Kunst und Terror: Manuele Fior untermalt das Pariser Lebensgefühl

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2016

Kurz vor dem Jahrestag der Attentate auf Charlie Hebdo haben wir Manuele Fior getroffen. Der italienische Comic-Autor und Illustrator lebt seit Jahren in Paris und fängt in seinen Zeichnungen die aktuelle Stimmung in Paris ein. Wir haben außerdem mit ihm über sein letztes Werk Le Variazioni d'Orsay gesprochen, das uns in das Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts entführt.

Der islamistische Terror hat Frankreich und ganz Europa schwer erschüttert. 2015 gehört zu den tragischsten Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Comic-Autor Manuele Fior (Fräulein ElseFünftausend Kilometer in der Sekunde, Die Übertragung) ist zwar in Cesena geboren, lebt aber seit Jahren in Paris und hat die schrecklichen Ereignisse hautnah miterlebt.

Fior wollte deshalb mit einer illustrierten Reportage in La Stampa, einen Tag nach den Attentaten im November, und dem Titelblatt der Dezemberausgabe von Linus, einer militärischen Interpretation des berühmten Kusses von Robert Doisneau aus dem Jahr 1950, ein Zeichen setzen. Nach den Gedenkveranstaltungen für die Opfer von Charlie Hebdo und die der Attentate im November haben wir mit ihm über seine Eindrücke gesprochen.

cafébabel: Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo liegt mehr als ein Jahr zurück. Wenn du als Comic-Autor an jene Tage zurückdenkst, an was erinnerst du dich?

Manuele Fior: Ich kann die Ereignisse immer noch nicht begreifen, auch nach einem Jahr nicht. Ich persönlich fühle mich heute mehr denn je mit Charlie Hebdo verbunden und freue mich, dass die Zeitung noch existiert, auch wenn Form und Inhalt gelitten haben.

cafébabel: Welche Gefühle und Stimmungen liegen zwei Monate nach den letzten Attentaten in der Pariser Luft? Ist die Angst im Alltag zu spüren? 

Manuele Fior: Es ist wie Houellebecq sagt: Am Ende siegt die Gewohnheit. Man sperrt seine schlechten Erinnerungen in eine Schublade des Gehirns ein und achtet bei der Métro-Fahrt doch auf jedes unbekannte Geräusch. Zurück bleibt ein großer Frust: Ich glaube, dass die Geschehnisse des 13. November schrittweise psychologisch aufgearbeitet werden müssen. Ich kann sie immer noch nicht verdrängen. 

cafébabel: Erzähl uns doch, wie es zum Titelblatt für Linus zum Gedenken an die Opfer des vergangenen 13. November gekommen ist. Wieso wolltest du das berühmte Foto von Doisneau ("Kuss vor dem Hôtel de ville") neu interpretieren?

Manuele Fior: Es ist eine sehr gefühlvolle Zeichnung, die mich wie ein (weltliches) Gebet oder Trauer berührt. Doisneaus Bild ist mir sofort als vielleicht etwas kitschiges, aber reales Symbol für das Leben in Paris eingefallen. Als ich gerade hier angekommen war, habe ich bemerkt, wie viele Paare sich auf der Straße küssen. Dieses romantische Umwerben hat mir nach fünf Jahren in Berlin und drei in Oslo sofort gefallen und mich an Zuhause erinnert. Dieses Gefühl ist geblieben, obwohl die Stadt sonst oft hart und grausam erscheint.

cafébabel: Möchtest du mit dem Bild die Liebe zeigen, die "die Angst bekämpft und verjagt"? 

Manuele Fior: Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich etwas anderes mit dem Bild aussagen wollen. Es gibt mehrere mögliche Deutungen für eine Zeichnung. Ob sie dem Autor nun richtig oder falsch erscheinen ist egal. In diesem Sinn habe ich nicht viel zu dem Titelblatt beizutragen: Sie ist eine Art Nachruf auf die Opfer des 13. November.

cafébabel: Sprechen wir lieber über deine jüngste Arbeit, Le Variazioni d'Orsay (Coconino Press). Eine Hommage an die französische Kunst und die glorreiche Belle Époque. Wie ist sie entstanden und wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Manuele Fior: Das Musée d'Orsay hat das Thema meinem französischen Verlag Futuropolis vor zwei Jahren vorgeschlagen. Neben vielen Museumsbesuchen habe ich viel über das Paris der Jahrhundertwende gelesen. Aufschlussreich waren die Biographie von Jean Renoir über seinen Vater Pierre Auguste Renoir und Degas, danse, dessin von Paul Valéry, der unvergessliche Anekdoten über seinen engen Freund erzählt.

cafébabel: Beim Durchblättern von Le Variazioni d'Orsay hat man den Eindruck, dass du mit diesem Comic einen Schritt hin zur Malerei getan hast. Wohin zieht es dich in künstlerischer Hinsicht?

Manuele Fior: Ich denke, dass der Stil zu diesem besonderen Comic gehört, aber wahrscheinlich werde ich ihn in meinen nächsten Büchern nicht weiterführen. In Le Variazioni konnte ich eine besondere Erzähl-und Zeichentechnik verwenden, die zum Museumsbesuch passt. Bei den nächsten Arbeiten werde ich sicher von dieser Erfahrung profitieren, aber versuchen, wieder mehr grafisch zu arbeiten.

cafébabel: Im Gegensatz zu L'intervista (dt. Die Übertragung), das in der nahen Zukunft angesiedelt ist, hast du mit Le Variazioni d'Orsay eine Reise in die Vergangenheit unternommen. In deinen Werken spürt man immer ein "Vor-und zurück"-Spiel mit der Zeit, wie zum Beispiel in Cinquemila chilometri al secondo, dt. Fünftausend Kilometer in der Sekunde. Findest du in der Gegenwart nicht genügend Anknüpfungspunkte?

Manuele Fior: Ganz im Gegenteil, ich interessiere mich besonders für die Gegenwart. Ich kann mir keine Geschichte ohne Bezug zum Heute und Jetzt vorstellen. Mit der Ansiedlung in einer anderen Epoche sehe ich die Gegenwart aber in einem anderen Licht, verschaffe ich mir den nötigen Abstand, um sie objektiver zu betrachten. Ich möchte meinen Mitmenschen durch die Kunst und Literatur die Eigenarten unserer aktuellen Existenz aufzeigen. 

cafébabel: Was erwartet uns in diesem Jahr? Arbeitest du schon an etwas Neuem?

Manuele Fior: Sicher, aber das unterliegt noch dem "Staatsgeheimnis".