Kristina Lunz: „Frauen tauchen meistens nur als Sexobjekte auf“

Artikel veröffentlicht am 8. März 2016
Artikel veröffentlicht am 8. März 2016

Millionen Menschen lesen täglich Deutschlands größtes Boulevardblatt BILD – und lernen dabei, dass Frauen nicht mehr sind als Bauch, Beine, Po. Kristina Lunz will diesen Sexismus nicht länger hinnehmen: Mit StopBildSexism hat sie ihre eigene Anti-BILD-Kampagne ins Leben gerufen.

Draußen ist es klirrend kalt, ein typischer Berliner Wintertag. Durch das Fenster des Cafés fällt der Blick auf ein Hochhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite: der Sitz des Axel-Springer-Medienimperiums. Und gegen dieses Medienimperium, genauer gesagt, gegen sein bekanntestes Produkt, kämpft Kristina Lunz. „Ich bin unbekümmert aufgewachsen und hatte nicht das Gefühl, als Mädchen benachteiligt zu werden“, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrer Spezi. Dann grinst sie: „Ich war allerdings schon immer sehr vorlaut.“

Vorlaut muss sie auch sein, denn die 26-jährige Oxford-Absolventin ist innerhalb kürzester Zeit zu einer der bekanntesten Aktivistinnen Deutschlands geworden: Ihre Petition Zeigt allen Respekt – Schluss mit Sexismus in der BILD wurde bereits über 37.900 Mal unterzeichnet, viele Medien haben schon über die Kampagne StopBildSexism berichtet. Wie aber wurde aus der unbekümmerten Kristina eine selbstbewusste Kämpferin gegen BILD, das größte deutsche Boulevard-Blatt mit einer Auflage von 1,87 Millionen?

Petition gegen die BILD

Zum ersten Mal wirklich aufgehorcht hat Kristina Anfang 2013, als ein #aufschrei durch Deutschland ging und Alltagssexismus plötzlich überall Thema Nr. 1 war. „Davor hatte ich mir über diese Themen ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken gemacht“, gibt Kristina zu. Durch ihr Studium der Global Governance und Diplomacy in London stolperte sie dann immer wieder über das Thema Frauenrechte. Sie lernte nach und nach, wie Medien funktionieren, welche Wirkung sie haben - und wie man politische Kampagnen medial nutzen kann. Das vage Gefühl, welches Kristina seit #aufschrei immer wieder beschlich, wurde zur Gewissheit: „Irgendwas passt da nicht. Frauen erleiden weltweit so viel Gewalt, in den Medien tauchen sie aber meist nur als Sexobjekte auf. Man muss sich bewusst machen, dass diese Art der Darstellung eine Wirkung hat.“

Der letzte Anstoß kam bei einem Besuch in ihrer deutschen Heimat. Kristina erspähte an der Tankstelle die BILD – Schlagzeile: BILD sucht den tollsten TV-Busen!“. Für Kristina war nun klar: Es muss was passieren. Nur: Was? Kristina lacht: „Ich hatte von absolut nichts eine Ahnung! Aber ich kannte aus England die Kampagne Nomore Page 3[eine Kampagne, die sich gegen die Abbildung von halbnackten Frauen auf Seite 3 der Boulevardzeitung Sun richtete, Anm. d. Red.] und dachte, das müsste man auch in Deutschland machen.“ Also tippte Kristina den Text für eine Petition gegen die BILD, genauer gegen das stets junge und entblößte BILD-Girl. Dann ging alles ganz schnell. Große Medien berichteten über StopBildSexism, selbst der damalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann reagierte. Kristina zieht eine Grimasse: „Er hat sich natürlich gnadenlose über mich lustig gemacht. Ich meine, ich hatte gerade mal 11 Follower auf Twitter!“

„Du musst nur mal richtig durchgenommen werden!“

Doch trotz weniger Follower, einer „furchtbaren Webseite“ und dem Learning-by-doing-Ansatz sammelte die Petition in drei Tagen 8000 Unterschriften. Kristinas Postfach füllte sich mit bösen Mails: „Geh‘ zum Psychiater!“ oder „Du musst nur mal richtig durchgenommen werden!“. Mit so viel Hass hatte Kristina nicht gerechnet: „Dass jemand die Petition blöd findet, okay. Aber dass so viele Menschen mich persönlich angreifen, mein Aussehen kommentieren – irgendwann habe ich nur noch geheult.“

#ByeByeKai

Kristina zuckt die Achseln. Heute kann sie mit solchen Nachrichten besser umgehen, auch weil sie mittlerweile ein StopBildSexism-Team von 19 engagierten Unterstützern und Unterstützerinnen um sich versammelt hat. Manche davon leben wie Kristina in London, andere zum Beispiel in Berlin. Zusammen machen sie Stimmung gegen den allgegenwärtigen Sexismus in der BILD-Zeitung – lautstark und hartnäckig. Denn dieser Sexismus, davon ist Kristina überzeugt, vermittelt der Leserschaft, es sei normal, Frauen auf ihre Sexualität und ihr Aussehen zu reduzieren. Und dies trage zu Alltagssexismus und mangelndem Respekt gegenüber Frauen bei.

Erstes Etappenziel: Abschaffung des BILD-Girls

StopBildSexism hat u.a. schon einen offenen Brief an nun Ex-BILD-Chefredakteur Kai Diekmann geschrieben und einen runden Tisch zum Thema Sexismus in den Medien organisiert. Erstes Etappenziel ist und bleibt die Abschaffung des BILD-Girls. „Das ist schon ganz schön ambitioniert“, gibt Kristina zu, „aber irgendwo muss man ja mal anfangen.“Kristina verabschiedet sich, sie hat noch einen Termin gegenüber, auf der anderen Straßenseite: bei BILD. Die BILD-Männerwürden sie nicht ernst nehmen, sagt Kristina. Aber bei der Chefredakteurin der BILD am Sonntag und BILD-Redakteurinnen sei das anders. Fazit: Ein bisschen Vorlautsein schadet beim Kampf gegen medialen Sexismus nicht. 

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MindTheGap präsentiert #Sheroes, eine Porträtserie über junge Menschen in Europa, die sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung stark machen.