Kontinent der (un)begrenzten Möglichkeiten

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006

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Die in Österreich lebenden Südamerikaner schätzen die Vorteile Europas, oft haben sie aber mit Problemen zu kämpfen. Den Europäern, die nach Südamerika auswandern, ergeht es da ähnlich.

Einige Stunden vor dem EU-Gipfel gibt in einem kleinen Wiener Kaffeehaus eine kubanische Musikgruppe die Klänge ihrer Heimat zum Besten. Im Publikum befinden sich einige Latinas, die gekonnt die Stimmung anheizen. Die Österreicher sind hellauf begeistert, sie kennen die Texte sämtlicher Lieder bereits in- und auswendig. Es ist so, als ob Lateinamerika noch nie zuvor für so viel Gesprächsstoff gesorgt hätte wie anlässlich des 4. EU-Lateinamerika/Karibik-Gipfels, der vom 11.-13. Mai in Wien stattfand, und die Medien wie das Licht die Motten angezogen hat.

Aber das ist noch längst nicht alles. Im April fand das lateinamerikanische Filmfestival statt und im Mai wurde das erste österreichweite Lateinamerika-Kulturfestival Onda Latina gefeiert, bei dem unter anderem die Band „Buena Vista Masters“ die Ära der kubanischen Musik auf der Wiener Bühne hat aufleben lassen. „Als ich vor vier Jahren hier in Wien ankam, hörte kein Mensch spanische oder lateinamerikanische Musik. Jetzt brauchst du bloß das Radio einzuschalten und schon kommen Juanes, Shakira & Co. in dein Wohnzimmer…“, sagt Elizabeth Caballero, eine Kubanerin, die ihre Freundinnen zum Kaffehaus-Konzert mitgebracht hat.

Laut der Volkszählung von 2001, leben mehr als 6 600 Lateinamerikaner in Österreich. In den letzten Jahren ist diese Zahl gestiegen. Die Zahlen dürften noch höher ausfallen, wenn dabei auch die illegalen Einwanderer, die in keiner Statistik festgehalten werden, berücksichtigt würden. Jedenfalls ist der Anteil der lateinamerikanischen Einwanderer mit insgesamt nur 1 Prozent recht niedrig.

Wahlheimat Österreich?

Die Gründe, weshalb es viele Lateinamerikaner nach Österreich verschlägt, sind sehr vielfältig. Oftmals handelt es sich jedoch nicht etwa um eine gezielte Entscheidung für Österreich, sondern vielmehr um eine zufällige Gelegenheit. Elizabeth zum Beispiel hat ihren Ehemann auf Kuba kennen gelernt und ist deshalb mit ihm nach Wien gezogen. „Es gibt viele Frauen, die hierher kommen, weil sie einen Österreicher geheiratet haben“, stellt Ronja Vogl fest, die als Sozialarbeiterin bei LEFÖ arbeitet, einem Verband, der lateinamerikanischen Einwanderinnen mit Rat und Tat zur Seite steht. „Lateinamerikanische Frauen kommen jedoch oft auch deshalb hierher, weil sie studieren möchten, was vor allem dann der Fall ist, wenn sie bereits Familienangehörige in Österreich haben. Und dann gibt es noch viele Mädchen, die als Au-pair nach Österreich kommen“, fährt Ronja fort.

Genau das trifft auf Johanna Abanto aus Lima zu, die vor sechs Monaten nach Wien gekommen ist. Als Johanna noch in Lima lebte, hat eine ihrer Freundinnen bereits als Au-pair-Mädchen in Wien gearbeitet und sie dazu ermuntert, auch nach Österreich zu kommen. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt schon verheiratet war und ihr bewusst war, dass sie bei einer Entscheidung zugunsten Österreichs ihren Ehemann in Lima zurücklassen müsste, hat sie nicht lange überlegt. „Eine solche Chance ergibt sich schließlich nicht jeden Tag und hier verdiene ich auch viel mehr Geld als ich je in Peru nach Hause hätte bringen können.“ Doch sie räumt auch ein, dass sie einiges in Österreich vermisst: „Wer möchte denn nicht seine Familie bei sich haben?“ Abgesehen davon vermisst sie auch die traditionelle Küche ihrer Heimat. Sie gibt sogar zu, dass sie in Österreich typisch peruanische Speisen isst, die sie in Peru noch nie in ihrem Leben gekostet hatte. Und das alles nur, weil sie Heimweh hat.

Abgesehen davon, dass Johanna hier leider kein Ceviche (1) essen kann, gefällt ihr das Leben in Wien sehr gut. „Ich liebe Wien. Ich liebe die Wiener Kultur und die Menschen, die hier leben. Ich möchte gern in Europa bleiben.“

Integrationshürden

Nicht jedem Lateinamerikaner fällt die Anpassung an eine neue Umgebung und Kultur so leicht wie Johanna. „Es gibt viele Probleme, denen Lateinamerikaner ausgesetzt sind“, erklärt Ronja Vogl. Die mit Abstand größte Hürde stelle die Sprache dar, aber es gebe auch eine Menge rechtlicher Schwierigkeiten zu überwinden. „Der Lateinamerikaner oder die Lateinamerikanerin, der/die legal nach Österreich einreisen möchte, ist immer von einer anderen Person, wie der Ehefrau, dem Ehemann oder dem Arbeitgeber, abhängig“, verdeutlicht Ronja.

Die Bolivianerin Cinthia Ferrufino hatte dennoch keinerlei Probleme mit der Bürokratie bei ihrer Einreise nach Österreich. Ihre Großeltern sind Deutsche und Cinthia hat einen deutschen Pass. Sie ist vor elf Jahren – damals war sie gerade mal siebzehn Jahre alt – nach Österreich gekommen. Mittlerweile denkt sie aber nur noch an die Rückkehr in die Heimat. „Einerseits wollen die Österreicher, dass sich die Ausländer in die Gesellschaft integrieren, aber dann kehren sie einem den Rücken zu“, erklärt Cinthia. „Die Schwierigkeit hier in Österreich liegt nicht etwa darin, eine Arbeit zu finden, sondern vielmehr darin, eine wirklich gute Anstellung zu ergattern“, fährt sie fort. Sie arbeitet als Bedienung in einem lateinamerikanischen Restaurant gegenüber der symbolträchtigen Wiener Staatsoper. Cinthia wollte eigentlich studieren, aber der österreichische Staat hat ihr bolivianisches Abitur nicht anerkannt. „Hier bekommt man keine Chance, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen“, klagt Cinthia mit trauriger Stimme.

„In den lateinamerikanischen Staaten gibt es viele Probleme. Im Vergleich dazu wird Europa als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten dargestellt“, meint Cinthia. „Das, was die Lateinamerikaner jedoch nicht wissen, ist, dass es auch hier Probleme zu Genüge gibt, wie zum Beispiel Armut oder Arbeitslosigkeit – Probleme, die selbst vor Europäern keinen Halt machen.“ Ronja Vogl sieht das ähnlich. Lateinamerikaner hätten im Allgemeinen eine Idealvorstellung von Europa, die zu bröckeln beginne, sobald sie hierher kommen. „Meistens ist es ihnen dann doch lieber, hier zu bleiben, weil sie der Ansicht sind, dass es hier trotz allem bessere Zukunftsmöglichkeiten als in der Heimat gibt“.

Europäer jenseits des Atlantiks

Während des Zweiten Weltkrieges, als der Diktator Franco Spanien regierte, kürten viele Europäer Lateinamerika zu ihrer neuen Heimat. Inwischen schlägt die Migrationswelle in die andere Richtung. Doch noch immer gibt es viele Europäer, die ihrerm Heimatkontinent den Rücken kehren.

So wie Jiri Binder, der nun als Sprachlehrer im mexikanischen Toluca arbeitet. Der Tscheche hat sich in eine Mexikanerin verliebt und ist vor dreieinhalb Jahren nach Mexiko ausgewandert. „Mir gefällt das Leben hier in Mexiko. Die Mexikaner sind sehr lebendige und fröhliche Menschen. Sie nehmen den Alltag leichter. Deshalb lässt es sich hier viel unbeschwerter leben.“ Jiri hat bereits nach kürzester Zeit eine Stelle in Mexiko gefunden. Er ist davon überzeugt, dass es für Europäer nicht sonderlich schwierig ist, einen Job in Mexiko zu finden. „Diejenigen, die Englisch, Französisch oder Deutsch sprechen, fangen häufig als Sprachlehrer in Mexiko an“, erklärt er. Spanier haben es da sogar noch besser, denn „ihre Abschlüsse werden in Mexiko stets anerkannt und es kommt sogar häufig vor, dass die spanischen Abschlüsse den mexikanischen vorgezogen werden, weil sie prestigeträchtiger als die einheimischen sind“, erklärt Jiri.

Auch Reinhard Petz arbeitet als Lehrer, aber nicht in Mexiko, sondern in Guatemala. Es war sein „Wunsch, eine andere Kultur und völlig andere Menschen kennen zu lernen“, und so wanderte er vor sechs Jahren nach Guatemala aus, um am dortigen Instituto Austriaco Guatemalteco, dem österreichischen Kulturinsitut zu arbeiten. Auch Reinhard Petz hatte zu Beginn Schwierigikeiten, an die Kultur Guatemalas anzupassen, etwa an „den so ganz anderen Lebensrhythmus, die Unsicherheit, die den Alltag in Guatemala prägt oder etwa die notorische Unpünktlichkeit der Einheimischen“.

Ist Lateinamerika wirklich so anders als Europa? Die Antwort auf diese Frage hängt von dem Ort ab, von dem aus man Südamerika betrachtet. In Guatemala oder Mexiko ist man der Ansicht, dass Lateinamerika viel stärker von den USA geprägt wurde als von Europa. Die im südlicheren Teil des Kontinents herrschende Meinung weicht erheblich von dieser Sicht ab. Der Italiener Antonio Graziano arbeitet seit 15 Monaten im Rahmen eines Entwicklungshilfe-Projekts in Uruguay. „Hier ist sowohl viel Gutes als auch viel Schlechtes von Europa übriggeblieben“, sagt er. „Da ist zum einen die starre Bürokratie. Aber es gibt auch die Kunst, die Seele einfach mal baumeln zu lassen oder die Herzlichkeit und Wärme der Menschen“.

(1) Ceviche ist ein Gericht aus Fisch und Paprikaschoten, wahlweise mit Orangen- oder Zitronensaft angereichert. Es enthält die typischen Gewürze, die man in den Ländern Lateinamerikas zum Verfeinern von Speisen verwendet.