'Kolejka' - Polnisches Monopoly in Zeiten des Kommunismus

Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2011
Am 5. Februar kam Kolejka oder "Die Warteschlange", ein vom vom Polnischen Institut für Nationales gedenken (IPN) lanciertes Bildungsbrettspiel auf den Markt.
Das Spiel, das von den Medien noch vor seinem weltweiten Erscheinen auf „kommunistisches Monopoly“ getauft wurde, spiegelt eine Zeitepoche wider, in der Menschen vor den Läden Schlange standen, um beispielsweise Popularna ("Populär")- Tee zu kaufen. Ein Interview mit Karol Madaj, der das Projekt für das IPN betreute.

cafebabel.com: Karol, ausländische Medien haben Kolejka (ausgesprochen „Koleika”) als 'kommunistisches Monopoly' bezeichnet - eine Referenz an das wohl bekannteste Brettspiel der Welt.

Karol Madaj: Ich wollte mich eigentlich gar nicht so sehr auf Monopoly beziehen. Monopoly kam bereits vor 75 Jahren auf den Markt. Das ist schon uralt.

cafebabel.com: Worum geht es also genau bei Kolejka?

Karol Madaj: Kolejka soll die alltäglichen Aspekte des Lebens aus der kommunistischen Epoche aufzeigen - die leeren Regale in den Läden und langen Warteschlangen für Grundnahrungsmittel. Unser Spiel ist eine gewissenhafte Reflexion der Vergangenheit: stundenlanges Anstehen für Toilettenpapier oder Fleisch, manchmal ohne Erfolg, weil entweder die Lieferung nicht ankam oder kurz bevor man dran kam das Produkt ganz einfach vor der Nase alle war - das gab es! Man konnte sich nie sicher sein, welche Produkte wohin geliefert würden. Und genau das haben wir als Idee für das Spiel genutzt - egal wie viele Mitspieler es gibt, es werden nie genügend Produkte für alle vorhanden sein.

cafebabel.com: An welche Zielgruppe habt ihr gedacht, als ihr das Spiel konzipiert habt?

Karol Madaj: Wir haben das Spiel generationsübergreifend konzipiert, denn genau das ist unser Ziel: die verschiedenen Generationen zusammenbringen. Sowohl Kinder als auch ihre Großeltern können Spaß daran haben. Und eventuell kommt es ganz nebenbei zu ernsthafteren Diskussionen. Menschen können historisches Wissen und Erlebtes auf einer informellen Ebene austauschen. Jeder, der älter als 12 Jahre ist, kann Kolejka spielen.

Im Spiel schicken 2-5 Spieler Familienmitglieder zum Schlangestehen

cafebabel.com: Warum diese Altersgrenze?

Karol Madaj: Als das Spiel in der Testphase war, ist uns klar geworden, dass Kinder unter 12 Jahren die Frustration (der Realität des damaligen Alltags, A.d.R.), die im Spiel ständig thematisiert wird, nicht unbedingt verstehen würden. Aber ganz allgemein waren die Reaktionen von Jung und Alt - von 12 bis 84 Jahren (unser ältester Befürworter) - Freude und Lachen.

cafebabel.com: Die Nostalgiewelle ist in ehemaligen kommunistischen Staaten am Köcheln und auch ihr scheint mit Kolejka in diese Kerbe zu hauen: Geht ihr in dieser Hinsicht nicht auch ein Risiko ein?

Karol Madaj: Es stimmt schon, dass populäre Figuren wie das Väterchen Frost [der osteuropäische Weihnachtsmann; A.d.R.] beispielsweise in Deutschland heute viel bekannter sind als noch in meinen Jugendjahren. Auf der anderen Seite, wenn die Jugend heute über nostalgisch angehauchte Filme - beispielsweise von Stanisław Bareja - lachen kann, dann ist das doch gut so. Nebenbei ist auch der Look des Spiels - mit seinen Grautönen und Billigpapier - von Management-Studenten designt worden, die sogar jünger sind als ich. Es war für sie nicht nur eine Frage des Layouts. Das Wichtigste war das Wissen, dass wir dem Spiel auch eine historische Komponente beifügen wollten.

cafebabel.com: Als Expat stelle ich immer wieder fest, dass man Polen nahezu automatisch mit dem Kommunismus verbindet. Trägt das IPN-Brettspiel da nicht dazu bei?

Karol Madaj: Das Ziel unserer Bildungseinrichtung ist es, die Menschen über die Ereignisse der Jahre 1939-1989 aufzuklären. Über diese Daten gehen wir nicht hinaus. Sie müssen sich nur ansehen, warum unsere Organisation gegründet wurde - nämlich um sich an eine der unglücklichsten Zeiten der polnischen Geschichte zurück zu erinnern.

cafebabel.com: Musstest auch du damals Schlange stehen?

Karol Madaj: Nicht wirklich! Am Tag der ersten freien Wahlen (4. Juni 1989) war ich 9 Jahre alt.

cafebabel.com: Warum muss ein 12-Jähriger heute erfahren, wie es ist für Toilettenpapier anzustehen?

Wird Kolejka bei der polnischen Jugend gut ankommen?Karol Madaj: Es geht dabei darum, an unsere Geschichte zu erinnern, sie aufzuarbeiten und sicherzustellen, dass sie nicht vergessen wird.

cafebabel.com: Aber 12-Jährige spielen doch sicher lieber Computerspiele…

Karol Madaj: Diejenigen, die sich für Computerspiele interessieren, können auf unserer Webseite die elektronischen Versionen der Spiele Pamięć ’39 (‘Erinnerung an ‘39’), Awans (‘Beförderung’) oder 303 [polnisches Jagdgeschwader Dywizjon 303 im 2. Weltkrieg; A.d.R.] spielen. Für Kolejka ist leider noch keine Computerversion online. Ich persönlich bin Fan von Brettspielen. Sie sind gut, um Menschen zusammenzubringen, ganz im Gegensatz zu Videospielen, bei denen man nie Emotionen auf den Gesichtern der Spieler sehen kann.

cafebabel.com: Kolejka ist nicht das erste Spiel, das du für das IPN kreiert hast. Bist du allgemein ein Spiele-Fan?

Karol Madaj: Ja, ich habe selbst über 100 davon zu Hause. Meine Frau und ich spielen jeden Abend ein Spiel. Das IPN hat bisher bereits 4 Spiele auf den Markt gebracht, die sich exklusiv um den 2. Weltkrieg drehten (Pamięć ’39, Awans, Zostań Marszałkiem Polski [‘Werde Marschall von Polen’], 303). Aber die Beliebtheit von Kolejka hat unsere Erwartungen übertroffen. Noch vor der Premiere am 5. Februar wurde in den Medien von Frankreich, Großbritannien, sogar in Thailand und Kanada darüber berichtet.

cafebabel.com: Ich werde den Eindruck nicht los, dass unsere Generation (die 20-35 Jährigen) des 'Jetzts' beraubt wird. Unser Hier und Heute scheint immer noch von Medien und Politikern dominiert, die von der Idee eines nationalen Märtyrertums in der kommunistischen Epoche besessen sind. Anstatt unsere Zukunft zu konstruieren, wird die Vergangenheit verurteilt.

Karol Madaj: Es ist keineswegs unsere Absicht die Feuer des Märtyrertums der Vergangenheit neu zu schüren. Aber es scheint mir doch, dass wir unsere Vergangenheit kennen müssen, um unsere Gegenwart zu verstehen. Und wovon würde ein Spiel über das heutige Polen handeln?

cafebabel.com: Gute Frage - wie könnte so ein Spiel aussehen?

Karol Madaj: Ich muss zugeben, dass mir dazu nicht besonders viel einfallen würde. Ich habe kürzlich mal einen Prototypen gespielt - ein polnisches Spiel, das in den Neunzigern situiert war. Darin warst Du der Killer, der durch die Welt reiste, um Menschen zu töten – fast ein bisschen wie in diversen B- und C-Listen Filmen. Das war das einzige in der Gegenwart spielende polnische Spiel, das mir bisher untergekommen ist. Wenn ich je anderswo als beim IPN ein Spiel designen sollte, dann würde auch dieses in alten Zeiten spielen!

Fotos: (cc)enchiladaplate/flickr;; (cc)thekellyscope/flickr;; Bar (cc)h9ooo-8/flickr; Kolejka ©Karol Madaj