Kroatien: Refugees Reloaded

Artikel veröffentlicht am 1. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 1. Juni 2016

Während der Balkankriege sammelten sich tausende kroatische Flüchtlinge an der kroatisch-serbischen Grenze. Heute ist das Gebiet immer noch ein wichtiger Hotspot der EU-Flüchtlingskrise: Tausende Syrer, die vor den Unruhen im Mittleren Osten fliehen, passieren das Lager von Slavonski Brod. Dort hilft ihnen die ehemalige bosnische Geflüchtete Lorena Franjkić auf ihrer Reise in ein neues Leben.

Lorena Franjkić lehnt sich über einen Zaun und lässt eine Plastiktüte auf die andere Seite baumeln. Ein vier oder fünf Jahre altes Mädchen steckt sofort seinen Kopf hinein und wühlt sich durch den Inhalt. Als Lorena sich weiter herunterbeugt, um die Tüte für das Kind leichter erreichbar zu machen, wird eine Inschrift auf ihrer leuchtend orangefarbenen Weste sichtbar: „Welcome“, Willkommen.

Das Mädchen taucht aus der Tüte auf. Es begutachtet den Stoffaffen, den es herausgefischt hat, runzelt die Stirn, wirft ihn wieder hinein und verschwindet erneut in der Tüte. Nach kurzer Aufregung taucht aus der Tüte eine Hand auf, eine Puppe haltend, gefolgt von dem Mädchen, lächelnd. Lorena lächelt ebenfalls. Sie stellt keine Fragen. Als wäre es völlig normal, dass bei minus einem Grad in einem weißen Zelt, an einem Ort, von dem die Eltern des Mädchens vor einer Stunde noch nicht einmal wussten, ein kleines Wesen ein Spielzeug aus einer Mülltüte aussucht.

„Hani“, sagt das Mädchen, glücklich auf die Puppe in pinker Kleidung zeigend. Andere Kinder kommen näher, greifen in die Tüte, nehmen Teddybären, Plastikkrokodile, Samtaffen heraus. Das Mädchen taucht mit einer anderen Puppe wieder auf. „Wer ist das?“, fragt Sandra auf Arabisch. Sandras Vater ist Syrer, ihre Mutter Kroatin. Sie hilft den Flüchtlingen, seit sie selbst aus Aleppo nach Kroatien geflohen ist. „Hanis Mama“, antwortet das Mädchen, während ihre Mutter sie warnt, dass sie sich zwischen Hani und ihrer Mutter entscheiden müsse, weil sie ihren Weg nicht mit zwei Puppen fortsetzen könnten. „Ich kümmere mich um sie“, ruft das Mädchen aus und drückt die Puppe fest an sich.

Nur ein kurzer Halt

Das Mädchen gehört zu den 850 Flüchtlingen, die am Nachmittag des 25. Januar 2016 mit der Bahn im Durchgangs-Flüchtlingslager in Slavonski Brod angekommen sind, eine kleine Stadt an der kroatischen Grenze zu Bosnien und Herzegowina. Es ist die Grenze zwischen der EU und den anderen europäischen Ländern. Die Flüchtlinge reisen von Serbien aus mit der Bahn und machen Halt in Slavonski Brod. Dort werden sie von der Polizei erfasst, bevor sie ihren Weg in der Bahn fortsetzen, erst nach Slowenien, und dann weiter, tiefer hinein nach Europa.

Slavonski Brod ist nur ein kurzer Halt auf ihrer Reise. Das für das Lager zuständige kroatische Innenministerium gibt ihnen nicht viel Zeit, sich von ihrer langen und ermüdenden Reise zu erholen. Trotzdem sagen die Flüchtlinge, es sei das am besten organisierte Lager auf der Balkan-Route. Lorena verteilt Kleidung von einem vorsortierten Haufen. Ein junger Mann bittet sie um warme Schuhe. Männerschuhe sind sehr begehrt, deshalb gibt es davon immer zu wenige; Lorena muss sich über den Zaun beugen, um einschätzen zu können, ob er wirklich ein neues Paar Schuhe braucht.

Es fühlt sich nicht richtig an, wenn sie dazu gezwungen ist, über die Bedürfnisse anderer Menschen zu urteilen, aber sie hat keine Wahl: Es könnte sein, dass jemand auftaucht, der diese Schuhe wirklich braucht, und dann hat sie keine mehr übrig. Lorenas Arbeit besteht manchmal aus schwierigen Entscheidungen, weil sie nicht allen helfen kann, die Hilfe brauchen. Aber die Zufriedenheit überwiegt. Da sind die lächelnden Kindergesichter, Flüchtlinge, die ihre Daumen heben und „Sehr toll!“ rufen, und Nachrichten von denen, die schließlich ihren Bestimmungsort erreicht haben. Lorena ist eine Freiwillige, die jenen Flüchtlingen hilft, für die Kroatien zu einer Station auf ihrem Weg entlang der Balkan-Route geworden ist.

Von der Geflüchteten zur Helferin

Während sie die Kinder beobachtet, kann Lorena nicht anders, als sich zu erinnern - daran, als sie nicht nur im gleichen Alter, sondern in der gleichen Situation war. Sie erinnert sich an die Panzer und an die Uniformen der UNO-Friedenstruppen, und an den Moment, als sie die besetzte Stadt verließ, in der sie in Bosnien und Herzegowina lebte. Es war 1994, sie kaum vier Jahre alt. Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem Flüchtlings-Bus davon, nach Deutschland. Ihr Vater blieb und kämpfte im Krieg. Sie erinnert sich an die Spielzeuge, die sie bekam, besonders an einen Affen, den sie mitnahm, wohin auch immer sie ging, und an einen weißen Clown, der noch heute auf ihrem Schreibtisch sitzt. „Das Einzige, was meine Eltern jemals über den Krieg sagen, ist: ‚Möge er niemals wieder passieren‘. Erst jetzt, wenn ich diese Menschen sehe, realisiere ich, wie schwierig es für sie gewesen sein muss, und dass sie wahrscheinlich deshalb nie darüber reden“, sagt Lorena. 1997 kehrten sie aus Deutschland zurück und ließen sich in Kroatien nieder, in einer kleinen dalmatinischen Stadt.

In den frühen 1990ern nahm Kroatien ungefähr 650.000 Flüchtlinge auf, hauptsächlich aus den besetzten kroatischen Gebieten, aber auch aus Bosnien und Herzegowina. Etwa zur selben Zeit flohen um die 150.000 Menschen aus Kroatien. Zweieinhalb Jahrzehnte später steht Kroatien vor einer neuen Flüchtlingswelle: „Wäre ich während des Krieges älter gewesen, wäre ich eine Friedensaktivistin gewesen. Als diese humanitäre Krise angefangen hat, wusste ich, dass ich helfen muss, weil wieder menschliche Leben auf dem Spiel stehen. Ich spürte, dass ich dieses Mal etwas tun konnte.“

Als Ungarn im September 2015 seine Grenze zu Serbien dicht machte, hatten Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten nur eine Option: Auf ihrem Weg nach Europa Kroatien zu durchqueren. Also begannen Mitte September tausende von Menschen, nach Kroatien einzureisen - über die Felder in Dörfern, entlang der serbischen Grenze, wo die Bevölkerung ähnliche Erinnerungen an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat, weil dieses Gebiet von den serbischen Kräften besetzt war.

„Kroatien ist mein Kampfgebiet“

Wieder sehen wir hunderte erschöpfte und hoffnungslose Menschen, die mit Plastiktüten in ihren Händen liefen. In Dörfern entlang der Grenze kamen die ehemaligen Flüchtlinge heraus, um den aktuellen entgegen zu gehen, sie brachten ihnen Wasserflaschen und die Kleidung ihrer Kinder, während die Frauen ihnen Süßigkeiten anboten und freiwillige Helfer Hotspots einrichteten, wo Flüchtlinge ihre Handys aufladen konnten. „Als wir unsere Heimat verlassen mussten, waren wir auch auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Deshalb fühlen wir mit diesen Menschen, die gerade fliehen“, sagt eine Frau aus Tovarnik, dem grenznahesten Dorf.

Seit Beginn der Migrationskrise bis zu dem Moment, wo Lorena sich aufmacht, den Flüchtlingen in Slavonski Brod zu helfen, sind 650.000 Flüchtlinge nach Kroatien eingereist. Inzwischen haben fast alle von ihnen Kroatien wieder verlassen. Kroatien ist kein Land, in dem sie bereitwillig bleiben würden. Slavonski Brod ist nun der einzige Ort in Kroatien, an dem Flüchtlingen ankommen. „Alle wollen nach Deutschland. Es ist wie dieser Witz, wo ein Kroate einen Bosnier fragt, was er tun würde, wenn der Weltuntergang naht, und der Bosnier antwortet: ‚Ich würde meine Frau und meine Kinder packen und nach Deutschland abhauen‘ “, erzählt ein Freiwilliger in Slavonski Brod. 

Kroatien ist auch kein Land, in dem junge Menschen wie Lorena gerne bleiben würden. Aufgrund seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit ist Kroatien unter den EU-Ländern mit der höchsten Arbeitslosenquote (an dritter Stelle nach Spanien und Griechenland) und ganze 85 Prozent der jungen Menschen haben überlegt, auszuwandern. Die Generationen, die in einer von den Traumata des Krieges geschädigten und vom mageren Wirtschaftswachstum verkrüppelten Gesellschaft aufgewachsen sind, stecken nun in einer anhaltenden Wirtschaftskrise mit wachsenden sozialen Ungleichheiten fest. Viele von Lorenas Freunden studieren im Ausland, genau wie sie - nach Slavonski Brod ist sie vom tschechischen Brno aus gereist, wo sie in einem Soziologie-Programm immatrikuliert ist. Sie plant, ihr Studium im Ausland fortzusetzen, aber danach würde sie gerne nach Kroatien zurückkehren. „Ich habe ein Semester in Finnland verbracht und es ist einfach, in so einem geregelten Land ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber ich fühle mich verantwortlich, etwas zu meiner eigenen Gemeinschaft beizutragen. Kroatien ist mein Kampfgebiet“, sagt sie.

Aufwachsen im ethnisch und religiös homogenen Kroatien

Wir fahren zurück nach Zagreb, Lorenas fünftägige Freiwilligen-Schicht ist vorbei. Dabei hören wir Nachrichten: Eine neue, rechte Regierung hat den Platz der vorherigen, linksgerichteten Regierung in Kroatien eingenommen. Lorena befürchtet, dass eine der ersten Entscheidungen der neuen Regierung darin bestehen wird, die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen. Sie hat Angst davor, dass Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit an Boden gewinnen. Die Wahlkampagne der neuen Regierung spielte eine Karte, die den ideologischen Graben in der Gesellschaft verbreiterte. „Junge Leute in meinem Alter sind traditioneller und engstirniger als die Vorkriegs-Generationen. Sie sind in einem ethnisch und religiös homogenen Kroatien aufgewachsen, wo sie sich nicht an Menschen gewöhnt haben, die anders sind als sie“, sagt Lorena. Sie hat noch hunderte von Kilometer vor sich, bevor sie Brno erreicht - dort, wo der kleine Clown auf sie wartet, der sie in den letzten 20 Jahren getröstet hat, seit sie ein Flüchtling in Deutschland war. Schon bald wird sie nach Slavonski Brod zurückkehren, um abermals die neuen Flüchtlinge zu „begrüßen“, die nach Europa kommen.

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Text: Barbara Matejčić

Fotos: Matic Zorman

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25 Jahre nach Ausbruch der Balkankriege will Balkans & Beyond originelle Geschichten erzählen und Gesichter der jungen Generation aus Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Serbien und Montenegro zeigen, eine Generation, die bereit ist zu vergeben aber nicht zu vergessen. Das Projekt wird von der Allianz Kulturstiftung und cafébabel Berlin getragen.