Krawalle: Griechenland außer sich

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2008
In Athen hat ein Polizist einen 15-jährigen Randalierer erschossen, der mit Steinen auf einen Polizeiwagen geworfen haben soll. Nach den Todesschüssen kam es am Wochenende zu Ausschreitungen in zahlreichen griechischen Städten. Die europäische Presse analysiert die Ursachen der Gewalt und die Konsequenzen für die griechische Regierung.

„Verzweiflungsakt“ - Ta Nea, Griechenland

Die regierungskritische Tageszeitung Ta Nea sieht die Ausschreitungen als Ausdruck der Verzweiflung in der griechischen Gesellschaft: "Der Tod des Schülers war nur der Anlass. Er hat die Zündschnur für die große Explosion gelegt. Hinter der Explosion verbirgt sich eine komprimierte Verzweiflung. [...] Viele junge Menschen leben mit der unerträglichen Erfahrung, dass es keine Zukunft gibt, dass die Zukunft ein zugemauertes Fenster ist. Irgendwo dort lauert die blinde Gewalt. Die Bürger verschanzen sich in ihren Häusern und schauen am Fernsehbildschirm den Krieg an, der vor ihren Türen stattfindet. Das Internet durchbricht diese Isolierung. Dort erscheinen [...] verschiedenartige Ansichten, und was daraus folgt, ist ein Gleichgewicht des Schreckens. [...] Nicht die Gewalt, sondern die Verzweiflung scheint die Mutter unserer Geschichte zu sein."

(Artikel vom 8.12.2008, von Fotini Tsalikoglou)

©magicasland/flickr

„Regierung in Bedrängnis“ - Frankfurter Rundschau, Deutschland

Die Ausschreitungen in Griechenland könnten die griechische Regierung in Bedrängnis bringen, vermutet die Tageszeitung Frankfurter Rundschau. "Schießfreudigkeit konnte man der griechischen Polizei in den vergangenen Jahren eigentlich nicht vorwerfen. Gerade gegenüber den Autonomen, die alle paar Monate einen Anlass finden, das Athener Stadtzentrum mit Wurfgeschossen und Molotowcocktails unsicher zu machen, hat sie Langmut gezeigt. [...] Die defensive Polizeitaktik hat sich insofern bewährt, als bei den früheren Unruhen kein Mensch ernsthaft zu Schaden kam. Deshalb ist der Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel jetzt ein besonderer Schock.

©dklim/flickr

Dass es sich um einen tragischen Einzelfall handelt, macht die Sache nicht weniger brisant. Die Unruhen, die sich wie ein Flächenbrand übers ganze Land auszubreiten beginnen, bringen eine Regierung in Bedrängnis, die nach zahllosen Skandalen ohnehin auf dem letzten Loch pfeift. Setzen sich die Ausschreitungen fort, dürfte sich der Abstieg des konservativen Premiers Kostas Karamanlis beschleunigen."

(Artikel vom 8.12.2008, von Gerd Höhler)

Wirtschaftskrise schuld? - La Repubblica, Italien

Die tragische Episode vom Samstag ist im Zusammenhang mit der Krise und den Ängsten zu sehen!

Die links-liberale Tageszeitung La Repubblica führt die Ausschreitungen in Athen auf die Wirtschaftskrise zurück und warnt vor erneuter Gewalt: "Die schweren Unruhen, die Griechenland seit zwei Tagen erschüttern, sind die erste gewalttätige Reaktion, die sich im Westen auf Grund der Wirtschaftskrise und der unzureichenden Regierungsmaßnahmen niederschlagen. […] Die tragische Episode vom Samstag [...] ist im Zusammenhang mit der Krise und den Ängsten zu sehen, die sie in den sozial schwächeren Schichten schürt. Hinzu kommt, dass sich die Explosion der Gewalt vor dem Hintergrund extrem geschwächter Institutionen abspielt. Die Regierung von Kostas Karamanlis hält die Mehrheit im Parlament mit nur einer Stimme und wurde in den letzten Monaten mehrerer schwerer Finanzvergehen verdächtigt. Am 10. Dezember haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik gegen die sich ständig verschlechternden Bedingungen der Arbeiter aufgerufen. Der kommende Mittwoch könnte zum entscheidenden Tag in Griechenland werden: der erste große Sturm im Westen, mit dem das wirtschaftliche Unwetter hereinbricht."

(Artikel vom 8.12.2008, von Sandro Viola)

„Tiefes Unbehagen“ - Tribune de Genève, Schweiz

©magicasland/flickrDie Tageszeitung La Tribune de Genève sieht die Ursachen der politischen Unruhen in einer tieferen Krise der griechischen Gesellschaft: "Diese Gewalt zeugt von einem tieferen Unbehagen. Die griechische Gesellschaft steckt in der Krise - einer Wirtschaftskrise, die an eine Wertekrise gekoppelt ist. [...] Das Vertrauen im Land ist verschwunden. Kaum anderthalb Jahre nach seiner Wahl muss die konservative Regierung von Kostas Karamanlis immer wiederkehrenden Skandalen die Stirn bieten. [...] Gestern haben alle Parteien [...] die Handlungsweise der Polizisten verurteilt. ... Nach den Unruhen haben die Linke und die Bewegung für Menschen- und Bürgerrechte an Demonstrationen in Athen und Thessaloniki teilgenommen. Die Gewerkschaften rufen am Mittwoch zu einem 24-stündigen Generalstreik auf, und alle warten besorgt auf diesen Tag. Die Athener Stadtverwaltung hat schon den Festakt zum Anzünden des Weihnachtsbaums abgesagt."

(Artikel vom 8.12.2008, von Caroline Vallois-Yotis)

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