Kopenhagens Freistadt Christiania: Lasst uns nicht allein mit den Dänen

Artikel veröffentlicht am 22. März 2012
Artikel veröffentlicht am 22. März 2012
Die Freistadt Christiania, ein alternativer Stadtteil im Herzen Kopenhagens, ist ein besonderer Ort: einige hundert Hippies haben dort ihre eigene Republik gegründet. Doch die 68er sind lange vorbei – und auch der alternative Lebensstil mag nicht mehr recht ins 21. Jahrhundert passen. Christiania gibt es aber noch immer. Wer sind die Erben der ersten Generation? Wo arbeiten sie, wo gehen sie aus?
Ein Rundgang mit Rasmus, Nynne und anderen Bewohnern.

Ein kalter Wind umweht mich im Osten von Kopenhagen, nicht weit von Øresund, einer Meerenge, die nicht nur die Ostesee teilt, sondern auch zwei Völker: Die Dänen und die Schweden. Von hier ist es nicht weit nach Christiania, seit den 1970er Jahren der bekannteste Squat Europas. Einige hundert Anarchisten erfüllten sich damals einen Hippie-Traum: Entgegen aller politischer Regeln erklärten sie den Stadtteil für "frei". Sind sie das heute noch immer?

"Bambi, umgeben von Plastikdosen"

Ich nähere mich dem Green Light District und der "Einkaufsmeile" von Christiania, besser bekannt als Pusher Street, wo der Verkauf und Konsum von "Soft-Drogen" offiziell erlaubt sind. Ich betrete eine Kunstgalerie. Rasmus steht neben einem Gemälde: "Bambi, umgeben von Kunststoff-Dosen". Für Rasmus hat Multikulturalismus nicht zwangsläufig etwas mit Ethnie oder Religion zu tun. Jede heterogene Gemeinschaft ist für ihn "multikulti" - weil der Background jeder Person ein anderer ist. "Reiche und Arme, Gebildete und weniger Gebildete – in einer hierarchiefreien Gesellschaft trennt sie nichts mehr."  Das verbindende Element in Christiania ist die Ablehnung der dänischen Gesellschaft. Den dänischen Behörden gehen die Freidenker allerdings zunehmend gegen den Strich. 40 Jahre lang leben die Bewohner von Christiania unentgeltlich in ihrem Viertel. Doch plötzlich sollten sie für ihren Freistaat zahlen: 20 Millionen Euro kostete der Grund und die darauf stehenden Gebäude. Nach langer Diskussion gaben die Hippies schließlich nach.

3 Regeln: Nicht fotografieren, keine harte Drogen, nicht rennen!

Die europäischen Länder übertrumpfen sich mit immer strengeren Asylgesetzen, und auch in Dänemark schwelt das Thema. Christiania ist dagegen ein Ort der Seeligen: etwa ein Drittel der Einwohner sind Ausländer. Die meisten kommen aus Deutschland. Wie viele Einwanderer, sind auch die Deutschen nicht erst seit kurzem in Dänemark: Während des Zweiten Weltkriegs besetzten die Nazis das Land – und einige blieben. Im Gegensatz zu den Faröern, den Grönländern oder den Roma und Sinti, ist die deutsche Minderheit heute integriert und politisch geschützt. Dennoch misstraut Dänemark dem großen Nachbarn: Seit 1973 können die Deutschen beispielsweise nicht ohne weiteres Grund an der dänischen Küste kaufen und dort einen Zweitwohnsitz anmelden.

Ohne Bewerbung geht nichts

Es trifft sich gut, dass Deborah, eine Postangestellte in Christiania, Deutsche ist. Mit zwanzig Jahren kam sie nach Kopenhagen, heiratete einen Journalisten – und wurde sesshaft. Die junge Frau ist mit Rasmus einverstanden: "Ich mag Christiania, weil du hier du selbst sein kannst, weil uns die ganze Welt willkommen ist." In einem Land, das als erstes in Europa wieder Grenzkontrollen einführte, klingt dieser Satz wie eine schöne Utopie.

Doch warum lebt Deborah dann nicht in Christiania? "Ich habe mich einmal um einen Platz beworben. Aber es gibt einfach zu viele Anfragen. "Denn in Christiania muss man sich seinen Platz verdienen, bestätigt Jørn. Der Musiker, Filmemacher und Regisseur ist ein Urgestein der Freistadt. Mehrere Dokumentarfilme hat er über das Viertel gedreht. Einer handelt von der Polizeigewalt, der die Bewohner der Pusher Street2007 ausgesetzt waren. "Das war eine schlimme Zeit. Überall suchte die Polizei nach Drogen. Sogar in den Slips der Passanten." Jørn macht kein Geheimnis daraus, dass sein Engagement in der Community letztendlich Vorteile brachte. Am Ende setzte er sich gegen 70 Kandidaten durch - und lebt nun in einem Drei-Zimmer-Haus im Zentrum des Ortes. Es gibt kein Multikulti-Diktat, keine Minderheitenquote, keine positive Diskriminierung in Christiania. Es scheint, als sei die einzige Politik in der alternativen Wohnsiedlung die Vetternwirtschaft

Anarchist sein reicht nicht mehr

Genau aus diesem Grund will Nynne, 21 Jahre alt, nicht in Christiania leben. Sie kommt gerne zum Feiern hierher – aber dabei bleibt es auch. "Ich liebe diesen Ort, aber manchmal hasse ich ihn auch. Früher konnte man hier nackt durch die Straßen laufen. Aber diese Freiheit ist heute passé. Viele Werte gehen verloren." Nicht weit von uns sitzt der Beweis. Am Tisch eines Fast-Food-Restaurants raucht eine Gruppe blasser Dänen den ersten Joint des Tages und spülen ihn anschließend mit Cola oder einem angeblich selbst gebrauten Bio-Bier herunter.

Lasst uns bitte nicht allein mit den Dänen!

Christiania ist noch immer eine Künstlerkolonie, aber auch Reiseziel von jährlich einer Million Menschen. Aus dem Underground wurde das Freiluftmuseum einer Utopie. Die Neugierigen und die Nostalgiker klammern sich aneinander wie Veteranen, die einen längst verlorenen Kampf kämpfen. Die Politik zwang Christiania legal, normal zu werden. Heute ist der Ort ein Konsumgut, Massenware, wie sie die Bewohner eigentlich bekämpfen wollten. Christiania, das muss man sich eingestehen, ist ein Paradox des 21. Jahrhunderts. Die Bewohner haben Schwierigkeiten, den Mythos der Unabhängigkeit gegen die Touristenströme zu behaupten. 

Jørn weiß das – und will der Regierung gegenüber nicht locker lassen. "Wir brauchen eine starke Organisation ", sagt er. "Journalisten, die mit der Presse sprechen; Anwälte, die uns juristisch beraten." Anarchist zu sein, reicht heute nicht mehr.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 MULTIKULTI on the ground. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Kopenhagen.

Fotos: ©Nicola Zolin für ‘MULTIKULTI on the ground‘ Kopenhagen' - cafebabel.com