"Kunst der Kippe" im Café 203 in Lyon

Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2008
Um seiner Kundschaft weiterhin das Rauchen zu gewähren, dabei aber gesetzestreu zu bleiben, hat sich Christophe Cédat, Inhaber des Café 203 in Lyon, entschlossen, eine Art künstlerischen Widerstand zu leisten.

Trotz des im Januar 2008 in Kraft getretenen Nichtrauchergesetzes, welches das Rauchen in so genannten "der Entspannung dienenden" Räumlichkeiten verbietet, erhielten die Gäste des Café 203 in Lyon einen Aufschub. Das ganze ging wortwörtlich "auf‘s Haus". Denn die Gäste wurden vom Chef höchstpersönlich dazu eingeladen, jeden Abend ab 23 Uhr bei ihm ihre gewohnte 'Kippe' zu rauchen. Aus den Zigarettenstummeln macht Cédat anschließend echte Kunstwerke. Der Cafébetreiber hatte die regelrecht strafbare Idee, all die überquellenden Aschenbecher zu verewigen, indem er sie in Pop-Art-Werken an den Wänden ausstellt.

Experimentierfeld Bar

©cafe203"Als das Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes näher rückte, fragte ich mich, welche Spur die Raucher hinterlassen würden. Wie könnte man veranschaulichen, dass Raucher keine "psychisch Labilen" sind, auf die die Gesellschaft mit dem Finger zeigt?", erinnert sich der Inhaber und Künstler, der mittlerweile über 20.000 Fotos von Aschenbechern verfügt. Jedes Bild ist anders. Alle enthalten eine Menge Informationen über die Gäste des Cafés, aber auch über die Tabaksitten im Allgemeinen - auch die kleinen Rauchergewohnheiten sind abgebildet. Ob hell, ob dunkel, ob selbst gedreht oder ohne Filter: "Der Tag, an dem das Foto geschossen wurde, wird gleich mit verewigt", fährt Christophe Cédat fort. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "Diese Zigarettenstummel tragen die DNA unserer Gäste. Wer weiß, ob wir in einigen Jahrzehnten diese Daten nicht dazu nutzen können, unseren Kundenstamm wieder zu gewinnen."

Jede Ausstellung hat einen speziellen Namen. So etwa 'Friede meiner Asche', ein Konzept, das am Tag vor der Einführung des Rauchverbots ausgestellt wurde, 'Freiheit meinen Sinnen', das am Tag nach dem Inkrafttreten die Wände schmückte, oder 'Performance meiner Asche'. Im Oktober 2007, drei Monate vor Einführung des Anti-Raucher-Gesetzes, hatte die erste Ausstellung über den Aschenbecher heftige Reaktionen heraufbeschworen. "Der Aschenbecher wird als das frevlerische Objekt par excellence betrachtet", erklärt Christophe Cédat, der bereits daran denkt, sein Projekt einem neuen Publikum zugänglich zu machen - es etwa in die Schweiz oder nach Deutschland zu exportieren.

©cafe203

Tabakaltar

Bis heute hat der Eigentümer des Café 203 tausende Kippenstummel und 2000 Aschenbecher gesammelt. Er hat Projekte im Sinn, wie etwa Glastische aufzustellen, an dem seine Gäste essen und gleichzeitig die Tabakrelikte bewundern können. Ziel ist es, den Ekel vor der Kippe zu überwinden. Eine andere Idee wäre, einen Glaswürfel und rundherum Fotos von Berühmtheiten an einer Wand zu befestigen - wie einen Altar, wo die Asche die Opfergabe darstellt. "Ich würde gern eine kleine Religion gründen, aus der Zigarette ein Kultobjekt machen und eine spirituelle, fast rituelle Weise des Rauchens einführen." Paradox? Cédat war der Cafébetreiber, der im Jahr 2000 die erste Nichtraucher-Kneipe in Lyon eröffnet hatte.

Die Bar '100 tabac' (cent - '100' und sans - 'ohne' sprechen sich im Französischen gleich) war sogar die erste Nichtraucher-Bar in ganz Frankreich. Doch kleine Paradoxe wie diese stören den ehemaligen Wahlkandidaten, Anhänger von Nicolas Sarkozy während der Präsidentschaftswahlen 2007 und Sohn eines eifrigen RPR-Sympathisanten nicht im Geringsten. Sein Rauchercafé wird heute vorrangig von einer linken Klientel besucht. Insgesamt also ein (ziemlich) kompromissbereiter Rebell.

Gott ist ein Havanna-Raucher

"Ich habe bitterböse Kritik von vielen Menschen erfahren, die niemals erwartet hätten, dass ich mich eines Tages auf die Seite der Raucher schlagen würde. Ich kämpfe und werde auch weiterhin kämpfen - nicht gegen das Gesetz, sondern gegen die Art der Implementierung", meint er. Um die Ausnahme der Regel für sich geltend zu machen, hat er einen speziellen Raum mit drei offenen Seitenwänden zur Straße hin sowie einen Videoraum mit flimmernden Projektionen von 12.000 Aschenbecher-Fotografien eingerichtet. Im Hintergrund läuft "Dieu est un fumeur de Havanes" (Gott ist ein Havanna-Raucher) des verruchten Chansonniers Serge Gainsbourg.

Die Justiz drückt auch im Fall des 203 allerdings kein Auge zu. Das Anti-Raucher-Gesetz sieht ein Bußgeld sowohl für den Betreiber der 'Entspannungsräumlichkeit' als auch für den uneinsichtigen Tabak-Konsumenten vor. Kaum fünf Tage nach der Einführung des Gesetzes wurde ein Gast mit Kippe im Mund von einer Polizeikontrolle mit einem Bußgeld verwarnt. Er sollte 68 Euro bezahlen, die schlussendlich vom Inhaber übernommen wurden. Dieser schuldet der Justiz nun 2300 Euro, davon 750 Euro für das fehlende Nichtraucher-Logo am Eingang. Um diese Summe zahlen zu können, möchte er nun seine Bilder und Kunstwerke verkaufen. Die Ironie des Ganzen: ein Käufer hat bereits Interesse bekundet und will Cédat zwei Bilder abkaufen, eines für seine Praxis, das andere für zu Hause. Es handelt sich um einen Lungenarzt.