Kunst aus Slowenien: Die Vaginas von Eclipse, "die an den Dingen unserer Zeit nagen"

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010

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Das anonyme Künstlerkollektiv benutzt alles, vom Schweinekopf bis hin zu Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg, um ihre sozialkritische Botschaft unters Volk zu bringen. Vor zehn Jahren haben sie sich zusammen geschlossen. Nun haben die beiden Frauen aus Ljubljana gerade ihre neue Ausstellung fertig gestellt 10 - Of Blasphemy We Are Guilty.
Im Interview sprechen wir über Nacktheit, Kitsch und ihre polizeiliche Befragung wegen Beleidigung der katholischen Kirche.

Eclipse - so nennen sich zwei Frauen Anfang dreißig, die ich an einem Wintertag in Ljubjlana treffe. Es ist gerade warm genug, um draußen zu sitzen und Kaffee unter den Bäumen eines angesagten Cafés im französischen Stil am Rande des Stadtzentrums zu trinken. Fröhliche Leute, in frischen Farben gekleidet, umgeben uns. Die Gruppe benutzt nie ihre wirklichen Namen. Dafür aber tragen ihre Arbeiten eine unmissverständliche Unterschrift. „Die Herangehensweise an unsere Arbeit war immer klar - ernste Themen, mit Humor aufgegriffen.“ Als die beiden das erste Mal 1999 zusammen arbeiteten, waren sie in ihrem letzten Studienjahr an der Hochschule für Bildende Künste und Design in Ljubljana. Aus einem Uni-Projekt, das auf dem Dachboden begann, wurde eine Foto-Session, die schließlich ein halbes Jahr dauerte. „Es war einfach lustig alles umzusetzen, woran wir auch nur dachten.“

Krieg und Frühstück im Gras

Januar 2001Ihre erste Ausstellung nannten sie Breakfast on the Grass, in Anlehnung an das Bild von Édouard Manet aus dem Jahr 1863. Die Serie bestehend aus 300 Farbfotografien und wurde auf einem Rasen präsentiert, umgeben von einer Pornoszenerie. „Wir verwendeten Kopf und Beine eines Schweins, Fastfood von McDonalds, Würstchen und Pommes und eine geöffnete Scheide, die bildlich gesprochen an Dingen der modernen Zeit „nagt“: wir waren sehr explizit. Einige waren schockiert, andere fasziniert. Das ist immer so. Entweder mögen die Leute das, was wir machen oder sie hassen es - dazwischen gibt es nichts.“ Die Kritiker sind sich heute einig über die außerordentliche Qualität ihres Debüts, das eines ihrer radikalsten und überzeugendsten Projekte bleibt. 2001 gewann Eclipse den Slowenischen Preis „Goldener Vogel“ (Zlata ptica) für seine innovative künstlerische Leistung. Daraufhin zeigten sie ihre Arbeit von Sarajevo bis Brüssel und stellten sie in Kroatien, Österreich und der Schweiz aus.

„Was wir mit unserer Arbeit ausdrücken, war immer eine Form sozialer Kritik“, erklären die Frauen. Im Jahr 2004 veröffentlichte Eclipse Pax Slovenica, ein gewagtes Projekt, das die Geschichte Sloweniens und Gewalttaten, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begangen wurden, thematisiert. Die Tötung Slowenischer Nazi-Anhänger und die anhaltenden Kontroversen um ihr Begräbnis und Gedenken inspirierten sie zu der Arbeit. „Wir vereinten zwei Fotografien in Folie und umrahmten diese mit Teilen von Schusswaffen, die an ehemaligen Kriegsschauplätzen gefunden wurden. Der Betrachter sieht gleichzeitig zwei Fotografien aus zwei verschiedenen Blickwinkeln“, erklären sie. Ein Bild zeigt eine weiße Frau, die Geschlechtsverkehr mit einem roten Skelett auf einer Gedenkstätte hat; das andere Bild zeigt die Frau in Rot und das Skelett in Weiß, auf der „anderen“ Gedenkstätte, für die „anderen“ Opfer. „Die Farben sind klare politische Definitionen für das Gute und das Böse. Weiß steht für die Nazi-Kollaborateure, Rot für (Diktator) Titos Anhänger. Pax Slovenica war eine Antwort auf die vorherrschende politische Realität, nämlich auf den damals offensiven politischen Populismus. Eclipse versöhnt die kontroversen Parteien im Ultimativen - im Akt der Liebe.

(R) Pax Slovenica, Januar 2004

Joystick Religion

Die Geistlichen hielten nach unserer Performance Reinigungs-zeremonien in Ptuj ab.

Im selben Jahr präsentierte Eclipse Spectrum Magenta, eine Performance, bei der eine Frau einen Computer verführt: „Kann ein Computerspiel ein orgasmisches Finale bieten?“ lautet die herausfordernde Frage, die die Frauen mit einem Lächeln stellen. Doch die kontroversesten und sensibelsten Themen, die sie anpacken, sind immer noch religiöse Normen, erklären sie. Diese waren Thema bei You Shall Have No Other Gods Before Me (2001) und der Performance aus dem Jahr 2007 11(In Emotion We Break), in der sie die Beichte über ihr Sexleben ablegen. Ein Teil der Performance fand im Beichtstuhl der Kirche der Heiligen Maria, der Patronin von Ptuj, der ältesten slowenischen Stadt, statt. „Die Geistlichen hielten danach Reinigungszeremonien in Ptuj ab. „Später verurteilte uns der Erzbischof von Maribor sogar, religiöse Prinzipien verletzt zu haben. Wir wurden von der Polizei zur Befragung vorgeladen, da die katholische Kirche befürchtete, wir wollten unsere ‘Tat‚ jährlich wiederholen. Es war zwar absurd, aber zugleich sehr ernst. Einige Dinge, die die Leute über uns schrieben und sagten, waren in der Tat beängstigend.“

Hier: Ausstellung in Belgrad, 2007

Die Frauen erklären nun sehr ernst. „Sehen sie, wir entsprechen nicht den Normen. Wir als Individuen werden kritisiert. 95% der zeitgenössischen Kunst akzeptiert die vorherrschenden Normen. Wir nicht, daher mussten wir zumeist im Verborgenen, unter unmöglichen Arbeitsbedingungen arbeiten. Doch haben wir Einiges erreicht und dafür lohnt es sich. Denn wir lehnen es ab, die Bedingungen, in denen wir leben, zu akzeptieren. Wir sagen: Wir können was bewirken! Seht! Wir können erfolgreich sein. Wir verfolgen unseren eigenen Weg, um etwas zu erreichen und wir hoffen, dass es zu so vielen Menschen wie nur möglich vordringt und diese berührt.“

Frauen spielen mit ihrer Nacktheit. Denn Zartheit und Unschuld sind nur Oberfläche - ein Lockvogel. Die Arbeiten von Eclipse sollen vor allem ein Weckruf sein. Mit Hilfe von Freude und Schönheit kann man die andere Seite in uns, nämlich Hass und Angst darstellen. „Gemäß unseren Grundsätzen sehen wir uns selbst als ein Projekt, das sich selbst beendet“, sagen sie zum Ende entschlossen. „Wir hören auf, wenn es keine Themen, keine Inhalte mehr für uns gibt. Wir haben Eclipse nie als ein lebenslängliches Projekt verstanden. Wenn wir irgendwann denken, wir sollten uns in irgendeiner anderen Art und Weise ausdrücken, beginnen wir etwas Neues.“

Fotos: ©Eclipse