Kreative Nachhaltigkeit: Berliner Tipps an Turin

Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2015
Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2015

Während seines Turin-Aufenthalts im Rahmen der 'Biennale Democrazia' haben wir Michael LaFond, den Leiter des Berliner Instituts für kreative Nachhaltigkeit, zu verschiedenen Wohn- und Stadtprojekten begleitet. Seine Eindrücke.

cafébabel: Michael LaFond, was versteht man unter „kreativer Nachhaltigkeit“?

Michael LaFond: Die kreative Nachhaltigkeit ist eine Idee, die weitgehend in Berlin entstanden ist, auch durch das Institut für kreative Nachhaltigkeit, mit der Vorstellung, dass eine nachhaltige Stadtentwicklung nicht mit den technologischen, sondern eher mit den kulturellen Lösungen beginnt. Also Nachhaltigkeit als kulturelle Frage oder Herausforderung. Durch die kreative Nachhaltigkeit können wir mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten, also der Frage nachgehen, wie sie leben, was sie wollen, was sie für Ängste oder Träume haben. Und das hat wiederum mit Beteiligungsmöglichkeiten zu tun.

cafébabelWelchen Eindruck haben Sie von Turin in Bezug auf kreative Nachhaltigkeit?

Michael LaFond: Turin hat meine Erwartungen an eine italienische Stadt erfüllt. Sie bietet Lebensqualitäten, die wir in Berlin oder Deutschland nicht genießen, wie das gute Essen, die Menschlichkeit sowie eine eher entspannte Lebensweise. Und gleichzeitig hat Turin, wie viele Städte, echte Schwierigkeiten mit der Beteiligung, d.h. die Demokratie ist anders oder nicht entwickelt und die Beteiligungsmöglichkeiten dementsprechend nicht so klar ersichtlich.

cafébabelWas könnte Turin Ihrer Meinung nach noch von Berlin lernen?

Michael LaFond: Turin könnte von Berlin eine bestimmte Flexibilität bezüglich der Stadtplanung oder -entwicklung lernen, d.h. informelle Strukturen besser wahr- oder ernst nehmen. Diese haben es Berlin in den letzten 25 Jahren, spätestens aber nach der Wende, ermöglicht, eine Vielfalt an Planungs- oder Entwicklungsmöglichkeiten auszubauen. Turin könnte sich von einigen Berliner Erfolgsgeschichten inspirieren lassen: Häuser wurden besetzt oder Gemeinschaftsgärten geschaffen, wo nichts war, und daraus sind super Projekte geworden. Ich glaube, die Menschen in dieser Stadt brauchen ein bisschen Motivation oder Inspiration, um zu merken: Es könnte sich lohnen, sich einzubringen oder ein bisschen Zeit zu „riskieren“.

cafébabelUnd andersherum betrachtet: Was könnte Berlin von Turin lernen?

Michael LaFond: (lacht) Berlin könnte von Turin zunächst auf der menschlichen Ebene einiges lernen. Was wir gerade heute erlebt haben, dass Leute überhaupt Zeit finden, entspannt bleiben und das Leben mehr genießen. In Berlin fehlt so etwas manchmal. Wir sind oft gehetzt und haben für Andere oder für Gäste zu wenig Zeit.

cafébabelWo liegen große, zukünftige Potenziale oder Chancen in Turin?

Michael LaFond: Ich würde viel Zeit und Energie in das Projekt „Cavallerizza“ investieren, weil Stadtentwicklung, kreative Nachhaltigkeit, Zukunftsvisionen und Gestaltungsmöglichkeiten bestimmte Räumlichkeiten benötigen. Menschen können sich viele Sachen ausdenken, im Café sitzen, quatschen und sagen: Wie wäre das? Aber es wird erst spannend, wenn Ideen sich verorten lassen. Und die Räumlichkeiten der „Cavallerizza“ sind wirklich fantastisch. Ich sehe, dass einige Leute in dieser Stadt einen Grundstein gelegt haben, aber auch, dass sie bis heute anscheinend keine klare Vision und keine Unterstützung von der Verwaltung haben und deswegen richtig kämpfen müssen. Ich würde empfehlen, dass sich die verschiedenen Interessengruppen und Initiativen, also die alternativen Gruppierungen, mit der Universität und der Stadtverwaltung koordiniert an einen runden Tisch setzen. Das könnte so ablaufen: Man trifft sich jeden Monat, egal wie lange es dauert, um sich einig zu werden. Das könnte wirklich viel für die Stadt bringen und vielen Leuten, also einer jüngeren Generation, Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Es könnte der Stadt sogar eine neue Identität geben.

cafébabelWie könnte man auf die Leute zugehen, oder auch auf die Stadtverwaltung, damit sie dieses Projekt weiter vorantreiben?

Michael LaFond: Ich sehe spontan zwei Sachen: Interessanterweise gibt es zwischen Turin und Berlin eine Kooperation (Torino incontra Berlino). Das könnte man weiter ausbauen, damit mehr Austausch zwischen den beiden Städten stattfindet und Berlin einige Erfolgsprojekte oder -geschichten nach Turin weitergeben kann. Aber das sind nur Informationen und Inspiration. Ich denke, hier in Turin braucht man, wie überall, eigene Erfolgserlebnisse, d.h. man muss nicht nur kämpfen, sondern einiges aufwenden und zunächst kleine Projekte umsetzen. Das kann, wie hier im Casa del Quartiere, eine kulturelle Initiative oder ein Gartenprojekt sein. Es gibt einige „Hardcore-Engagierte“, die Zeit investieren, alles riskieren und einfach kämpfen. Sie sind idealistisch, aber die Meisten brauchen bessere Chancen, müssen etwas sehen und gute Beispiele „anfassen“ können. Die Leute in Turin müssten einige Erfolgsgeschichten gemeinsam unterstützen.

Die besuchten Projekte: Casa del Quartiere, Cavallerizza, Studio 999 und ACMOS