Kosovo - Verborgene Leichen im Land der schwarzen Amseln: Kapitel 9

Artikel veröffentlicht am 4. November 2014
Artikel veröffentlicht am 4. November 2014

War der Kosovo zu Beginn der 2000er Handeslplatz für die Organe inhaftierter Serben, die von kosovarischen Guerillakämpfern gefangen gehalten wurden? Arnaud Danjean hält das für kompletten Nonsens. Der ehemalige Agent der DGSE nimmt den so genannten Marty-Bericht auseinander und leistet vehementen Widerspruch.

IX - Am Telefon mit einem Spion

Der Marty-Bericht, der den Europa-Abgeordneten hinter verschlossenen Türen vorgestellt wurde, kommt in Brüssel nicht gut weg. Zwischen Beleidigungen und leiser Gewalt kann man, wie  so häufig auf den sagenumwobenen Fluren der Institutionenein, fast von einem samtigen Gemetzel sprechen. Dick Marty wird dort als 'Lügner' bezeichnet und manch Abgeordneter verlässt empört und Türen knallend den Saal. Einer von ihnen heißt Arnaud Danjean

Auf den Fluren der europäischen Institutionen wird Marty 'The Spy' genannt, 'der Spion'.  Als ehemaliger Agent der Generaldirektion für äußere Sicherheit (DGSE) war Danjean in den Jahren 1999-2000 auf dem Balkan im Einsatz. Für Danjean sei der Organhandel-Skandal „eine Strategie, mit der das Handeln der internationalen Gemeinschaft im Kosovo diskreditiert werden soll. Mal wieder die ewige Verschwörungstheorie.“ 

Während unseres Telefongesprächs wartet Danjean nicht lange damit, den Marty-Bericht komplett auseinanderzunehmen. „Von all denjenigen, die 1999 vor Ort waren, hat niemand ernsthaft an diese Geschichte vom illegalen Organhandel geglaubt. In allen Kriegen und Konflikten dieser Welt findet Vergeltung statt und werden Schweinereien begangen. Ein Haus in Albanien, in dem Serbier getötet und gefoltert worden sein sollen, möglicherweise - das ist wahrscheinlich. Doch jetzt sind fünfzehn Jahre verstrichen seit diesen Ereignissen. Und es hat nie den geringsten Beweis dafür gegeben, noch liegen gesicherte Erkenntnisse vor. Wenn keine Untersuchung erfolgreich abgeschlossen werden kann, dann mag es doch vielleicht ganz einfach daran liegen, dass es keine belastenden Elemente gibt, oder?“

Allerdings räumt der ehemalige Mitarbeiter der DGSE ein, dass tatsächlich Fehler im Kosovo begangen worden seien. „Am Anfang wollte niemand die UÇK [Befreiungsarmee des Kosovo; A.d.R.] unterstützen, weil die westlichen Geheimdienste wussten, dass sie eine heimliche Guerilla-Bewegung war, die durch illegalen Waffen- und Drogenhandel finanziert wurde. Wir haben immer den ehemaligen kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova unterstützt, bis es nicht mehr möglich war. Er hatte keine Macht über das Land. Es waren die Albaner selbst, die ihn haben fallen lassen.“

„Zwischen 1997 und 1999 waren zwei Jahre Pendeldiplomatie nötig, in denen die internationale Gemeinschaft mit der UÇK verhandelt hat. Die Befreiungsarmee war damals keine einheitliche Bewegung. Im Jahr 1999 gab es die UÇK von Ramush Haradinaj und die UÇK von Hashim Thaçi. Beide wurden zu den Friedensverhandlungen während der Konferenz in Rambouillet eingeladen. Hubert Védrine [frz. Außenminister von 1997 bis 2002, A.d.R.] und Jacques Chirac [ehemaliger Präsident der Republik, A.d.R.] haben sich dafür entschieden, direkt mit Hashim Thaçi zu verhandeln, obwohl es Berichte vom FBI oder der DGSE gab, die darauf hinwiesen, dass er und seine Männer zwielichtig seien.“ 

„In keiner Guerilla auf Erden sind Rebellen Messdiener. Die fremden Mächte haben im Kosovo nach einer nachhaltigen Friedenslösung gesucht. Sie mussten diejenigen einbinden, die faktisch die Macht auf dem albanischen Territorium hatten. Fünfzehn Jahre später ist es leicht, die Geschichte neu zu schreiben und die bösen Westler, die von den Lücken im System profitiert haben, zu stigmatisieren. Der illegale Organhandel ist eines der schlimmstmöglichen Kriegsverbrechen. Seine nicht zu verleugnende dramatische Dimension berührt uns alle in unserem tiefsten Inneren.“

Da es nicht genügend Beweise gibt, habe die Affäre dem ehemaligen Geheimagenten zufolge vor allem  Symbolcharakter und trage in sich die verschiedenen Hirngespinste zum Kosovo. Indem die Affäre internationales Agieren in Frage stelle, verstärke sie die emotiven Aspekte der Unabhängigkeitsfrage. Dabei tauchen immer wieder folgende drei Punkte auf: Ist die Unabhängigkeit rechtmäßig oder nicht? Sind die kosovarischen Politiker vertrauenswürdig? Ist der Kosovo ein Mafiosi-Staat im Herzen Europas?    

Dies ist das 9. Kapitel unserer Langformat-Serie zum Organhandel im Kosovo 'Verborgene Leichen im Land der schwarzen Amseln'. Lies in den folgenden Wochen exklusiv hier bei Cafébabel wie es weiter geht im Politthriller um Kosovokrieg und das Geschäft mit den Toten.  

Unter diesem Link könnt ihr die komplette Reportage auch als Multimedia-Content abrufen.