Kunst made in Afrika

Artikel veröffentlicht am 13. November 2006
Artikel veröffentlicht am 13. November 2006

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Vom 13. bis 15. November findet in Äthiopien der erste panafrikanische Kulturkongress statt. Doch afrikanische Kunst ist auch ohne offizielle Unterstützung ein Exportschlager.

Lange Zeit über waren die Biennale für zeitgenössische Kunst Dak’art in Dakar (Senegal) und das Filmfestival Fespaco in Ouagadougou (Burkina Faso) die Zentren des kulturellen Lebens in Afrika. Aber was kann ein offizieller Kongress der afrikanischen Kultur eigentlich bringen? Schließlich ist diese bekannt dafür, reich an Vielfalt aber arm an Projekten zu sein?

Der panafrikanische Kulturkongress steht unter der Schirmherrschaft der UNESCO. Er findet diese Woche in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba statt. Die Organisatoren rechnen mit etwa 3000 Vertreter der Kunstszene. Das Ereignis findet zwar wenig Aufmerksamkeit in den Medien, ist aber dennoch vielversprechend. Zumindest unter der Voraussetzung, dass die Teilnehmer wirklich über Kultur sprechen werden.

Ein Kontinent sucht seine Identität

Kritiker meinen, dass die internationale Aufmerksamkeit die Entwicklung der afrikanischen Kunst nicht unbedingt weiter bringen werde. Viel wichtiger sei, dass die Afrikaner selbst ihre Kultur wertschätzen. Lange Zeit über hielten es viele Afrikaner nicht für notwendig, sich für Kultur zu interessieren – sei es aufgrund eines Minderwertigkeitskomplexes gegenüber Europa oder aus rein pragmatischen Gründen. Tatsächlich sehen viele Afrikaner keinen Nutzen in Kunstwerken. Besonders die Malerei scheint sie wenig zu interessieren.

Die afrikanischen Politiker haben ihrerseits die Kulturpolitik zu lange vernachlässigt. Oft sind sie in Schulden und Korruptionsaffären verstrickt und kümmern sich mehr um strukturelle und konjunkturelle Probleme als um Kunst. Es ist an der Zeit, dass die afrikanischen Eliten die afrikanischen Künstler anerkennen. Traditionelle Künstler wie Griots, die mündlich überlieferte Lobgesänge vortragen, oder moderne Sänger müssen ihre Ideen zur Identitätssuche des Kontinents beitragen. Die Kultur bietet die einzigartige Chance, dass Afrika endlich einen Weg aus Unterentwicklung und Bürgerkrieg finden kann.

Afrikanische Kunst für ein europäisches Publikum

Europa spielt dabei eine wichtige Rolle. Dass Europa Afrika kulturell dominiert, liegt nicht nur an der kolonialen Vergangenheit, sondern auch daran, dass die afrikanische Elite an europäischen Universitäten ausgebildet wird. Bis heute ist Europas Einfluss stark. Ein afrikanischer Künstler wird in seiner Heimat erst dann anerkannt, wenn er in Europa gewesen ist.

Das birgt ein großes Risiko: Es wird eine Kultur geschaffen, die sich nur an Europa orientiert. In der Malerei ist das schon der Fall, auch in der Musik und in der Literatur. Dem gegenüber steht die Lokalkultur, die Eingeborene für Eingeborene schaffen. Fast scheint es, als ob die Kultur es nötig habe, Standesgrenzen zu ziehen.

Exportobjekt Afrika

Dennoch hat der kulturelle Austausch mit dem Alten Europa zu einer einzigartigen Mischung geführt. Die afrikanische Musik mit ihren einzigartigen Rhythmen hat schon lange ihr europäisches Publikum gefunden. Genauso ist es mit der afrikanischen Kunst – jener berühmten „primitiven Kuns“, der seit dem letzten Juni am Pariser Quai Branly ein ganzes Museum gewidmet ist. Sie ist heute derart begehrt, dass ihr Markt boomt.

Afrikanische Kunst findet man in Europa von der Kleidung bis zur Küche, vom Lifestyle bis zur Wohnungseinrichtung. Fast scheint es, als sei der schwarze Kontinent inzwischen so attraktiv geworden, dass man von einem afrikanischen Markenlabel sprechen möchte. Eine Form von globalisiertem Snobismus? Oder eine Alternative zur kulturellen Vormachtstellung der USA? Für Éloï Ficquet, Forscher an der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften (EHESS) und Afrika-Spezialist „funktioniert das Exportobjekt Afrika momentan erstaunlich gut. Aber man kann in keinem Fall alle künstlerischen Ausdrucksformen auf diesem riesigen Kontinent unter dem Label ‚Afrika’ zusammenfassen.“

„Krisen machen kreativ“

Éloï Ficquet, Afrika-Spezialist an der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften (EHESS), über den panafrikanischen Kulturkongress und die schwierige Situation afrikanischer Künstler.

Herr Ficquet, was ist das Besondere an zeitgenössischer afrikanischer Kunst ?

Afrika hat mehr zu bieten als Folklore, für die sich im besten Fall Anthropologen interessieren. Die Biennalen für zeitgenössische Kunst in Dakar oder Kairo haben das deutlich gezeigt. Die afrikanischen Künstler stehen ihren europäischen Kollegen in nichts nach. Im Gegenteil: Sie sind Teil des internationalen Kunstmarktes und sind dort völlig gleichberechtigt. In der Kunst ist es nicht so wie in anderen Bereichen, die tatsächlich von den Europäer beherrscht werden und in denen es eklatante wirtschaftliche Unterschiede gibt. Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Karriere ist Okwui Enwezor, ein bekannter Ausstellungskurator aus Nigeria.

Die zeitgenössische afrikanische Kunst spiegelt die zahlreichen Krisen und sozialen Umwälzungen wider, die der Kontinent momentan erlebt. Oft führen solche Situationen zu mehr Kreativität als die bequeme Bürgerlichkeit, in der die europäischen Künstler heute leben.

Was ist von dem ersten panafrikanischen Kulturkongress zu erwarten, der von der UNESCO organisiert wird?

Am ehesten wohl große politische Erklärungen, bei denen sich die Repräsentanten gegenseitig zu ihren Erfolgen in der Kulturpolitik gratulieren. Die echten Initiativen gehen von den Akteuren vor Ort aus. Ich möchte gar nicht die Bedeutung der Politik für die lokale Ebene in Frage stellen. Aber diese Art von Veranstaltung dient vor allem dazu, Organisationen wie die Afrikanische Union zu legitimieren.

Gibt es eine panafrikanische Kunst?

In den sechziger Jahren wollte man durch Festivals wie in Dakar oder Algier die Kultur des ganzen Kontinents vereinigen. Das waren sehr ehrgeizige Projekte, die von großer Wirkung waren. Das panafrikanische Ideal gibt es auch heute noch. Inzwischen behindert aber der übersteigerte Nationalismus einzelner Staaten wie der Elfenbeinküste, dem Senegal, Eritrea oder dem Sudan die Suche nach einer gemeinsamen kulturellen Ausdrucksform.

Außerdem hat die Kolonisierung immer noch einen bedeutenden Einfluss auf die afrikanische Kunst. In den sechziger und siebziger Jahren war die Schule von Dakar oder das Theater von Guinea in aller Munde. Man bezog sich dabei auf eine Art offizielle Kunst der Dritten Welt, die eine Reaktion auf die Präsenz der Kolonialmächte war. Auch wenn sich die Dinge inzwischen geändert haben, bleibt der Kolonialismus immer noch Teil der künstlerischen Farbpalette.

Welche Rolle spielt Europa bei der Förderung afrikanischer Kunst?

Die Politik Brüssels ist momentan sehr restriktiv. Sie ist ein echtes Hindernis für den kulturellen Austausch zwischen Afrika und Europa. Heute muss ein afrikanischer Künstler die Einladung einer offiziellen Kulturinstitution vorweisen, um in die Schengen-Staaten einreisen zu dürfen. Die Bewegungsfreiheit ist erheblich eingeschränkt. Und um als ausländischer Künstler in Europa leben zu dürfen, muss man sich in den offiziellen Kreisen bewegen und schon einen gewissen Ruhm erlangt haben. Noch vor zehn Jahren gab es viel mehr Austausch zwischen den beiden Kontinenten. Aber die Gesetze von Sarkozy und Pasqua [aktueller und ehemaliger französische Innenminister, AdR] und die Antiterror-Politik der EU haben den Austausch stark eingeschränkt. Muss man noch daran erinnern, dass Kunst auf Freiheit beruht?

Was brauchen die afrikanischen Künstler?

Um einen besseren Austausch zu ermöglichen, müssen unbedingt mehr Internetanschlüsse her. Außerdem sollten die Polizeikontrollen bei der Einreise nach Europa reduziert werden. Die Arbeit der afrikanischen Künstler muss endlich anerkannt werden. Wenn man von Kunst spricht, darf es keine nationalen Unterschiede geben.

Das Interview führte Mariona Vivar. Übersetzung: Anna Karla