Krisen-Parabel: Von Griechenland, das auszog das Sparen zu lernen

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages beschloss der jüngere, die Familie zu verlassen und bat den Vater um seinen Teil des Erbes. Doch auf seiner Reise verprasst er das Geld und muss reuemütig zum Vater zurückkehren. Kommt euch diese Geschichte bekannt vor? Griechenlands Krise – eine Parabel.

Manchmal ist das Leben an Ironie nicht zu überbieten. Der letzte Sonntag, an dem das griechische Parlament über das EU-Hilfspaket abstimmte, war kein gewöhnlicher Tag. Sondern ein orthodoxer Feiertag, genannt der „Sonntag des verlorenen Sohnes“. In dieser biblischen Geschichte kehrt ein verschwenderischer Sohn reumütig zu seinem Vater zurück. Doch ihn erwartet keine Schelte: Der Vater ist froh seinen Sohn wiederzuhaben und veranstaltet zu seinen Ehren ein rauschendes Fest.

Keine Gnade für den Sündiger?

Die Geschichte vom verschwenderischen Sohn, der zu seiner Familie zurückfindet, könnte aktueller nicht sein. Denn auch Griechenland wendet sich in der Not wieder an seinen Übervater: die Europäische Union. Doch Eltern sind nachsichtiger als Politiker. Sie wollten die Griechen nur retten, wenn deren Parlament im Gegenzug harte Reformen durchsetzt. Kürzung derMindestlöhne, Entlassung vieler Beamter – nur einige der Einschnitte, die das griechische Volk überstehen muss, um wieder ein Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen. Ob die Reformen das Land heilen oder endgültig in die Knie zwingen werden, weiß man noch nicht. Doch zweifellos beenden sie das Ende einer Ära: Die der Verschwendung und des süßen Lebens. 

Doch die Geschichte hat ein Happy-End – zumindest in der Bibel. Der 'verlorene Hellas' kehrt in die Arme seines Vaters zurück und tut Buße. Doch in der Wirklichkeit werden Sünden nicht so schnell verziehen. Ein Fest gibt es für die Griechen nicht – eher eine dürftige Henkersmahlzeit. Vater EU nutzt die Gelegenheit noch, um auch seinen zweiten Sohn zu warnen: „ Ihr seht, wie es Griechenland ergeht.”

Doch halt – enthält die biblische Parabel nicht einen Fehler? Das altgriechische Wort für “verloren” ist άσωτος (asotos) und bedeutet soviel wie “der, der nicht gerettet werden kann”. Von Rückkehr oder Festmahl ist nicht die Rede. Wird der verlorene Sohn am Ende doch nicht rehabilitiert? Gibt es keine Gnade für ihn, auch wenn er verspricht sein Leben zu ändern?

Wir haben einen Fehler gemacht – und das wissen wir

Wer die Geschichte zu Ende liest, versteht: Nicht der jüngere Sohn ist verloren. Es ist der ältere, der bei seinem Vater geblieben war. Denn er beneidet seinen Bruder, der nicht nur den Mut hatte, fortzugehen und seine Jugend in vollen Zügen zu genießen, sondern bei seiner Ankunft auch noch vom Vater verwöhnt wird. Während er, der immer an seiner Seite geblieben war, nicht einmal ein Essen für seine Freunde ausrichten durfte. Der ältere Bruder ist wütend und traurig und verlässt schließlich die Familie. Er ist es, den der Vater schließlich verliert. Natürlich hat Politik wenig mit Pastoralem zu tun. Aber ob Deutschland in unserer Parabel nun der Vater ist oder der älteste Sohn, wird sich noch herausstellen. 

Wer über das aktuelle griechische Drama urteilt, sollte zwei Dinge bedenken. Erstens schenken die 27 EU-Mitgliedsstaaten den Griechen nichts – sie leihen ihnen das Hilfspaket nur. Sie tun das, weil sie wissen, dass Griechenland zwar Fehler gemacht und schlecht gewirtschaftet hat – aber nichts anderes taten die anderen Euro-Länder auch. Der einzige Unterschied sind Griechenlands strukturelle Probleme, verstärkt durch die Wirtschaftskrise. Zweitens sind auch die anderen EU-Staaten mitverantwortlich für Griechenlands Untergang. Es waren die Auflagen der EU, die Griechenland in eine Rezession stürzten. Dass Athen trotzdem keine Reformen veranlassen würde, war Brüssel bekannt. Dasselbe Rezept wendet die EU nun erneut an – ohne die Konsequenzen zu bedenken. Denn mit gekürzte Renten und gestrichenen Gehältern kann man ein Land nicht aufbauen. Eine Nation verarmt – aber die Politik ist zufrieden.

Es gibt nicht nur das "faule Griechenland"

"Mit gekürzte Renten und gestrichenen Gehältern kann man ein Land nicht aufbauen"

Das “verlorene” Griechenland will dennoch Teil eines vereinten Europas bleiben. Die griechische Gesellschaft fühlt sich schuldig: Jeder weiß, dass er über seine Verhältnisse gelebt, sich und seine Partner betrogen hat. Aber neben dem “faulen Griechenland” gibt es auch eines, das an sich arbeitet und kämpft, um in der Euro-Zone zu bleiben. Nach 50 Jahren der Misswirtschaft will Griechenland sich bessern. Doch um das zu schaffen, müssen die Griechen glauben können, dass Europa ihnen wirklich helfen will. Dass es nicht um Strafe geht oder darum, sie zu erniedrigen. Andernfalls – das kann ich als Grieche sagen - ist es besser, uns aus der EU zu werfen, denn in solch einer Union wollen wir nicht sein.

Wie unser cafebabel.com Athen-Team die Krise analysiert, erfahry ihr in ihrem Blog 'frappebabel'

Foto: (cc)César Angel. Zaragoza/flickr