration zu sein), aber auch ein Stich in die Seite derjenigen, die eine komplett laizistische Gesellschaft wollen.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2012. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Straßburg.

Illustrationen: Teaserbild (cc)modenadude/flickr; Im Text: Moschee und Friedhof ©Tania Gisselbrecht, Mourad ©Jacopo Franchi