Kriselt Bruni-Sarkozy oder die französische Presse?

Artikel veröffentlicht am 12. März 2010
Artikel veröffentlicht am 12. März 2010
Das Twitter-Gerücht um die eventuellen Fremd-Liebeleien des französischen Präsidentenpaares hat besonders das Interesse europäischer Medien geweckt. Die französische Presse hielt sich ihrerseits eher bedeckt. Kann die europäische Information nationale Zensur-Praktiken entlarven?

Nur der Journal du Dimanche hatte es gewagt, das seit gut einer Woche über Twitter verbreitete Gerücht in seine Sonntagsausgabe zu übernehmen: Carla Bruni-Sarkozy, Topmodel und Präsidentengattin, hätte während eines gemeinsamen Thailand-Aufenthaltes mit dem französischen Musiker Benjamin Biolay geflirtet. Präsident Nicolas Sarkozy hätte seinerseits Trost bei Umwelt-Staatssekretärin Chantal Jouanno gesucht.

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Problematisch an dieser Affäre ist allerdings eher, dass das Wochenblatt, welches Arnaud Lagardère, einem von Sarkozys "Vettern", gehört, sich autozensiert und den Artikel kurz nach der Erstveröffentlichung wieder von der Webseite genommen hat. Doch just in diesem Moment stieg die europäische Presse, angeführt vom britischen Daily Telegraph über die Tribune de Genève oder The Sun, in die Debatte ein. Die europäischen Medien scheren sich nicht die Bohne darum gerichtlich verfolgt zu werden, so wie es der Sprecher von Chantal Jouanno französischen Journalisten angedroht hatte.

Arnaud Lagardère, le propriétaire du JDD, est un ami reconnu de Nicolas SarkozyNun könnte man meinen, dass die Spekulationen über das Privatleben des Präsidenten den französischen Durchschnittsbürger, der außerdem gerade dabei sein sollte seinen Wahlzettel für die Regionalwahlen auszufüllen, eher kalt lasse. Und auch der Rest Europas mag sich nur wenig um die Irrungen und Wirrungen im Pariser Elysee-Palast kümmern. Warum sollte ein Italiener, der bereits in der Berichterstattung zu Silvio Berlusconis Sexseskapaden untergeht, sich nun auch noch für die hypothetischen Liebeleien seines französischen Kollegen interessieren?

Die Debatte zeigt jedoch ganz klar die Kluft zwischen dem Stillschweigen der französischen Referenzmedien und der Berichterstattung in den ausländischen Medien. Die französischen Zeitungen und Zeitschriften begründeten ihr Schweigen unter anderem damit, nicht an einem medial aufbereiteten Buzz teilnehmen beziehungsweise einer nicht verifizierbaren und unseriösen Information nicht zusätzlich Auftrieb verleihen zu wollen.

Für die Tribune de Genève ist die Sache jedoch glasklar: Das Stillschweigen der französischen Presse erkläre sich durch den Einfluss, „den Präsident Sarkozy auf die Pressebosse und Sender“ im Lande ausübe. Die Schweizer Tageszeitung sieht sogar „politische Konsequenzen“, wie beispielsweise die Abwesenheit des Präsidenten beim jährlichen Landwirtschaftssalon (Salon de l’Agriculture). In Genf werden demnach also Nachrichten auf der Basis von Tweets konstruiert. Problematisch? Immerhin können die europäischen Medien den Ball ins Rollen bringen, wenn im betroffenen Land Stillschweigen herrscht. Auch das nennt sich europäische Konstruktion!