Krakau gegen den Smog

Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2014

Krakau ist die zweitgrößte Stadt in Polen. Sie ist eines der touristischen Zentren des Landes mit charmanten Kirchen, Museen, Cafés und Bars. Krakau hält aber auch den weniger charmanten Titel eine der verschmutzesten Städte in Europa zu sein. Doch dank einer Bürgerinitiative, die gegen die Luftverschmutzung kämpft, könnte die nächste Generation Krakauer sauberere Luft atmen.

Als wir lang­sam den Mound hin­auf­stei­gen, einen der vier Berge die Kra­kau über­r­a­gen, ver­su­chen wir, kaum zu atmen. Trotz den nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren und dem be­wölk­ten Him­mel, ent­schei­den sich viele Kra­kau­er ihren Sams­tag Mor­gen hier zu ver­brin­gen, ab­seits vom Stadt­zen­trum und um­ge­ben von Tou­ris­ten. Ei­ni­ge Jog­ger, der Kälte in är­mel­lo­sen Shirts und kur­zen Hosen trot­zend, lau­fen den Berg hin­auf. Meine Cafébabel Kol­le­gen und ich wol­len nur sehen wie ver­schmutzt die Luft aus­sieht.

Po­lens zweit­größ­te Stadt liegt in einem Tal. Sie ist um­ge­ben von Ber­gen und ist nicht ge­ra­de mit viel Wind ge­seg­net. Durch diese kli­ma­ti­schen Be­din­gun­gen wer­den die Schmutz­par­ti­kel nicht zer­streut und ma­chen die Stadt damit zu einer der schut­zigs­ten in Eu­ro­pa. Meine neu in­stal­lier­te Smart­pho­ne App Smok-Smog misst die Luft­qua­li­tät in Kra­kau und zeig­te an, dass die Luft­ver­schmut­zung über der Norm liegt. Jetzt, vom Gip­fel des 200-und-ir­gend­was Meter hohen Hangs, sieht der Nebel der die Stadt um­gibt, nicht ge­fähr­lich aus.

„Im Hin­ter­kopf weißt du immer, dass die Luft, die du at­mest nicht gut ist.” sagt Kamil, ein Stu­dent aus Kra­kau. Seine Mut­ter, eine Opern­sän­ge­ring be­kommt immer die selbe Frage von ihren in­ter­na­tio­na­len Kol­le­gen ge­stellt: „Wie kannst du hier sin­gen?" „Wenn sie nach Kra­kau kom­men, füh­len sie sich schon nach der zwei­ten Probe, als hätte sich ihr Lun­gen­vo­lu­men ver­rin­gert.”

Luft­ver­schmut­zung kann die Ge­sund­heit ernst­haft schä­di­gen. „Sie kann sogar Sui­zi­de pro­vo­zie­ren, weil Leute De­pres­sio­nen be­kom­men,” sagt Ewa, wäh­rend sie auf eine Bro­schü­re zeigt, die auf dem Tisch vor uns liegt. Die Zeit­schrift ist auf pol­nisch, aber durch die Bil­der ver­ste­he ich, dass es Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen der Luft­ver­schmut­zung und ver­schie­dens­ten Be­schwer­den, von Lun­gen­krebs bis zu Herz­pro­ble­men, gibt.

Ich tref­fe Ewa Lu­tom­ska und Magda Ko­zlowska in einem In­nen­stadt­café das In de rev­o­lu­tion­ibus heißt. Der Name ist an­ge­mes­sen. In An­be­tracht von Kra­k­aus Smog Alarm (Kra­kow­ski Alarm Smo­go­wy), hat die „Ge­sund­heits­in­itia­ti­ve zur Ver­bes­se­rung der Luft­qua­li­tät in der Stadt", der die bei­den An­ge­hö­ren, den Kampf für sau­be­re Luft re­vo­lu­tio­niert. Ewa grün­de­te die Be­we­gung im De­zem­ber 2012 mit zwei Freun­den, An­drzej und Ania. Mit Magda und Jakub, die etwas spä­ter dazu kamen, zählt die Grup­pe nun fünf Mit­glie­der, mit sehr un­ter­schied­li­chen Hin­ter­grün­den. Sie sehen sich selbst nicht als Öko­lo­gen, nur als „nor­ma­le Bür­ger, die über die Luft­ver­schmut­zung be­sorgt sind". Heute lässt Ewa über­wie­gend Magda reden und un­ter­bricht sie nur manch­mal leise. Beide wir­ken fra­gil und halb so alt wie sie sind. Wenn es aber um ihre Sache geht, wer­den ihre Stim­men kräf­ti­ger und lei­den­schaft­lich.

Der Kampf für sau­be­re Luft star­te­te im In­ter­net im De­zem­ber 2012 mit einer Face­book­sei­te. Bald folg­te eine On­line­pe­ti­ti­on und zum ers­ten „Marsch für sau­be­re Luft". An­fang 2013 ver­sam­mel­ten sich dazu rund 300 Kra­kau­er mit Gas­mas­ken. „In die­sem Mo­ment wurde das Luft­qua­li­täts­pro­gramm auf na­tio­na­ler Ebene de­bat­tiert. Ein Pro­gramm für Kra­kau emp­fahl Fest­brenn­stof­fe zu ver­bie­ten, aber es bekam keine Mehr­heit." Ewa ver­weist auf den Tisch mit Bro­schü­ren. Bunte Gra­fi­ken zei­gen, dass der Haupt­teil von Kra­k­aus Luft­ver­schut­zung im Win­ter durch koh­le­be­heiz­te Öfen und nur ein klei­ner Teil durch Ver­kehr und In­dus­trie ver­ur­sacht wird. Neben Kohle ver­bren­nen die Men­schen manch­mal Müll in ihren Öfen, auch wenn das ver­bo­ten ist. Fla­schen, Plas­ting oder „sogar Win­deln", er­gänzt Ewa.

Ein trau­er­marsch für sau­be­re luft

Die Art von Ver­schmut­zung auf die es an­kommt ist PM10, auch Fein­staub ge­nannt. Laut der Welt Ge­sund­heits Or­ga­ni­sa­ti­on (WHO), liegt die ak­zep­ta­ble Kon­zen­tra­ti­on bei 20 μg/m3. Kra­k­aus Mess­sta­tio­nen mes­sen für ge­wöhn­lich etwa 60 μg/m. Im Win­ter, also in der Ofen­sai­son, fal­len die Tem­pe­ra­tu­ren auf -30 Grad Cel­sius und die Luft­ver­schmut­zung über­steigt das ak­zep­ta­ble Ni­veau noch dras­ti­scher. „Let­zen Win­ter lag der PM10-An­teil bei etwa 300μg/m3", er­in­nert sich Magda. 

Ihre In­itia­ti­ve wäre nie er­folg­reich ge­we­sen, wenn Kra­k­aus Ein­woh­ner nicht genug von der dre­cki­gen Luft ge­habt hät­ten, be­tont Magda. „Wir haben ihnen einen Rah­men ge­ge­ben, in dem sie agie­ren konn­ten", sagt sie. Ei­ni­ge An­woh­ner haben an einem Spam-Pro­jekt teil­ge­nom­men. „Über 2500 E-Mails wur­den in einer Nacht an die lo­ka­len Be­hör­den ge­sen­det", hebt Magda mit einem Lä­cheln her­vor. Im No­vem­ber 2013 haben fast 2000 Kra­kau­er den Pro­test auf die Staße ge­tra­gen. „Bei einem Trau­er­marsch waren die Men­schen schwarz ge­klei­det und tru­gen einen Sarg", er­zählt sie uns. Einen Monat spä­ter wurde das Ver­bot von Fest­brenn­stof­fen be­schlos­sen.

Zeit für ver­än­de­run­gen

Spä­ter an die­sem Tag nahm ich den Bus 502 nach Nowa Huta, einst ein Mo­dell für die idea­le so­wje­ti­sche Stadt, heute Kra­k­aus öst­lichs­tes Vier­tel. In einer Stadt­hal­le, um­ge­ben von Miet­woh­nungs­blocks, haben die lo­ka­len Be­hör­den einen In­for­ma­ti­ons­punkt für alle Fra­gen rund um den Aus­tausch von Heiz­ge­rä­ten ein­ge­rich­tet. Auch wenn nie­mand vor ihrem Büro war­te­te als ich kam, ver­si­cher­te mir Ewa Ol­szowska, die Di­rek­to­rin der Ab­tei­lung für den Um­welt­schutz, dass sie viele An­ru­fe be­kom­men. „Am meis­ten in­ter­es­sie­ren sich die Men­schen dafür, ob und wie sie eine Rück­ver­gü­tung für den Aus­tausch ihrer Hei­zung be­kom­men kön­nen."

Die re­gio­na­len und na­tio­na­len Struk­tur­fonds haben sich dazu ver­pflich­tet, die Um­stel­lung von Koh­le­öfen mit fast 100 Pro­zent zu be­zu­schus­sen. Zu­sätz­lich haben sie sich auf Sub­ven­tio­nen für die ärms­ten Fa­mi­li­en ver­pflich­tet. Alle Koh­le­öfen sol­len bis zum 1. Sep­tem­ber 2018 aus Kra­kau ver­bannt wer­den. Wenn nicht? „Dann sol­len die Be­nut­zer von Fest­brenn­stoff Stra­fen zah­len und sie be­kom­men eine neue Frist, um ihr Hei­zungs­sys­tem zu än­dern.“Aber es gibt noch mehr Kämp­fe, die es zu ge­win­nen gilt. Ewa Ols­zow­s­ka rollt eine Karte der Stadt auf ihrem Tisch aus. Rote Pfei­le mar­kie­ren die nächs­ten gro­ßen Pro­jek­te: „den Ver­kehr der Stra­ßen um­lei­ten, öf­fent­li­chen Trans­port för­dern, Park­plät­ze au­ßer­halb des Stadt­kerns be­wer­ben, die Am­peln re­gu­lie­ren und um den un­ge­stör­ten Ver­kehr zu ga­ran­tie­ren. Das alles um die Ab­ga­se au­ßer­halb der Stadt zu haben“, sagt Ewa.

Zu­rück im Café Rev­o­lu­tion­ibus er­zäh­len mir Ewa und Magda: „Unser Kampf ist noch nicht vor­bei!” Zu­frie­den mit dem was sie er­reicht haben, pla­nen sie ein Auge dar­auf zu wer­fen, wie die Be­hör­den neue Maß­nah­men um­set­zen, aber auch die Auf­merk­sam­keit für das Pro­blem bei der Be­völ­ke­rung in an­de­ren Re­gio­nen Po­lens zu stei­gern. Und warum nicht auch in an­de­ren Län­dern? „Kra­kow Smog Alert ist eine Art Marke ge­wor­den,” er­klä­ren sie la­chend, „also warum soll­ten wir es nicht ex­por­tie­ren?”

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil einer Son­der­edi­ti­on, die jun­gen Jour­na­lis­ten die Mög­lich­keit ge­ge­ben hat in Kra­kau für «EU-to­pia Time to Vote»  ein Re­por­ta­ge­pro­jekt um­zu­set­zen. Die­ses Pro­jekt wurde von der Stif­tung Hip­po­crène, der eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, des fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums und der Stif­tung EVENS un­ter­stützt. Bald fin­det ihr alle Ar­ti­kel aus Kra­kau in un­se­rem Ma­ga­zin.