Kolonialismus: Wer ist unschuldig?

Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2004
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Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2004

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Eine koloniale Vergangenheit mag historische Schuld bedeuten und die Verpflichtung, heute Entwicklungshilfe zu leisten. Doch auch Länder wie Polen, die selbst kolonisiert wurden, haben ihre Leichen im Keller...

Als ich in Indien war, riefen die Leute auf der Straße mir „English, English“ hinterher. Es war nutzlos, ihnen zu erklären dass ich Polin bin; für sie waren alle Europäer gleich. Oft musste ich mir wütende Vorträge gegen den Kolonialismus anhören. Für meine Gesprächspartner war es nicht einfach einzusehen, dass Polens Geschichte in den letzten 200 Jahren eher der einer Kolonie, als der einer Kolonialmacht entsprach.

Die Verpflichtung, zu helfen

Die „Bösen“ des Kolonialismus waren Großbritannien, Frankreich, Deutschland und andere europäische Mächte. Sie füllten ihre Taschen und ihre Museen mit Diebesgut aus den Kolonien, heute werden ihnen ihre Gräueltaten vorgeworfen. Entwicklungshilfe ist für sie nicht nur ein pragmatisches Mittel zur Stabilisierung bestimmter Regionen und zum Erhalt des Friedens in Europa, sondern auch eine historische Verantwortung.

Aber wie steht es mit den neuen EU-Mitgliedstaaten? In meinem Geschichtsunterricht war die polnische Kolonialvergangenheit kein Thema. Für Polen ist die Armut der Dritten Welt sehr weit weg und, abgesehen von der humanitären (manche sagen, christlichen) Verpflichtung zu helfen, sehen wir keinen moralischen oder historischen Grund dafür, Entwicklungshilfe zu leisten. Man nimmt selbstverständlich an, dass die Polen nichts mit der Ausbeutung von Kolonien zu tun hatten, daher haben wir auch keine moralische Verantwortung für die Armut der postkolonialen Staaten: die zentral- und osteuropäischen Staaten sind „unschuldig“.

Das dachte ich zumindest. Umso mehr überraschte es mich, den Artikel zu lesen, den „The Weekly Mirror“, eine liberianische Zeitung, 1936 veröffentlichte: „Nun braucht auch Polen, das bis 1914 von drei verschiedenen Ländern kolonisiert war und durch den amer Wilson das Recht auf Selbstbestimmung zugebilligt wurde, selbst Kolonien, nicht nur in Europa, sondern in Afrika. (...) Ein ehemaliger Diener (...) möchte Herr in einem afrikanischen Land werden.“ Dies war die liberianische Reaktion auf die polnischen Siedlungen, die ab 1934 in Afrika gegründet wurden. Verärgert über diesen Artikel, bat der polnische Konsul in Liberia Warschau um Leitlinien „für den Fall, dass diese schmutzigen, übertriebenen [antipolnischen Zeitungsartikel] von örtlichen pseudo-zivilisierten und pseudo-demokratischen Niggern wiederholt werden“. Warschau verlangte, der antipolnischen Kampagne ein Ende zu setzen; ihm wurde geantwortet, dass niemand in Liberia die freie Meinungsäußerung einschränken könne. Schließlich mussten die polnischen Pioniere Liberia verlassen, so wie wir ein paar Jahre zuvor auch Angola hatten verlassen müssen – ein Land, das in dem Brief einer polnischen Expedition als für eine polnische Niederlassung äußerst geeignet beschrieben wurde: „In Angola (...) verrichten die ‚weißen Männer’ keine physische Arbeit. Nigger tun sie.“ Allerdings wurden die polnischen Pläne, Angola zu kaufen, von den Portugiesen durchkreuzt, und die Polen wurden gezwungen das Land zu räumen.

Israel in Madagaskar?

Die Idee eines polnischen Reichs in Übersee erfreute sich zwischen den beiden Weltkriegen großer Beliebtheit. Beispielsweise behauptete der Meeres- und Kolonialbund, der Polen zu einer Kolonialmacht machen wollte, dass Polen Anspruch auf 10% der ehemaligen deutschen Kolonien hätte. 1937 wurde ein kolonialer 10-Jahres-Fahrplan erstellt. Er enthielt systematische Propaganda und Stipendien für am Kolonialismus interessierte Wissenschaftler ebenso wie Darlehen und finanzielle Garantien für diejenigen, die bereit waren, das Risiko auf sich zu nehmen und nach Afrika zu ziehen. Kolonien schienen ein Allheilmittel für jegliches Problem zu sein, auch des jüdischen. 1936 kam unsere Regierung zu dem Schluss, dass es die einzig effektive und endgültige Lösung der polnisch-jüdischen Spannungen wäre, die Juden nach Madagaskar umzusiedeln und auf der Insel ein neues Palästina zu gründen. Jedoch war Madagaskar zu diesem Zeitpunkt französische Kolonie, und kurz nach Beginn der Gespräche mit der französischen Regierung wehrte sich Paris mit einer antipolnischen Kampagne. Die Zeitungen waren voll mit Slogans wie „Madagaskar eine polnische Kolonie? Niemals“ und „Wir wollen keine polnischen Juden“ – wir hatten wieder versagt. Doch auch verstärkte Spannungen und der 1939 drohende Krieg konnten Polen nicht aus seinen Kolonialträumen erwecken. Warschau bat die Botschaften in Washington und London, herauszufinden, welche antarktischen Gebiete noch unvergeben seien und daher von Polen annektiert werden könnten. Kurz darauf brach der Krieg aus und die Rollen wurden wieder vertauscht – Polen musste kämpfen, um nicht selbst Kolonie eines anderen Landes zu werden.

Auch wenn britische Kriegsverbrechen nicht mit Polens erfolglosen kolonialen Versuchen gleichgesetzt werden können, ist nicht zu verleugnen, dass auch wir versuchten, Vorteil aus der Schwäche anderer Staaten zu ziehen. Der Unterschied zwischen Polen und den Staaten mit bedeutender kolonialer Vergangenheit ist nicht moralischer Natur. Auch Polen versuchte, sich Kolonien anzueignen – nur vergeblich. Die Ungleichheit, die wir heute in der Welt vorfinden, resultiert aus dem Verhalten der Europäer der letzten Jahrhunderte. Folglich teilen sich alle Europäer die historische Verantwortung für den heutigen Zustand des Planeten. Entwicklungszusammenarbeit sollte zwar nicht ausschließlich aus dem Gefühl historischer Schuld geleistet werden, sondern aus dem Wunsch heraus, zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dennoch – den moralischen Aspekt unserer gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dürfen wir nicht vergessen.

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Die Informationen über den polischen Kolonialismus basieren in erster Linie auf folgenden Büchern:

Tadeusz Bialas: Liga Morska i Kolonialna 1930-1939

Wydawnictwo Naukowe: Nowa encyklopedia powszechna PWN