Krise: Mehr Griechen suchen den Freitod

Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011
Demonstrationen und Proteste: Viele Griechen sträuben sich gegen das Sparprogramm, das schwere Einschnitte vorsieht. Immer mehr Menschen nehmen sich nun das Leben, weil sie angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten keinen Ausweg mehr sehen. Das Athener Gesundheitsministerium berichtet von einer Zunahme der Suizide um rund 40 Prozent.

Ein Bruder fand den Toten. Der 50-jährige Grieche hatte sich in der Scheune seines Landhauses aufgehängt, an der Straße zwischen den Ortschaften Anogia und Nida auf der Insel Kreta. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. Aber im Dorf Anogia heißt es, der Mann, Besitzer eines kleinen Handwerksbetriebes, sei in großen finanziellen Schwierigkeiten gewesen. Er hinterlässt eine Ehefrau und einen 22-jährigen Sohn.

Die Schuldenkrise und die tiefe Rezession treiben immer mehr Griechen in den Freitod. Seit Beginn der Krise sei die Zahl der Selbsttötungen deutlich angestiegen, wahrscheinlich um rund 40 Prozent, erklärte jetzt der griechische Gesundheitsminister Andreas Loverdos in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage.

Dabei ist in Griechenland die Selbstmordrate traditionell eher gering.

Dabei ist in Griechenland die Selbstmordrate traditionell eher gering. Die Griechen genießen offenbar das Leben. Nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO nehmen sich in Griechenland pro Jahr durchschnittlich nur 3,5 von 100.000 Einwohnern das Leben. Zum Vergleich: in Deutschland ist die Rate mit 11,9 mehr als dreimal so hoch.

Doch jetzt treibt die Krise immer mehr Griechen in die Verzweiflung. Die Arbeitslosenquote nähert sich den Rekordwerten der 1960er Jahre. Damals verließen Hunderttausende Griechen ihre Heimat, um sich als Gastarbeiter in Deutschland zu verdingen.

Die Perspektiven sind düster: Von den Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren finden zurzeit 42,5 Prozent keine Arbeit. Nach Angaben des Verbandes der griechischen Handelskammern geben jeden Monat etwa 4.000 Unternehmen und Einzelhandelsgeschäfte auf. Überwiegend handelt es sich um kleine Familienbetriebe. Und meist stehen diese Familien vor dem Nichts, wenn sie ihren Betrieb oder ihren Laden verlieren.

„Wenn ein Familienvater plötzlich seine Frau und seine Kinder nicht mehr ernähren kann, wenn er die Miete für die Wohnung oder die Rate für den Hypothekenkredit nicht mehr zahlen kann, bedeutet das eine enorme psychische Belastung“, sagt der Athener Psychiater Antonis Pavlopoulos.

Verzweifelte Menschen, die Selbstmordgedanken haben, aber Hilfe suchen, können in Griechenland die Nummer 1018 wählen. Die Nichtregierungsorganisation Klimaka (Strickleiter) versucht zu helfen. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres habe man etwa 2.500 Anrufe von hilfesuchenden Suizidkandidaten oder deren Angehörigen erhalten, sagt der wissenschaftliche Leiter der Organisation, Kyriakos Katsadoros – so viele wie im gesamten Vorjahr. Jeder vierte Anrufer nennt wirtschaftliche Sorgen als Grund für seine Suizidgedanken. Wie vielen Anrufern sie wirklich helfen können, wissen die Mitarbeiter von Klimaka nicht. Aber die gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelte Zahl der Hilferufe scheint die Schätzung des Gesundheitsminister Loverdos zu bestätigen, der von einem Anstieg der Selbstmorde um 40 Prozent ausgeht.

Genaue Zahlen gibt es nicht. Denn nicht immer nehmen sich Menschen so offensichtlich selbst das Leben wie der Handwerker, der sich auf Kreta erhängte. Viele Selbstmorde werden als Unfälle getarnt oder vertuscht – aus Scham der Angehörigen, und um dem Verstorbenen wenigstens ein würdiges Begräbnis zu geben. Denn viele griechisch-orthodoxe Priester verweigern Suizidopfern eine kirchliche Bestattung.

Der Autor dieses Artikels, Gerd Höhler, ist Mitglied des Korrespondenten-Netzwerks n-ost.

Fotos: Homepage (cc)@ikbendaf; Im text (cc) Nick in exsilioNick Thompson/ beide flickr