Kunst aus dem Kessel: Helsinkis Kaapeli

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2013

Kaapeli heisst die alte Kabelfabrik auf einer Halbinsel im Westen von Helsinki. Im 20. Jahrhundert stand hier noch ein großes Industrieviertel; nur die Schornsteine erinnern heute noch daran. Aus der Cable Factory ist inzwischen ein alternatives Zentrum für Kultur und Kunst geworden. 

1954 war Kaapeli nach seiner Fertigstellung das größte Gebäude Finnlands. 15 Jahre hat der Bau gedauert, mit Unterbrechung durch den Krieg Krieg. Allein 6 Prozent der Kriegsschulden konnten dank der Kabelproduktion an Russland zurückgezahlt werden. Die kreative Seele der Cable Factory wurde zweifellos erst durch den ersten Direktor, Werner Weckmann, freigelegt: Dieser war zunächst eigentlich eher Sportsfreund und kann sich sogar stolz doppelten Gold-Olympiasieger im Ringen nennen. Daher wollte er seinen Arbeitern Raum zum Sport treiben schaffen: Es entstand ein Boxring auf dem Dach.

Von Kautschukschuhen zu Kunst

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre hat noch eine weitere Firma in die Cable Factory investiert: Nokia. Die Kabelfabrik vereinigte sich mit der finnischen Elektrofirma, die zunächst einmal eher für seine Kautschukschuhe als für Handys bekannt wurde. Ende der 1980er wurde die Kabelproduktion in Kaapeli eingestellt; zur gleichen Zeit fehlten in Helsinki Orte für Kunst – Nokia begann, leere Räume an Künstler zu vermieten.  Als Nokia Kaapeli verließ und die letzten Arbeiter weggingen, sollte die Hälfte des Gebäudes eigentlich abgerissen werden, um Platz für Schulen und Hotels zu schaffen. Die Künstler protestierten gegen die Zerstörung dieses einzigartigen Ortes, der von so vielen Leuten der Kulturszene unterstützt und dem auch die Medien eine immense Aufmerksamkeit zuwendeten. Heute ist die Cable Factory zum größten kulturellen Zentrum Helsinkis geworden, ungefähr 250 Mieter gibt es inzwischen. Weil die nicht viel zahlen müssen und die Lage außerdem sehr zentral ist (nur zwei U-Bahn-Stationen von der Stadtmitte entfernt), sind die Räume sehr beliebt.

Der Kunstkessel 

Man kann Kaapeli also mit einem großen Kessel vergleichen, in dem sich sämtliche kulturelle und künstlerische Initiativen vermischen: drei Museen, Tanz- und Theaterräume und Ateliers. Jedes Jahr organisiert ein Mieter eine Party, die sogenannte ‚Recycling Factory‘: „Diese Initiative ist vollkommen im Sinne von Kaapeli: Auch dieses Gebäude wurde ja recycelt“, bestätigt Anni Syrjänen, Verantwortliche im kaapeli’schen Kommunikationsbereich, während sie mich in der Fabrik herumführt.  Im Inneren des Backsteinriesen regiert ein künstlerisches Chaos: Man kann sich sehr leicht verirren in den Gängen – alle führen in eine andere Richtung. Hinter jeder Tür versteckt sich etwas Neues.

Hinter einer kann man also einen Raum finden, der für Recycling bestimmt ist. Hier kann jeder Einwohner Dinge lassen, die er nicht mehr braucht: Kleidung, Spielzeug oder Elektroware. „Oder er versucht einen warmen Pulli zu finden“, so Anni. Auch einen Platz zum Relaxen oder zum traditionellen Bohnensuppenessen. Um auf das Dach zu kommen, muss man aus Sicherheitsgründen leider Einwohner sein. Dort oben kümmert sich jemand um den Kräutergarten. Außerdem in Planung: eine Sauna. Denn in Finnland braucht jedes Gebäude, das was auf sich hält, einen „heiligen Ort“ - eine Sauna also.

Das Alter der jüngsten finnischen Architekten? Vier.

Aber außer den Saunen ist Finnland auch noch für andere Dinge berühmt: Design und gute Architektur. Nach einem Besuch der Arkki, versteht man, wieso: Arkki ist eine Architekturschule für Kinder und Jugendliche. In Finnland kann man die Grundlagen der Architektur schon als Vierjähriger lernen - wie in anderen Ländern beispielsweise der Musik- oder Tanzunterricht außerhalb der Schule, wird in Finnland die Architektur vom Staat unterstützt.  Arkki ist ein Familienunternehmen: Vor 20 Jahren hat Phila Meskanen es zusammen mit ihrer Mutter und einer Freundin gegründet. Jenny, eine schlanke Blonde, ist für die ersten Kurse in diesem Schuljahr verantwortlich. In ihrer Gruppe gibt es vor allem Jungs. Die Siebenjährigen haben alle lange Haare, das scheint wohl der letzte Schrei in der finnischen Kinder-Modewelt zu sein. Konzentriert bauen die Kleinen bunte dreieckige Dächer und quadratische Häuser aus Streichhölzern – in 3D. Die Jüngsten sind gerade erst vier. Sie lernen, wie Formen, Farben und Licht in der Architektur zusammenspielen. Im finnischen Bildungsprogramm steht dazu, dass es nicht darum ginge, zukünftige Architekten heranzuziehen, sondern ihnen eher beizubringen, ihre Umwelt dadurch besser wahrzunehmen.

Das Tanzhaus

Nicht ohne Grund wurde Kaapeli als das „Tanzhaus schlechthin“ bezeichnet. Die Improvisationsgruppe Contact ist eine der faszinierendsten Formationen, die man dort entdecken kann. Die Improvisation basiert auf einer ständigen Interaktion mit den Anderen – und das in einem Land, in dem der physische Kontakt eher tabu und die Privatsphäre so groß wie sonst nirgendwo ist. „Vor sechs Jahren habe ich hier zum ersten Mal den Tanzkurs besucht: das war, als würde ich endlich von der Arbeit nach Hause kommen. Hier leben Leute, die keine Angst vor körperlicher Nähe haben“, erklärt Jouni, ein großer Braunhaariger, Professor für ethnischen Tanz.  Jouni hat Riikka mitgebracht, sie ist Pfarrerin. Sie ist erst zum dritten Mal hier und hat große Angst: „Es ist nicht leicht, jemanden anzufassen, den man überhaupt nicht kennt. Dafür braucht man Mut“, gesteht sie. Nicht nur der körperliche Kontakt sei für die Finnen eine Herausforderung, auch die Improvisation. Sie seien eher daran gewöhnt, das zu tun, was man ihnen sagt. Hier ist nur die Zeit die einzige Grenze. Drei Stunden rollen sich die Tänzer auf dem Boden, sie summen, sie fassen sich an. 

Am Ende sprechen sie darüber, was passiert ist. Eine Frau, die trotz ihren schon angegrauten Haaren sehr jung aussieht, wirkt, als wolle sie etwas sagen. Anstatt dessen laufen ihr die Tränen über die Wangen.  Aber nicht nur Contact zieht den Besucher an, auch ganz Kaapeli. Bevor Jouni hierher zum Tanzen kam, war er noch nie in der Cable Factory. Von nun an geht er oft ins Museum oder zu Aufführungen. In der Vergangenheit hat Kaapeli Kabel produziert, um Menschen zu verbinden. Heute, am gleichen Ort, verkabelt Kunst und Kultur die Menschen. 

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel-Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.