Kopenhagen: Doku-Filme dominieren den Europäischen Filmpreis 2008

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2008
Am 6. Dezember wird in der dänischen Hauptstadt der beste Film Europas gekürt. Vier von den sechs nominierten Streifen sind in diesem Jahr Dokumentarfilme oder im Doku-Stil aufgezogene Filme. Fehlt Europas Regisseuren die Inspiration?

In diesem Jahr ist Kopenhagen Schauplatz für die Zeremonie des Europäischen Filmpreises. Die Europäische Filmakademie, die ihren Hauptsitz in Berlin hat, wechselt aller zwei Jahre die Location zwischen der deutschen Hauptstadt und einer anderen Metropole Europas. Vor der offiziellen Filmpreis-Verleihung werden die Kandidaten auf dem Filmfestival in Sevilla nominiert. Europäischer geht’s gar nicht!

In diesem Jahr ist außerdem festzustellen, dass die 6 Nominierungen allesamt aus den Kameras der wohlhabendsten Staaten Europas stammen: Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien und Deutschland. Ob der G-20 Gipfel da seine Finger im Spiel hatte? Oder gehen dem europäischen Osten die Talente flöten?

©europeanfilmacademy.org

2008 gehen zwei klare Favoriten gegeneinander ins Rennen. Bei beiden handelt es sich um Buchverfilmungen: Einerseits ist da der französische, 2009 für den Oscar nominierte Schulstreifen Entre les murs (Die Klasse), der in seinem Heimatland bereits die Palme d’Or abstauben konnte. Gegen Laurent Cantets Sozialstudie tritt andererseits Matteo Garrones Gomorrha an, ein Film, der die europäische Debatte um die Machenschaften der italienischen Camorra neu entfacht hat. Überraschungskandidat könnte die britische Nominierung, Mike Leighs Happy-Go-Lucky, sein.

Italien: Gomorrha, von Matteo Garrone

Der Film Gomorrha basiert auf den Machenschaften der neapolitanischen Mafia - der Camorra - und den turbulenten Erfahrungen des 27-Jahre jungen Buchautors, Roberto Saviano, der nach Erscheinen seines Buches ins Exil gehen musste, nachdem er Todesdrohungen von der Mafia erhielt. Die Camorra versuchte Matteo Garrones Verfilmung zu zensieren, indem sie Raubkopien der DVD in neapolitanischem Dialekt unter die Leute brachte - ein Versuch, den Durchschnittsitaliener daran zu hindern, Gomorrha gänzlich zu verstehen. Ein fast surreales Porträt des bettelarmen italienischen Südens.

Il Divo, von Paolo Sorrentino

Italien trumpft dieses Jahr mit einem zweiten Film. Das Biopic über den ehemaligen italienischen Premierminister Giulio Andreotti zeigt einen mafiösen, von Macht besessenen Politiker. Ein packendes, fast Röntgenbild-artiges Porträt eines mächtigen italienischen Fadenziehers. 

Frankreich: Entre les murs (Die Klasse), von Laurent Cantet

Auch Die Klasse beruht auf einer autobiografischen Buchvorlage des ehemaligen Lehrers François Bégaudeau, der zudem die Hauptrolle im Film spielt. Cantets Streifen gewann den Hauptpreis des wohl lahmsten Filmfestivals in diesem Jahr - und ja, wir sprechen hier von Cannes! Präsident Sarkozy sagte in einer Lobrede auf Cantets Streifen, er zeige „die Bemühungen, Hoffnungen und Erfolge von Lehrern“ im heutigen Frankreich auf, trotz der Schwierigkeiten des Berufsfeldes - dieses eine Mal kann man ihm wohl Recht geben.

Großbritannien: Happy-go-lucky, von Mike Leigh

Der im englischen Salford geborene Regisseur kommt mit einer Geschichte bodenständiger Charaktere zurück auf die Leinwand. Sally Hawkins spielt Poppy, eine 30-jährige Grundschullehrerin, die optimistisch durchs Leben geht. Sie lebt mit einer Freundin, Zoe - gespielt von Alexis Zegerman, gemeinsam in einer WG und vertreibt sich ihre Zeit in den Pubs der Stadt. Poppys Schwester kritisiert ihren Lebensstil und rät ihr, endlich vernünftig zu werden - was Poppy schlichtweg ignoriert. 

Spanien: El Orfanato (Das Waisenhaus, 2007), von Juan Antonio Bayona

Trotz seines enormen Erfolges auf der iberischen Halbinsel, ist der Horrorstreifen El Orfanato nichts weiter als eine Hollywood-gestylte Superproduktion. El Orfanato, dessen Producer Guillermo del Toro ist, beschreibt die Geschichte eines Jungen, der im Haus seiner Mutter Geister sieht. Bayonas Debütfilm ist ein deutliches Beispiel für die strauchelnde Kreativität im spanischen Kino.

Israel-Frankreich-Deutschland: Waltz with Bashir, von Ari Folman

Waltz with Bashir ist eine Mischung aus Trick- und Dokumentarfilm - ein originelles Genre und ziemliches Kino-Neuland. Der Film lässt die Massaker von Sabra und Schatila (1982) im Libanon Revue passieren. Eines Nachts hatte ein alter Freund dem Regisseur in einer Bar erzählt, dass ihn Alpträume plagten, in denen er von 26 Hunden verfolgt wurde. Sie schlussfolgerten daraus, dass der Traum wohl etwas mit der israelischen Armeemission im Libanon in den frühen Achtzigern zu tun hatte. Doch urplötzlich kann sich Ari an kein einziges Detail mehr aus dieser Zeit erinnern.