Konsumgut Nächstenliebe

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2006

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Wohlfahrtsverbände erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Leben wir dank ihnen in einer besseren Welt?

„Good Gifts“, eine englische nichtsstaatliche Organisation (NGO) hat rechtzeitig zur Weihnachtszeit einen ganzen Geschenkkatalog mit Artikeln für wohltätige Zwecke ins Internet gestellt, die der Dritten Welt zu Gute kommen sollen. Unter den dort angebotenen Geschenkideen findet man ein "Fahrrad für einen Tierarzt" für 35 Pfund, ein "neues Kleid für eine Mutter" für 12 Pfund, oder für die ganz reichen Internet-Surfer auch „einen Bauernhof für Ruanda“ für nur 25 000 Pfund. Ein Mausklick genügt, der großzügige Kunde wählt sein Geschenk aus und bezahlt seine Einkäufe bequem per Bankkarte.

Mit dieser neuen Form von Nächstenliebe, die durch das Internet verbreitet wird, steigt auch die Anzahl der Stars und Sternchen, die sich besonders großzügig und barmherzig zeigen möchten. Die neue Form von Nächstenliebe hat aber auch schon auf Geschäftskreise übergegriffen, wie im Falle der Pariser Börse, die seit drei Jahren „Aktien zu wohltätigen Zwecken“ ausgibt.

Während des letztjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos hat Sharon Stone dem Präsidenten von Tansania eine Spende in Höhe von 10 000 Dollar für Moskitonetze zugesagt. Sie sind für den Kampf gegen Malaria gedacht. Die Schauspielerin („Basic Instinct“) forderte die Teilnehmer des Forums auf, sich ebenfalls für einen guten Zweck stark zu machen.

Mit Erfolg? Ja, wenn man CBS News Glauben schenken kann. Diesem Sender zufolge hat „Sharon Stone in nur fünf Minuten eine Million Dollar eingefahren“. Auch die Tageszeitung Courrier suisse berichtete im Januar dieses Jahres, dass insgesamt 140 000 Dollar von Spendern überwiesen worden seien, und dass die Moskitonetz-Aktion sogar die in Tansania tätigen Hilfsprogramme beeinträchtigt habe.

Nicht ohne Glamour

Der französische Soziologe Alain Caillé spricht von der „Wiederkehr des Verdrängten“, um den aktuellen Trend hin zur guten Tat zu erklären. Seiner Ansicht nach hätten die modernen Gesellschaften des Westens erlebt, dass die Ideologie des Nutzens und des egoistischen Interesses die Selbstlosigkeit bedroht.

Doch die Menschen würden sich nicht mehr damit zufrieden geben, nur viel Geld verdienen zu wollen, so Caillé. Die selbstlose Handlung, mit anderen Worten die Großzügigkeit, bleibe ein unabdingbarer Bestandteil unserer Natur. Genau das erkläre, weshalb Wohltätigkeit und Nächstenliebe so stark im Kommen sind.

Man könnte dagegen halten, dass die Wohltätigen mit ihren guten Taten am Ende doch aus egoistischem Interesse handeln. So hat beispielsweise Angelina Jolie, eine der neuen Idole im Kampf für die Nächstenliebe, ohne Umschweife erklärt, dass der Beruf des Schauspielers es ihr nicht unbedingt leicht mache, nachts ruhig zu schlafen: „Wenn ich etwas für andere tue, dann weiß ich, dass mein Leben einen Sinn hat.“

Das Streben nach Geld ist der Motor unseres kapitalistischen Systems. Selbst wenn die wohltätigen Dienstleistungen sich diesem Streben zu entziehen scheinen, so fügt sich die Nächstenliebe – ein Betätigungsfeld für Reiche und Stiftungen — sehr gut in das Konzept des Wirtschaftsliberalismus.

Dieser geht nämlich davon aus, dass die freiwillige Gemeinnützigkeit ausreiche, um gegen die Armut zu kämpfen. Neuverteilung durch den Staat sowie sozialer Schutz seien völlig überflüssig. Deshalb können sich die Schüler des liberalen Ökonomen von Hayek nur freuen, wenn milliardenschwere Unternehmer wie Bill Gates und Warren Buffet zu den neuen Kreuzrittern im Dienste der Menschlichkeit werden.

Fehler des Staates

Die Stiftung Bill und Melinda Gates verfügt über 60 Milliarden US-Dollar. Sie wurde im Jahr 2000 gegründet, um den Armen dieser Welt Zugang zu Innovationen auf dem Gebiet der Medizin und der Wissenschaft zu gewähren. Warren Buffet, der zweitreichste Mann der Vereinigten Staaten, hat im letzten Juni angekündigt, der Stiftung an die 30 Milliarden Dollar zu schenken – etwa drei Viertel seines auf 45 Milliarden geschätzten Vermögens. Das Vermögen der Stiftung übersteigt nun das Bruttoinlandsprodukt, von Kamerun, Tansania, Gabun, der Elfenbeinküste und der Demokratischen Republik Kongo.

Ist es da wirklich wichtig, dass die Schulen, die die Stiftung unterstützt, mit Microsoft-Programmen ausgestattet werden? Man könnte sofort den Mangel dieses Systems aufzeigen, da Bildung und Gesundheit Staatssache sind.

Millionäre, Stars und kuschelige Nächstenliebe: Davon profitieren vor allem Fernsehsender, denn deren Einschaltquoten lassen sich mit solchen Charity-Sendungen hochschrauben. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl solcher Sendungen rasant gestiegen ist: „Aranyag“ in Ungarn, „Telethon“ in Frankreich und Italien sind sogar zu echten Institutionen geworden. Im Fall „Telethon“ kritisierte die katholische Kirche in Frankreich, dass mit den Spendengeldern, mit denen die Erforschung und Behandlung von Muskelkrankheiten finanziert werden soll, auch Embryonenforschung betrieben werde.

Die Privatsender, die die bescheidenen Geldbeträge aus den neuen Fernsehproduktionen kassieren sind mittlerweile ebenfalls barmherzig geworden. „Es ist mittlerweile an der Tagesordnung, dass Fernsehsender Werbeplätze für NGOs bereit stellen“, erklärt der Kommunikationsberater Bruno David. „Aber diese sehen sich wiederum schutzlos der Willkür des Senders oder des Mediendirektors ausgeliefert, der selbst entscheidet, welche Organisation er unterstützt.“

Genau hier endet Nächstenliebe. Denn der Spender ist derjenige, der entscheidet. Er hält Geldscheine in der Hand. Die Spendenempfänger haben sehr selten ein Wörtchen mitzureden. Täglich beweisen Millionen anonymer freiwilliger Helfer, dass Barmherzigkeit und Nächstenliebe auch anders gehen. Und das in einer Gesellschaft, in der das reine Gewissen zur beliebten Ware geworden ist.