Krieg, Architektur und fliegende Schnitzel

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2014

Mä­an­dern­de Ar­chi­tek­tur, Elek­tro­k­län­ge und fliegendes Fleisch auf Brot. Mit The Air­strip - Auf­bruch in die Mo­der­ne (2013) hat Heinz Emig­holz einen mehr als ei­gen­wil­li­gen Do­ku­men­tar­film vor­ge­legt. Wer ver­steck­te Erker und schie­fe Kan­ten mag, dem könn­te auch die­ser Film ge­fal­len. Eine Kri­tik von Mi­cha­el Kienzl

In den letz­ten Jah­ren wid­me­te sich Heinz Emig­holz ei­ni­gen gro­ßen Ar­chi­tek­ten der Mo­der­ne: Ru­dolph Schind­ler, Adolf Loos, Pier Luigi Nervi und zu­letzt den Brü­dern Per­ret. Auch wenn sich die Filme hier und da ein wenig un­ter­schei­den, fol­gen sie doch dem­sel­ben Kon­zept. In chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge wer­den Bau­wer­ke ana­ly­siert, indem ihre Kon­struk­ti­ons­prin­zi­pi­en und äs­the­ti­schen Ei­gen­hei­ten mit De­tail­auf­nah­men her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Dass die Welt durch die oft ge­kipp­ten Ein­stel­lun­gen aus den Fugen ge­ra­ten ist, kann man dabei als reine Spie­le­rei abtun oder als Mög­lich­keit auf­fas­sen, an­ders auf Ver­trau­tes zu bli­cken, sich nicht von rech­ten Win­keln lei­ten zu las­sen und Bau­merk­ma­le statt­des­sen erst in der Abs­trak­ti­on rich­tig be­grei­fen zu kön­nen. Ar­chi­tek­tur als Au­to­bio­gra­fie nennt das der Re­gis­seur und braucht für diese Sen­si­bi­li­sie­rung des Se­hens selbst­re­dend weder er­klä­ren­de Zwi­schen­ti­tel noch einen Voice-over.

ar­chi­tek­tur und flie­gen­de brot­schei­ben

Zwar in­sze­niert The Air­strip - Auf­bruch der Mo­der­ne, Teil III (2013) Ge­bäu­de auf ähn­li­che Weise und be­han­delt teil­wei­se sogar die­sel­ben Ar­chi­tek­ten, umso grö­ßer aber ist die Über­ra­schung, wenn Emig­holz dabei so­wohl in­halt­lich als auch for­mal immer wie­der in eine neue, un­er­war­te­te Rich­tung geht. Als Leit­mo­tiv des Films dient die Wech­sel­be­zie­hung zwi­schen Krieg und Ar­chi­tek­tur. The Air­strip knüpft eine As­so­zia­ti­ons­ket­te, die uns vom Hafen Mul­ber­ry – den die Al­li­ier­ten in der Nor­man­die er­rich­te­ten – bis zum Ber­li­ner Nep­tun­brun­nen ein­mal um den hal­ben Glo­bus führt. Und wenn dann zur Musik der deut­schen Elec­tro­ni­ca-Band Kreid­ler plötz­lich Fleisch­stü­cke und Brot­schei­ben durch einen Flug­ha­fen schwe­ben, traut man sei­nen Augen nicht.

Der Song "Ja­gu­ar" der deut­schen Elek­tro­ni­ca-Band Kreid­ler. 

Un­mit­tel­bar vor die­ser Szene hatte eine Frau­en­stim­me – Natja Brunck­horst, die sich einst als Chris­tia­ne F. durch die Dro­gen­höl­le schlug – noch ge­for­dert, man solle Musik in Do­ku­men­tar­fil­men ge­setz­lich ver­bie­ten las­sen. Ist das nun Iro­nie? Und wer spricht da über­haupt? Der Re­gis­seur selbst oder ver­schie­de­ne Quel­len, die durch die Stim­me einer Schau­spie­le­rin eins wer­den? Man soll­te sich keine Hoff­nun­gen ma­chen, auf diese Fra­gen eine Ant­wort zu be­kom­men. Über­haupt lässt sich die­ser in sei­ner sprö­den He­te­ro­ge­ni­tät an Emig­holzs Eine Serie von Ge­dan­ken (2011) er­in­nern­de Film am bes­ten ge­nie­ßen, wenn man zwar auf­merk­sam ist, sich aber nicht die ganze Zeit den Kopf dar­über zer­bricht, warum man das jetzt ei­gent­lich sieht.

Ge­schichts­lek­ti­on mit An­schau­ungs­ma­te­ri­al

Wäre The Air­strip ein Ge­bäu­de, es be­stün­de aus lau­ter ver­schie­de­nen, oft nicht mit­ein­an­der kom­pa­ti­blen Bau­ele­men­ten. Statt die ein­zel­nen Teile so lange zu be­ar­bei­ten, bis sie sich wi­der­stand­los in das Ge­sam­te ein­fü­gen, lässt Emig­holz sie in alle Rich­tun­gen her­aus­ra­gen, ohne dass das Ge­bäu­de dabei ein­stürzt. We­ni­ger wohl­wol­lend könn­te man auch sagen, hier be­trei­be je­mand Res­te­ver­wer­tung und habe le­dig­lich lie­gen­ge­blie­be­ne Auf­nah­men aus den letz­ten Jah­ren zu­sam­men­mon­tiert. Dabei würde man je­doch ver­ken­nen, wie gut die teils mehr, teils we­ni­ger nach­voll­zieh­ba­ren Ver­bin­dungs­li­ni­en durch den Film tra­gen. Mal sind es ähn­lich aus­se­hen­de Säu­len und Be­ton­rip­pen, die zwei Ge­bäu­de mit­ein­an­der ver­bin­den, mal ist es ihre Funk­ti­on als Tem­pel des Ka­pi­ta­lis­mus. Und da­zwi­schen dann eine wun­der­schö­ne Back­stein-Kir­che von Ela­dio Dies­te in Uru­gu­ay, die viel­leicht nur des­halb zu sehen ist, weil Emig­holz ge­ra­de in Süd­ame­ri­ka war. The Air­strip ist eine fil­mi­sche Re­fle­xi­on, die sich kei­ner stren­gen Dra­ma­tur­gie un­ter­ord­nen will.

Gegen Ende kommt es sogar zu einer völ­lig in sich ge­schlos­sen wir­ken­den Epi­so­de, in der Emig­holz auf die Ma­ria­nen-In­seln fährt, um sich an­zu­se­hen, wo die Ame­ri­ka­ner im Zwei­ten Welt­krieg ihre Atom­bom­ben ge­la­den haben. Aber auch hier, wo Bun­ker­rui­nen und Mahn­ma­le be­sucht wer­den, geht es nicht nur um den Krieg, um das, was er ge­schaf­fen und zer­stört hat, son­dern auch um selt­sa­me Re­lik­te, über die der Re­gis­seur an­schei­nend rein zu­fäl­lig ge­stol­pert ist. So wie ein ge­schmack­lo­ses Kauf­haus aus den 1980er Jah­ren, das sich die Natur lang­sam wie­der zu­rück­holt. Schön ist dabei, wie de­mo­kra­tisch Emig­holz sich sei­nen Ob­jek­ten wid­met. Dem zu groß ge­ra­te­nen Spiel­zeug­schloss nä­hert er sich schließ­lich mit der glei­chen Neu­gier und Aus­führ­lich­keit wie dem Pan­the­on in Rom.

Die­ser Ar­ti­kel ist am 09. Fe­bru­ar auf Ber­li­na­le im Dia­log, dem Ber­li­na­le-Blog von DFJW/OFAJ und critic.​de, er­schie­nen. Wäh­rend der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin ko­ope­rie­ren Ca­fe­ba­bel Ber­lin und Ber­li­na­le im Dia­log im Rah­men einer Me­di­en­part­ner­schaft.