Kony 2012: Rebellen-Kampagne schlägt erneut Wellen

Artikel veröffentlicht am 16. April 2012
Artikel veröffentlicht am 16. April 2012
Die meisten von uns haben (wenn überhaupt) wahrscheinlich nur eine ungefähre Idee davon, wer Jospeh Kony ist oder wo genau sich Uganda auf der Weltkarte befindet. Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit ist aber schon jemand auf das Video mit dem Namen „Kony 2012“ auf Facebook gestoßen, das im März 2012 die Runde im Netz machte und bis heute über 90 Millionen Mal angeklickt wurde.
Auf Kritik reagierten die Macher von Invisible Children nun mit einem zweiten Film.

Nein. Joseph Kony ist kein kürzlich nominierter Kandidat für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Nur für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass ihr das Video noch nicht gesehen habt oder dass man von der allzu schrillen Produktion der NGO Invisible Children abgeschreckt wurde: Es handelt sich um eine amerikanische Video-Kampagne, um den Rebellenanführer Joseph Kony bis spätestens zum 31. Dezember 2012 zu stoppen. Damit in Uganda zukünftig keine Kindersoldaten mehr rekrutiert werden. 

2011 habe ich drei Monate in Uganda gearbeitet. Zwei Monate vor Antritt der Reise ergriff mich die Panik allein bei dem Gedanken, in ein zentralafrikanisches Land zu reisen. Ich verschlang jedes Buch über die Region, das ich finden konnte. So hörte ich auch zum ersten Mal von Konys Rebellengruppe. Schon seit 20 Jahren entführt die Lord's Resistance Army (LRA) zehntausende Kinder, um sie als Soldaten und Sexsklaven zu missbrauchen.

Amerika zu Hilfe

Das Video „Kony 2012“ ist fast zu aalglatt: Uganda sieht in Wirklichkeit nicht annähernd so strahlend aus. Gezeigt wird zunächst ein kleiner süßer Junge. Er ist Amerikaner und der Sohn des Regisseurs. Über ihn soll eine Parallele zum Leid der ugandischen Kinder hergestellt werden - eine mehr oder weniger neue und fragliche Technik gemeinnütziger Projekte. Die Methode ist durchaus umstritten. So erzählt ein ähnliches Video „Unwatchable“ (2010) sehr anschaulich die Geschichte von Vergewaltigungen und Ermordungen im östlichen Kongo, indem der Horror kurz und gut nach England verlegt wird. Eine unbequeme Frage drängt sich auf: Müssen wir schöne, blonde, leidende Menschen sehen, um die Situation nachempfinden zu können?

Wer den Film "Kony 2012" sieht, den beschleicht ein Gefühl von Unwohlsein angesichts der Schematisierung des Themas. Wollten da amerikanischen College-Studenten einfach Aufmerksamkeit für ihren Aktivismus erhaschen? Das Video will Bewusstsein für die Taten Konys wecken, „ihn berühmt machen“. Die Idee dahinter? Eine wachsende öffentliche Meinung übt Druck aus, der in politischen Willen übersetzt zu einer militärischen Intervention der USA führen könnte. Diese hätte eine Festnahme Konys und seine Auslieferung an den internationalen Gerichtshof in Den Haag, der den Haftbefehl für den Rebellenführer bereits 2005 verhängte, zur Folge - und damit auch das Ende der Gräueltaten. Eine Idee, die jeden, der die Situation in Uganda kennt, verwirrt und - offen gesagt – auch befremdet.

Lassen wir den angeborenen europäischen Skeptizismus gegenüber einer Idee von einmarschierenden, amerikanischen Truppen mal bei Seite und widmen wir uns den Fakten. Die Ansicht, der fehlende westliche, politische Wille sei hier das Thema, ist ein fundamentaler Irrtum. Uganda hat eine eigne und durchaus intakte Armee. Zugegeben: sie ist korrupt und neigt zu Menschenrechtsverletzungen. Aber zu einer Festnahme Konys wäre sie durchaus im Stande. Mehrfach hatte die ugandische Armee im letzten Jahrzehnt die Chance dazu. Was dem Land fehlt, ist der politische Wille.

Kony 2012 – LIKE!?

Uganda engagiert sich in einer Reihe von Friedensmissionen der UN und der Afrikanischen Union. Und erhält dafür sogar Subventionen. Aber für ein korruptes politisches Regime wie in Uganda ist es profitabler, seine Truppen auf Mission zu schicken, als sie für interne Konflikte einzusetzen. Zudem gibt es keine nationale Identität in Uganda. Stammes- und regionale Zugehörigkeit bestimmen weiterhin die Loyalität der Menschen.

2006 wurde Kony nach einer großen militärischen Operation des Landes verwiesen. Zusammen mit einer Reihe von Anhängern, deren Anzahl derzeit bei einigen Hunderten liegen soll, bewegt er sich frei entlang der porösen Grenzen zwischen dem Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik. Kony ist zwar nicht mehr so mächtig wie in der Vergangenheit, auch werden weniger Kinder entführt. Das heißt aber nicht, dass von seiner Festnahme abgesehen und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten werden sollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kony geschnappt wird, bleibt gering.

Es ist wichtig, Bewusstsein zu schaffen. Doch eine Kampagne, welche die Rehabilitation der tausenden Menschen, die von Konys brutalen Verbrechen betroffen sind, im Focus hat, wäre eine besser Verwendung der Ressourcen gewesen. Vielleicht liegt es nicht an der Organisation 'Invisble Children' hinter dem Video, sondern an einer Generation, die automatisch den „Like“-Button für eine Kampagne drückt, ohne wirklich darüber nachzudenken, was dahinter steckt oder was sie da eigentlich gerade tut.

Wir sind nur Liker, keine Aktivisten!

Niemals zuvor hatten wir mehr Zugang zu Informationen (auch ein Grundgedanke des Regisseurs). Wir sollten diesen Vorteil nutzen und kritisch über Dinge nachdenken, nicht blind auf einen fahrenden Social Media-Zug aufspringen. Neben all ihren Ungereimtheiten hat die Kampagne aber eine unvorhergesehene und lobenswerte Anzahl an Debatten und ein Bewusstsein für Uganda geschaffen. Dafür hat sie durchaus Anerkennung verdient. Wir sind diejenigen, die kritisiert werden sollten. Denn wir sind nur Liker, keine Aktivisten!

Als ich als Praktikantin nach Uganda ging, war ich mir nicht wirklich darüber bewusst, was mich an Armut, Korruption, hoher HIV-Rate, politischer Instabilität, ständiger Bedrohung durch Terrorismus, fehlender Infrastruktur und Industrie und sexueller Gewalt erwarten würde. Auch Lesen kann nur ein Anfang sein. Stellt euch die Dinge tatsächlich vor. Ungepflasterte Straßen, überquellende Abwasserkanäle, vergewaltigte Mädchen, Polizisten, die Diebe mit Ketten auf offene Straße schlagen, Panzer auf Verkehrsinseln (für den Fall der Fälle). Die Probleme in Uganda können nicht gelöst werden, indem man sie einfach auf unsere verkürzte Aufmerksamkeitsspanne zuschneidet. Nur in Betrachtung der harten Realität kann mit dem Thema tatsächlich umgegangen werden.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Philip Hourican für Invisible Children/Facebook; Im Text: (cc)Invisible Children; Videos (cc)Invisible Children/YouTube