Kosovo - Verborgene Leichen im Land der schwarzen Amseln: Kapitel 1

Artikel veröffentlicht am 9. September 2014
Artikel veröffentlicht am 9. September 2014
Au début des années 2000, le Kosovo a-t-il été le théâtre d'un trafic d'organes, perpétré par la guérilla kosovare sur des prisonniers serbes ? En 10 ans, pas moins de six enquêtes se sont succédées sur ce crime macabre : une succession d'investigations à tiroir qui ouvre plus d'interrogations que de certitudes. Sans cadavre, ni témoins, l'affaire gêne la reconnaissance de l'indépendance du pays.

I- Ilir

"Er hält sich wohl für James Bond? Was für ein Trottel!" Als ich Ilir das erste Mal sah, spazierte er im Schritt eines Gangsterbosses zu der Sicherheitskontrolle am Wiener Flughafen. Schwarzes Hemd, helle Jean, kräftige Schultern und große Muskeln. Er ist zwar klein, aber so selbstbewusst wir Javier Bardem, der verrückte Killer aus No Country for Old Men.

Beim zweiten Anblick streitet sich Ilir schon mit ein paar Sicherheitsbeamten vor seinem Abflug nach Tirana in Albanien. Nach einem Gespräch in radebrechendem Deutsch bei dem er mit seinem Reisepass demonstrativ herumfuchtelt, darf er  - begleitet von zwei Muskelprotzen - zur Aufsichtsbehörde. Schmollend sitzt er dann unter Neonlampen und vertieft sich in sein Handy, aber auch in vorbeispazierende Passagierinnen in Röcken und hohen Absätzen.

Beim Einstieg in das Propellerflugzeug realisiere ich, dass dieser James Bond vom Flughafen, der den Balkan-Mafia-Boss zu inkarnieren scheint und dem ich eigentlich aus dem Weg gehen wollte, mein direkter Sitznachbar während dem Flug sein wird. Zusammengekrümmt sitzt er da und zieht nicht einmal seinen Mantel aus. Sein grüner Blick ist heftig und ohne Emotionen. Der Flieger startet und sein Handy läutet. Er hebt ab und fängt an zu flüstern. Vom Gedröhne des Motors hört man aber kaum etwas. Einen Augenblick später fangen wir zum Diskutieren an. Ich erkläre ihm, dass ich Journalist bin und dass ich deswegen die Region bereise.

Ilir selbst führt ein fast solides Leben in der Schweiz, wo er hingeschickt wurde während des Kosovokonflikts. Wie viele Kosovoalbaner hatte er keine andere Wahl als das Exil nach dem Durchsetzen der Apartheidpolitik, die in den 1990ern von Slobodan Milošević geführt wurde.

In Zürich hat er eine Ausbildung zum Elektriker durchlaufen, wobei er  daneben auch kleinere Jobs und "andere Geschäfte" durchführte. Nachdem es zu einem "Zoff" kam mit einem Kollegen wurde Ilir festgenommen. Seitdem ist er persona non grata bei schweizerischen Behörden. Sein Aufenthaltstitel wurde ihm aberkannt und deswegen muss er zurück in sein Herkunftsland.

Die meisten der Kosovoalbaner sowie deren Kultur und Religion, der Islam, kommen aus dem benachbarten Albanien. Ilir ist 33 Jahre alt, sein Name geht zurück auf die Illyrer, jenes Volk das die Hauptrolle einnimmt bei der mythenumwobenen Entstehungsgeschichte des Balkans. Ilir spricht sehr viel von seiner Familie, die er als "Patrioten" bezeichnet während er sich gerade aufrichtet am Sitz. Sein Vater sammelt amerikanische Autors, ältere Rolls Royce und Chevrolets aus den 50ern, die Personen der obersten albanischen Hierarchieschicht im Kommunismus gehörten. Einer seiner Onkel hat eine aussichtsreiche Partei in Tirana gegründet. Der zweite ist im Gefängnis, weil er bei einem Streit seinen Nachbarn mit einer Kalaschnikow getötet hat.

Der dritte besitzt ein Hotel: das Hotel Drenica an der Mittelmeerküste, "einem sehr schönen Ort am Strand, mit Klimaanlage und sehr modern", berichtet mir Ilir begeistert. "Während des Kosovokriegs war das Hotel Hauptquartier der UÇK - der Befreiungsarmee des Kosovo. Vor dem Gang in den Kämpfen in den Wäldern wurde dort trainiert." Ilir erklärt mir, dass Mitglieder der UÇK Helden seien. "Hätte mich mein Vater nicht ins Ausland geschickt, hätte ich auch die Waffe in die Hand genommen, um das Land von diesem Hund Milošević zu befreien". Er lädt mich nach Durrësein, um "das Land zu sehen". Ein paar Tage später stehe ich am Busbahnhof. Die laute und industrielle Hafenstadt am Mittelmeer ist bekannt als Schmugglergebiet und Hochburg der organisierten Kriminalität, ein Eingangsportal der illegalen Einwanderung in die europäische Union. Die Küste Italiens ist nur acht Stunden entfernt mit der Fähre. Das Hotel Drenica ist ein großes vorgefertigtes Gebäude in Pastellfarben direkt am Meer.

Die albanische Flagge, der schwarze Adler auf blutrotem Hintergrund weht an der Fassade. Vor dem Eingang ist ein Marmordenkmal aufgestellt zu Ehren der Soldaten der UÇK. Die politischen Ideen des Besitzers sind also keineswegs versteckt. In den Jahren 1998-1999 war der Ort, der zirka hundert Kilometer von der Grenze entfernt ist, im Herzen der illegalen Handlungen von Seiten der albanischen Befreiungsarmee, war die Schlagader des Drogen-, Waffenhandels sowie der Geldwäsche.

Im Gebäude selbst gibt es so gut wie keine Touristen und auch keine Rezeption. Nur eine Bar mit ein paar Stammgästen, die sich umdrehen und mich lange anstarren. An der blassrosa Wand hängen Bilder von bärtigen Männern mit halboptimistischer Mimik und versehen mit Maschendraht und Kalaschnikows.

Ilirs Onkel nähert sich: Ein Mann in den Sechzigern in einem Hemd mit Tortenheberkragen, gerade wie ein Brett und mit klaren Augen. Beim Händeschütteln hat er einen eisigen Blick wie ein Hai: "Mirdita" - "Guten Tag" - sagt er. Das Interview fängt an: Ilir übersetzt auf Deutsch während mich sein Onkel starr ansieht immer mit der Nase im Raki.

"Sie haben schöne Fotos auf der Mauer. Wer sind die bewaffneten Männer?" - "Widerstandskämpfer. Helden." - "Waren Sie auch Mitglied der UÇK?" - "Ja. Ich war Kommandant". -  "Welche Rolle haben Sie im Krieg eingenommen?" - "Uniformen finden, Waffen empfangen, sie lagern. Truppenrekrutierung und Training".

Örtlichen Gerüchten nach wären merkwürdige Sachen im Hotel Drenica passiert: Anonyme Zeugen hätten bei gewaltvollen Befragungen dabei gewesen, bei Folterakten und bei der Deportation von Gefangenen. Nicht zu vergessen ist der vermutliche Organhandel. Ich weiß, dass ehemalige UÇK-Mitglieder nicht gerade Heilige sind. Vor der Intervention im Kosovo wurden sie vor allem von den USA aus als terroristische Organisation bezeichnet, die sich durch Mafiageschäfte finanziert, Drogenpaten, Waffenhändler sind und ein Prostituiertennetzwerk bewachen. Umrundet von fünf Kleiderschränken in einer bleischweren Atmosphäre, ist es nicht gerade gemütlich. Ich fahre trotzdem mit meinen Fragen fort.

"Wo kam das Geld für den Widerstand her? Waffen?" - "Von Amerikanern und Anhängern". - "Haben Sie Menschen getötet?" - "Ich habe mein Land verteidigt". - "Haben Sie Serben gefoltert?" - "Das ist nicht wichtig." - "Haben Sie von den Gerüchten rund um den Organhandel gehört?"

Ilir sieht mich bestürzt an während sein Onkel schweigt. Ich bestehe auf eine Antwort. Diese kommt wie ein Pfeil geschossen.

"Weißt du, was es bedeutet, sein Land zu verteidigen?" - "Nein, aber..." - "Na also, nehmen wir an deine Heimat, Frankreich hast du gesagt, wäre besetzt von Deutschland. Was würdest du tun?" - "Ich weiß nicht". - "Ganz genau. Du weißt es nicht. Du weißt gar nichts!"

Du hast gerade das erste Kapitel unserer Reihe gelesen, die den Spuren des Organhandels im Kosovo nachgeht. Lies in den folgenden Wochen exklusiv hier bei Cafébabel, wie es weiter geht im Thriller um Organhandel, dem Kosovokrieg und den Menschen, die dahinter steckten.