Krieg im Grünen – Besuch auf dem Flugplatz Gatow

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2012
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Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2012
von Christiane Lötsch Berliner Flughäfen liegen immer am Ende einer U- oder S-Bahnlinie und sind grundsätzlich nicht unter einer Stunde zu erreichen; das hat Sébastien im ersten Teil der Serie über Berliner Flughäfen bereits erkannt. Wo Gatow genau liegt, konnte ich auch als gebürtige Berlinerin nicht sagen. Irgendwo im Westen jedenfalls und zwar Jott Wee Dee (= Janz Weit Draußen).
Erst die BVG-Online-Anfrage half weiter: Am Ende der U7 und dann noch zwanzig Minuten Fahrt mit dem Bus über die Felder von Kladow.

IMG_0785.JPG Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Dass es in Gatow einen Flughafen gibt, hielt ich anfangs für einen Scherz, aber ein Freund bestätigte mir, dass, wenn man von Tegel startet und Richtung Süden fliegt, eine merkwürdig leere Fläche mitten im Nirgendwo zu sehen ist. In Berlin sieht man so manche Merkwürdigkeit, aber die knallharte Recherche ergab: Die Nationalsozialisten hatten den Flugplatz in Gatow 1935 erbaut; Hitler weihte ihn sogar persönlich ein und nutzte ihn regelmäßig für seine Flüge nach Berchtesgaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauschten die Russen den Flughafen gegen andere Gebiete mit den Briten, die dem Ort den klingenden und vollkommen übertriebenen Namen „Royal Airforce Gatow“ gaben. Während der Luftbrücke 1948 brachten die britischen Alliierten über Gatow bis zu tausend Tonnen Lebensmittel pro Tag in die Stadt. 1994 zogen die Alliierten aus Berlin ab – der Flugplatz wurde geschlossen.

IMG_0787.JPG Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Und heute? An einem klirrend kalten aber sonnigen Sonntagnachmittag haben sich viele Gatower aus den umliegenden neu gebauten Einfamilienhäusern aufgemacht und nutzen die breiten Rollbahnen zum Roller fahren, Inlinern und Skaten. Fehlen nur noch bunte Drachen, ein paar Picknicker und Fußballer und ich würde mich nicht anders als in Tempelhof fühlen. Aber nein, einen entscheidenden Unterschied gibt es. Auf den Landebahnen reihen sich idyllisch Roland-Raketen-Abwehrsysteme neben Kampfflugzeugen aller Art, die bei meinem (männlichen) Begleiter sofort Kindheitsträume wahr werden lassen. Ihre geheimnisvollen Namen MIG, SUCHOI oder MIL-MI verweisen auf ihre russischen Herstellerfirmen. In Halle 7 zeigt das Luftwaffenmuseum der Bundeswehr ihre Geschichte von den Anfängen bis Heute, und ich frage mich, warum um alles in der Welt die Bundeswehr hier so viel Platz zur Selbstbeweihräucherung bekommt. Sogar ein Soldat in Uniform ist abkommandiert, dem geneigten Besucher Fragen zum „Massiven Vergeltungsschlag“ oder zum „Gleichgewicht des Schreckens“ zu beantworten.

IMG_0790.JPG Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Mir wird mulmig. Denn so niedlich die Helikopter, Jagdbomben und Raketenabwehrstationen in der Nachmittagssonne auch aussehen, so tödlich waren sie, als sie noch im Einsatz waren. Davon sieht man in den Ausstellungen jedoch nichts. Die Sonntagnachmittags-Idylle ist dahin.